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31. Juli 2017, 16:49 Uhr

Lehrergeständnis

Schulausflüge sind die Pest

Lehrer sind für die Sicherheit ihrer Schüler verantwortlich. Doch wer es genau nimmt mit den Vorschriften, kann eigentlich nur im Schulgebäude bleiben.

Dreijährige planschen vor den Augen ihrer Eltern im seichten Wasser, etwas ältere Kinder springen vom Steg, Jugendliche bewerfen sich mit Schlingpflanzen - und die Schüler meiner 9. Klasse sehen ihnen aus sicherer Distanz vom Strand aus zu. Ich habe ihnen verboten, ins Wasser zu gehen. Ich habe kein Deutsches Rettungsschwimmabzeichen.

Lehrer gelten mit Recht als ängstlich und übervorsichtig. Das ist bisweilen sehr uncool, aber mit wem würden Sie Ihre Kinder auf Klassenfahrt schicken? Mit Elyas M'Barek aus "Fak ju Göhte" oder mit einem dieser Fahrradlehrer mit quietschgelber Warnweste und Knieprotektoren?

Diese Schmach an der Ostsee wollte ich trotzdem nicht noch einmal über mich ergehen lassen. Nie werde ich vergessen, wie mich die hübschen Blondinen neben uns von ihren Handtüchern aus anschauten, lachten und tuschelten, als ich den Jugendlichen klarmachte: "Ihr dürft nicht ins Wasser, ich habe keinen Rettungsschwimmer." Ganz zu schweigen von der Enttäuschung der Kinder. Genauso gut hätte ich sagen können: "Hört mal alle her, ich denke, ihr solltet es alle wissen: Ich habe keinen Hoden!"

Schon am nächsten Tag meldete ich mich für eine Fortbildung zum Rettungsschwimmer an. Das war nicht nur nützlich, sondern machte auch irre Spaß - allemal besser, als nachmittags in Seminarräumen herumzusitzen.

Nun sollte also der große Tag kommen, an dem ich die Kinder als strahlender Held zu Wasser lassen durfte. Ich hatte eine Tour mit Tretbooten geplant. Insgeheim wünschte ich sogar, dass jemand ins Wasser fallen würde, damit ich ihn dann heroisch retten könnte, eben doch ein wenig Elyas M'Barek.

Kanufahren? Nicht ohne Kanuführerschein!

Dann aber erreichte mich eine E-Mail des Bootsverleihs. Durch einen Buchungsfehler seien die Tretboote schon weg, sie könnten uns lediglich Kanus anbieten. Und schon wieder bewegte ich mich in kritische Gefilde: Für Kanutouren brauchen Lehrer in Hamburg zusätzlich einen Kanuführerschein.

Angesichts der Perspektive, sonst leer auszugehen, entschied ich mich für den größten und offensten Bootstyp, einen 6er-Kanadier, und hoffte, damit aus dem Schneider zu sein. Schließlich sind Tretboote ja auch erlaubt. Fast hätte ich dann den Elyas M'Barek gemacht und es gut sein lassen, aber dann fiel mir ein, dass ich so auch die begleitende Kollegin mit in den Sumpf des Verbrechens ziehen würde. Also rief ich zur Sicherheit bei der Behörde an und erfuhr dort: Nicht ohne Kanuschein.

Zum Glück hatte ich noch ein wenig Geld in der Klassenkasse und konnte einen so genannten Paddelbegleiter für Schulklassen vom Bootsverleih dazu buchen. Im Glauben, nun wirklich auf der sicheren Seite zu sein, standen wir endlich am Kanal und zwängten uns in die orangefarbenen Schwimmwesten.

Unser Begleiter war ein junger Student, Mitte 20, der offenbar die Nacht durchgefeiert hatte. Nachdem sich die Schüler per Blickkontakt geeinigt hatten, wer nun mit ins Lehrerboot müsste, stiegen wir in die Boote ein. Unser Begleiter machte einen großen Schritt, trat daneben - und fiel, platsch, mit voller Montur ins Wasser.

Während ich noch überlegte, ob nun der Moment gekommen sei, meine Rettungsfähigkeiten vor aller Augen unter Beweis zu stellen, berappelte er sich wieder und zog sich unter Schnappatmung an Land.

Kurze Zeit später stach ein Kanu mit zwei Ersatzbegleitern für meine Klasse in See. Gleiches Alter, sympathisch, entspannt. Nach einer schönen, aber unspektakulären Kanutour auf ruhigem Wasser kam ich mit ihnen ins Gespräch. Warum wir denn Paddelbegleiter bräuchten, fragten sie, die würde sonst niemand anfragen; nein, auch keine Schulklassen.

"Ich habe keinen Kanuschein", gab ich zu und fühlte mich wieder so ähnlich wie damals am Strand. "Aber ihr habt ja sicher einen?", hakte ich nach. "Kanufahren, das kann doch jeder", war die Antwort, "dafür braucht man keinen Schein". Schließlich bräuchte man ja auch keinen Fahrradschein. (Da bin ich mir übrigens gar nicht so sicher. Vor meinem nächsten Fahrradausflug frage ich besser noch mal bei der Schulbehörde nach.)

Fest steht: Meine Klasse war mit Paddelbegleitern ohne Kanuschein unterwegs. So habe ich also unfreiwillig dann doch noch den M'Barek gemacht. Aber als Lehrer stehe man sowieso immer mit einem Bein im Gefängnis, heißt es ja.

Zumindest habe ich jetzt einen Grund, weitere Seminarnachmittage durch Kanustunden zu ersetzen, denn zur nächsten Kanufortbildung melde ich mich an, garantiert.

Der Autor ist Lehrer an einem Gymnasium.

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