Anonymes Lehrergeständnis Warum ich den ersten Schultag herbeisehne

Sechs Wochen frei! Viele Menschen beneiden Lehrer um ihre langen Sommerferien. Dabei ahnen nur wenige, was mancher zu Hause durchmacht - als Vater. Hier erzählt einer anonym, wieso er dringend zur Arbeit will.

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Hurra, hurra, die Schule beginnt! Jetzt ist es bald so weit. Seit wir aus dem Urlaub zurück sind, streiche ich jeden Morgen einen Tag vom Kalender. Bald sind sie endlich vorbei, die Sommerferien, denn Ferienzeit heißt für mich Betreuungszeit.

Als Lehrer bleibt die Betreuung der eigenen Kinder in den Ferien immer an mir hängen. Meine Frau hat einen Beruf aus dieser sogenannten freien Wirtschaft - mit etwas Glück bekommt sie da zwei Wochen Urlaub am Stück. Doch sechs minus zwei macht immer noch vier! Vier Wochen Zoo, Schwimmbad, Minigolf, Stadtpark mit stetig sinkendem Budget. Und immer, wenn wir nach Hause kommen, dieser eine Satz, der mich mittlerweile fertig macht: "Mir ist langweilig!"

Jaa, ich habe auch von dieser Studie gehört, wie wichtig Langeweile doch für Kinder sei, da werden die Kinder anderer Leute anscheinend immer ganz kreativ. Wie sich diese Langeweile für die Eltern anfühlt, davon ist in der Studie leider keine Rede. Ach ja, und dann ist da noch dieser andere schöne Satz: "Und was machen wir jetzt?" Ich reagiere mittlerweile wie der pawlowsche Hund, dem beim Klingeln der Glocke schon der Speichel im Mund zusammenläuft. Nur fange ich stattdessen an zu hyperventilieren, und neuerdings ist da so ein Zucken in meinem linken Auge.

Letztes Jahr haben wir den Kleinen noch ausgetrickst

Die Große ist kein Problem, die kann sich auch mal selbst beschäftigen oder wir spielen ein Spiel, das auch mir Spaß macht - also nicht das Obstgartenspiel! Letztes Jahr haben wir den Kleinen noch ausgetrickst: Wir sind einfach jeden Morgen mit gepacktem Schulranzen zur Kita gefahren und haben ihn abgeliefert. Dann sind wir nicht links zur Schule, sondern rechts nach Hause abgebogen, haben uns ein zweites Frühstück gegönnt, und ich habe Zeitung gelesen.

Zwei Jahre lang hat meine Tochter dichtgehalten. Bis eine Erzieherin bei einem kleinen Hüsterchen meines Sohnes schnippisch meinte: "Es ist besser, wenn Paul* zu Hause bleibt. Aber Sie als Lehrer haben ja frei." Sie muss meinen Gesichtsausdruck gesehen haben und zwinkerte daraufhin meiner Tochter konspirativ zu: "Sonst passt die große Schwester auf, die hat ja auch Ferien."

Tatsächlich benötige ich für meine Arbeit in den Ferien immer so eine Woche: Abitur, Korrekturen, Vorbereitungen, Klassenfahrten, Elternbriefe und so weiter. Seit die Erzieherin mir aber die Tour vermasselt hat, komme ich zu nichts mehr. Und ich bringe es einfach nicht übers Herz, Paul in die Kita zu zwingen, zumal es auch körperlich immer schwieriger wird ihn anzuziehen, wenn er nicht will.

"Du kannst auch den ganzen Vormittag kollidieren", hatte mein Sohn mir in den letzten Herbstferien versprochen und meinte natürlich korrigieren. Leider ist ein Vormittag aus Kleinkindsicht nach einer Viertelstunde vorbei! Aber die ungute Angewohnheit des Zuhausebleibens sind wir seitdem nicht mehr losgeworden.

Drei Wochen Kitaschließzeit!

Diese Sommerferien sollte eigentlich alles anders werden: Ich wollte die gesamte Oberstufe durchplanen und mich voll auf mein neues Fach konzentrieren, das ich seit Kurzem unterrichte. Dafür brauchte ich unbedingt zwei Wochen Kita. Aber eine dunkle Wolke sollte bald am Himmel über mir und meiner Familie aufziehen: eine schicksalhafte Fügung namens Kitaschließzeit. Und diese drei Wochen überschnitten sich dummerweise überhaupt nicht mit unserem Urlaub.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich liebe meine Familie und meine Kinder, aber für so etwas sind wir Menschen einfach nicht geschaffen. Millionen von Jahren lebten wir in Sippen, da gab es immer eine ganze Schar Kinder, ein paar Omas, Onkel oder Tanten, Cousinen, Schwager - so naiv stelle ich mir das jedenfalls vor. Ich dagegen habe keine Eltern vor Ort und wir verbringen die freien Tage sehr intensiv in der Kernfamilie, in den Ferien meist zu dritt ohne Mama.

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In diesen Sommerferien bin ich dann auch öfter mal schwach geworden und habe Paul das Handy zum Spielen gegeben. Ich weiß nicht, wie er das hinbekommt, er kann nicht lesen, aber in "Township" baut er sich ganze Städte auf. Was für ein Fehler! Denn je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, was "Mir ist langweilig!" und "Was können wir jetzt machen?" eigentlich bedeuten, nämlich: "Ich will am Handy spielen!"

Jedenfalls freue ich mich sehr auf die Schule und habe mir auch schon einen Begrüßungstext überlegt: "Liebe Schüler, ich hoffe, IHR hattet wenigstens erholsame Ferien. Es ist schön, euch wiederzusehen und ich danke euch, dass ich nicht die Kruste von eurem Schulbrot abschneiden muss und ihr euch in den Pausen selbst beschäftigt! Ein schönes Schuljahr!"

*Die Namen der Kinder sind geändert.

insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
gslk 19.08.2019
1. Das darf ja wohl nicht wahr sein!
Ich hoffe, diese Geschichte entspringt der Feder eines Deutschlehrers, der mit seinen SchülerInnen Anfang des Jahres ironische Texte interpretieren will: Was für Luxusprobleme!!! Ich bin auch Lehrerin und sehr froh, dass Kita-Schließzeiten für mich und meine Familie daher kein Problem der Betreuung darstellen. Tut mir ja leid, dass ausgerechnet der Vater sich um die Kinder kümmern muss, damit die Frau in der "sogenannten freien Wirtschaft" arbeiten kann. Ein Hoch auf die Gleichberechtigung! Es macht mich wütend, wenn Kollegen mit derart hohem Gehalt (offensichtlich Gymnasialkollege mit min. A/E13) sich über die viele freie Zeit mit ihren Kindern beschweren. Ja, in den Sommerferien kann man viel vorbereiten, muss man aber nicht. Und Abiprüfungen, Klausuren, Elternkontakte, ... stehen ganz bestimmt nicht in den Sommerferien an. Hört sich bitte endlich auf, unseren Berufsstand in Verruf zu bringen und seid einfach mal dankbar für die vielen Vorteile, die wir zumindest in den Sommerferien haben!
kangootom 19.08.2019
2. Was läuft hier falsch?
1. Gelangweilte Kinder in der Ferienzeit können nerven. Keine Frage. Aber wenn ein Vater nicht mal Obstgärtchen spielen will frage ich mich wie sehr er sich in der Schulzeit mit seinen Kindern beschäftigt hat. Wurde die Erziehung an die Mutter abgeschoben? 2. Dass Lehrer in den Ferien was für die Schule machen müssen ist verständlicht. Im Prinzip ein Job den man die halbe Zeit im Homeoffice verbringt. Das Problem von mehr Ferienzeit als Urlaub betrifft aber alle. In Zeiten in denen beide Elternteile arbeiten müssen fehlt immer noch zu viel FerienBetreuung. Das betrifft nicht nur Lehrer. 3. Der abfällige Satz über der Job der Frau in der sogenannten freien Wirtschaft war unnötig und macht den Autoren unsympathisch.
godot75 19.08.2019
3. Die armen Leherer
Ich habe mich nie darüber beschwert, daß Lehrer so viele Ferien haben. Gehört halt zum Beruf und den kann man sich (in Maßen) frei wählen. Aber darüber zu klagen, daß man sich dann soo lange um die eigenen Kinder kümmern muss, finde ich schon ziemlich krass. Das betrifft überraschenderweise nämlich alle Eltern. Nur daß der Rest das auch noch irgendwo unterbringen muss. Also mal ganz entspannt durchatmen, sonst gibts noch Ferienburnout (siehe Titanic) und die guten Seiten des Lehrerberufs genießen...
PTerGun 19.08.2019
4. Was für ein Pädagoge!
Der Text klingt so, als würde in den Sommerferien die Ehefrau, wenn sie denn von der Arbeit nach Hause kommt, noch die ganze Hausarbeit erledigen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum der Herr der Schöpfung, der den Text geschrieben hat, dieses Thema mit keinem einzigen Satz erwähnt und nicht weiß, wie er seine Kinder dazu bekommen soll, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Man kann auch daheim, einfach mal die Tür zumachen und sagen, Kinder, ich habe zu tun, und dann sollte man auch etwas zu tun haben. Man kann aber auch den Kindern sagen, Papa braucht jetzt mal Zeit für sich. Dann kann man dem Kind erklären, wenn man wieder Zeit für es hat. Wenn so ein Tag für das Kind zu langweilig ist, kann man ja immer noch sagen "Wenn dir zu langweilig so ist, dann bringen wir dich am besten morgen wieder in die Kita. Da kannst du mit anderen spielen." Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder das Kind geht wirklich am nächsten Tag lieber wieder in die Kita oder es beschäftigt sich mit sich selbst. So schwer ist das doch nicht. Das klingt jedenfalls so, als wenn der Herr außerhalb der Ferien sich nicht so viel mit den Kindern beschäftigt, weil er kein Verhältnis mit ihnen zu haben scheint, auf dessen Basis man solche Abmachungen mit den Kindern treffen kann. Das sind jetzt alles Vermutungen, was ich da so rauslese. Ich kenne die Familie ja nicht. Aber das Problem, das er beschreibt, ist kein Problem der Ferien, sondern ein Problem des Lehrers mit seinen Kindern unabhängig davon.
trolland_dump 19.08.2019
5. Gleich geht das
Lehrer-Gebashe los,ich hoffe es wird wenigstens zum Teil humorvoll.Mein Senf: Unabhängig vom Lehrerberuf sollte sich doch jeder freuen (freie) Zeit mit den Kindern verbringen zu dürfen.Grade als Mann,da freut sich doch dann gleichzeitig die emanzipierte Bevölkerung gleich doppelt.Ansonsten kommt nun der Spruch mit dem Altersheim,das irgendwann von den Kindern ausgesucht wird.
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