Lehrergeständnis zum neuen Schuljahr Warum einige Lehrer so lasch benoten

Viele Lehrer scheuen sich davor, schlechte Noten zu geben - und das liegt nicht an den guten Schülern. Sondern daran, dass sie beliebt sein wollen, keinen Ärger mögen und sich gern wenig Arbeit machen.

Alles auf null. Das neue Schuljahr beginnt, und damit sind auch die Leistungen des vorigen Schuljahres plötzlich irrelevant. Ob Klassenarbeiten, Tests oder mündliche Prüfungen: Jeder Schüler darf wieder zeigen, was in ihm steckt und wir Lehrer dürfen - oder vielmehr müssen - dafür Noten geben.

Doch warum die Aufregung? Noten sind doch längst nicht mehr das, was sie mal waren. Vervierzehnfacht habe sich die 1,0 im Abitur in den vergangenen zehn Jahren, klagte unlängst der Deutsche Lehrerverband und fordert ein Ende der "Noteninflation".

Was dabei oft vergessen wird: Die Probleme sind auch hausgemacht, denn in jedem Lehrerkollegium gibt es sie, meist sogar mehrfach: Traumnoten-Lehrer, deren Notenskala bei Befriedigend (Note 3) endet.

Die Motivation für derartiges Verhalten ist ganz unterschiedlich: "Also eine 5 gebe ich nie, da kommen dann ja die Eltern zum Gespräch. Diesen Stress geb' ich mir nicht", erläuterte mir ein Kollege sichtlich gelassen vor einer Notenkonferenz zum Ende des vergangenen Schuljahres.

Wenige Wochen zuvor hatte mich eine andere Kollegin beim Vergleich unserer Deutschklausuren an die schulinterne Regelung erinnert, wonach ab einem Schnitt von 4,0 die Klassenarbeiten dem Schulleiter vorgelegt werden müssen. Das wolle sie nicht, erkläre sie, deshalb achte sie darauf, dass der Schnitt nicht in den 4er-Bereich komme. Andere Kollegen geben beim Kaffee im Lehrerzimmer offen zu, dass sie ihr gutes Verhältnis zu den Schülern auch auf ihrer Notengebung aufbauen.

Ich fasse zusammen: Es lebt sich einfach leichter, wenn man (zu) gute Noten vergibt.

Bei mir rufen nach Klassenarbeiten und Zeugnissen auch mal entsetzte Eltern an, es kann vorkommen, dass per Mail um Referatsnoten gefeilscht wird (der Schulleiter wird dabei natürlich in "CC" gesetzt), und ich kenne mehrere Kollegen, denen bereits aufgrund ihrer Notengebung mit dem Anwalt gedroht wurde.

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Foto: Armin Weigel/ DPA

Das alles kennt die Traumnoten-Fraktion in den Lehrerzimmern nicht - im Gegenteil. Ein besonders gewiefter Erdkunde-Kollege vergibt seit Jahren auch deshalb immer so gute Noten, damit möglichst viele Schüler seinen Leistungskurs wählen. An unserer Schule ein offenes Geheimnis, das mittlerweile alle hingenommen haben.

Doch das Verhalten dieser Kollegen ist nicht nur ungerecht gegenüber den eigenen Kollegen, sondern auch gegenüber den Schülern. Jegliche Funktionen, die Zensuren haben können - Rückmeldung zum Leistungsstand, Überprüfung eines Lernziels oder Vergleichbarkeit - sind durch diese Art der Notengebung zum Scheitern verurteilt.

Ich versuche, mit meinen Noten ein realistisches Bild der Leistungen eines Schülers abzubilden. Dafür mache ich mir viele Gedanken, erstelle "Erwartungshorizonte", berechne Punktetabellen und lese Arbeiten mehrfach. Am Ende entsteht daraus eine Note, die - wie vorgeschrieben - im Bereich 1 bis 6 liegt.

All diese Arbeitsschritte und Überlegungen spart sich der Kollege, dessen Notendurchschnitt mal wieder besser als 2 beträgt. Und für mich gibt es - neben der Arbeit, die ich mir mache - noch den Ruf "besonders streng" zu sein, während sich der oben genannte Kollege vor Anmeldungen zu seinem Erdkundekurs kaum retten kann.

Und ja: Diese Unterschiede im Umgang mit Noten frustrieren mich manchmal. Nicht, weil ich mir schlechtere Noten für die Schüler wünsche, sondern weil es für (möglichst) realistische Noten keinerlei Anerkennung mehr gibt und Schülern zunehmend vermittelt wird, dass beispielsweise die Note 3 bereits eine schlechte Leistung sei. Eine 3 aber, so sagt der Gesetzgeber, bedeutet, "dass die Leistung den Anforderungen im Allgemeinen entspricht".

Wenn nun immer mehr Lehrer Traumnoten vergeben, dann ist die 3 bald die neue 5. Das geht jedoch vor allem zum Nachteil der stärkeren Schüler, aber auch der Funktion von Noten als Rückmeldung zum aktuellen Leistungsstand.

Daher meine Bitte zum neuen Schuljahr: Seid dieses Jahr ehrlicher und fairer, liebe Kolleginnen und Kollegen, und macht es euch nicht zu bequem.

Der Autor ist Lehrer an einem baden-württembergischen Gymnasium.

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