Anonymes Lehrergeständnis Weg mit den Gender-Wortmonstern!

Geschlechtergerechte Sprache? Viel zu bürokratisch, findet unser Autor, ein Lehrer aus Norddeutschland. Es ärgert ihn, wenn die Kommunikation in der Schule immer komplizierter wird.
Ein Lehrer-Schüler-Archivbild - oder eben ein Lehrerinnen-Schüler-und-Schülerinnen-Bild

Ein Lehrer-Schüler-Archivbild - oder eben ein Lehrerinnen-Schüler-und-Schülerinnen-Bild

Foto: Ingo Wagner/ DPA

"Liebe Leserinnen und Leser! Wie sollen Lehrerinnen und Lehrer Schülerinnen und Schüler ansprechen, ohne den Angesprochenen oder die Angesproche aufgrund seines oder ihres Geschlechts zu diskriminieren?

Sie haben jetzt schon keine Lust mehr weiterzulesen, weil Sie die sperrigen Formulierungen stören? Sie haben es gut, denn Sie können jetzt einfach wegklicken! Als Lehrer muss ich diese bürokratischen Formulierungen täglich hören und lesen - auf Konferenzen, in Behördenschreiben und Elternbriefen.

Schlimmer noch: Dadurch, dass die Schulleitung ihre E-Mails immer mit 'Liebe Schülerinnen und Schüler' beginnt, kann ich auch nicht mehr mit 'Liebe Schüler' kommen. Denn durch diese Norm von höchster Stelle wurde die geschlechtsübergreifende Form praktisch abgeschafft. Schreibe ich dann doch: 'Liebe Schüler, bitte kommt morgen zur ersten Stunde, ich bin wieder gesund', bleiben die Mädchen womöglich zu Hause.

Oder ich bekomme einen Rüffel der Schulleitung oder werde zum Chauvi des Monats gewählt. Dabei bin ich passionierter Windelwechsler, Wäscheaufhänger, Koch, Küchenwischer, Elternzeitnehmer, Ins-Bett-Bringer, Antikarrierist, ja sogar Französischlehrer! Aber als solcher eben auch Sprachästhet - und beim Lesen dieser Wortblasen und -monster schwillt mir leider immer die Halsschlagader an. Sprache bitte immer so einfach wie möglich und nur so kompliziert wie nötig!

'Schülerinnen und Schüler' - das ergibt nur Sinn, wenn es zu irgendeinem Mehr an Bedeutung führt. Aber es gibt so gut wie keinen Fall, bei dem ich mich ausschließlich an eines der Geschlechter wende. Warum sollte ich auch verlangen: 'Die Schülerinnen machen Aufgabe 3 und die Schüler Aufgabe 4'? Aufgabe 3 mit Ponys und Nummer 4 mit Autos? Darüber waren wir doch eigentlich schon hinweg.

Ich persönlich habe einige Kinder kennengelernt, auf die keins der beiden Geschlechter so richtig zutrifft, worunter sie sehr gelitten haben. Warum müssen wir auf dieser Zweiteilung beharren und in jeder Ansprache darauf aufmerksam machen, wie wichtig wir Geschlechter finden?

'Schülerschaft' klingt holzig

Zugegeben: Zwischenzeitlich hatte ich fast meinen Frieden mit den Kolleginnen und Kollegen gemacht, indem ich einfach nur noch KuK, SuS oder LuL schrieb. Bis genau ein solcher Kollege erklärte, diese 'Internetsprache' gehöre nicht in ein ordentliches Protokoll.

Was tun also, um den Behörden noch zu gefallen und sich trotzdem mutig den Wortmonstern entgegenzustellen? Mit 'Studierenden', 'Kollegium' oder 'liebe Leute' gehe ich ja gerne konform. Notfalls auch noch mit 'Schülerschaft' - das klingt zwar ein wenig holzig, nervt aber weniger.

Mehr zum Thema
Foto: Armin Weigel/ DPA

Überraschenderweise hat ausgerechnet ein Informatikprofessor der Fernuniversität Hagen eine interessante Lösung gefunden. In einem Kurs zu Programmiermethoden verwendet er als Reaktion auf einen Beschluss des Rektorats zum Sprachgebrauch nur noch die weibliche Form: Es sei für ihn keine Option, 'verständliche Sprache auf dem Altar der Gleichstellung zu opfern', so steht es im Vorwort.

In einem Studienfach, das zu etwa 80 Prozent Männer studieren, mag das manch einer absurd finden. Andererseits habe ich mich schon immer darüber geärgert, dass ich früher meine männliche Form mit der geschlechtsübergreifenden Form teilen musste! Wie schön wäre es doch, eine Form ganz für mein Geschlecht allein zu haben!

Übrigens werde ich jetzt Beschwerde bei der Schulbehörde einreichen. Auf einer Einladung der Schulleitung steht: 'Liebe Schülervertreterinnen und Schülervertreter!' Es müsste aber heißen: 'Liebe Schülerinnenvertreterinnen, Schülerinnenvertreter, Schülervertreterinnen und Schülervertreter!'"

Und jetzt kommen Sie

Sie sind Lehrer oder Lehrerin und möchten auch etwas gestehen, erzählen, loswerden? Dann schicken Sie uns gern Ihre kurze Geschichte (mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden) an:E-Mail senden an Lehrer@spiegel.de 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.