Knast-Schulleiter über junge Straftäter Bruchrechnen für Einbrecher

Klaus Vogel unterrichtet Jugendliche in einem Gefängnis. Hier verrät er, wie er Straftäter auf den richtigen Weg zu führen versucht - und warum die Rückfallquote trotzdem bei 60 Prozent liegt.

Häftling in Jugendstrafanstalt (Archivbild): "Sie haben schlimme Dinge getan, sie sind aber noch keine Verlorenen"
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Häftling in Jugendstrafanstalt (Archivbild): "Sie haben schlimme Dinge getan, sie sind aber noch keine Verlorenen"

Ein Interview von Daniel Kastner


Zur Person
  • Harry Schnitger
    300 junge Männer sitzen in der Jugendstrafanstalt Berlin-Plötzensee ein - Schulleiter Klaus Vogel, 61, unterrichtet dort Mathe und Deutsch. Zusammen mit zwölf Kollegen betreut er die 14- bis 24-Jährigen, die keinen Schulabschluss haben. Am 10. Oktober erscheint beim Riva-Verlag sein Buch "Lebenslänglich Knastlehrer".
SPIEGEL ONLINE: Herr Vogel, haben Sie manchmal Angst vor Ihren Schülern?

Vogel: Nee, sonst könnte ich den Job nicht machen. Der Unterricht verläuft meistens harmlos - so wie draußen auch. Es gibt Stressphasen, in denen ich sie ermahnen und disziplinieren muss, und erst in der allerletzten Stufe würde jemand aus dem Klassenraum entfernt, notfalls unter körperlichem Zwang.

SPIEGEL ONLINE: Das machen Sie aber nicht selbst?

Vogel: Nein, das machen die Kolleginnen und Kollegen vom allgemeinen Vollzugsdienst.

SPIEGEL ONLINE: Sitzen die mit im Klassenraum?

Vogel: Nein, aber jemand ist in der Nähe, sodass er mich schnell unterstützen könnte. Wir haben auch Alarmmelder, die aussehen wie Feuermelder. Wenn ich den Alarmknopf drücke, sind innerhalb von zwei Minuten 20 bis 30 Kollegen da. Das vermeiden die Jungs lieber.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft lösen Sie Alarm aus?

Vogel: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals selbst den Knopf gedrückt hätte. In den 30 Jahren bin ich noch nie wirklich körperlich angegriffen worden.

SPIEGEL ONLINE: Sie wirken so sanftmütig - wie verschaffen Sie sich Respekt?

Vogel: Ich kann eben auch anders (lacht). Situationsangemessener Auftritt ist alles. Nein, ich stelle am Anfang eines Kurses fünf Regeln klar: Keine Gewalt, Respekt, Toleranz, Leistung und Anordnungen befolgen. Und das wird konsequent durchgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Sie unterrichten Dealer, Einbrecher, manchmal auch einen Mörder - wie trennen Sie im Kopf zwischen Schüler und Täter?

Vogel: Die Grundüberzeugung ist: "Sie haben schlimme Dinge getan, aber sie sind deshalb in diesem Alter noch keine Verlorenen." Ein Leben liegt vor den Jugendlichen, Menschen können sich ändern. Es braucht dieses positive Menschenbild, sonst könnten wir diese Aufgabe nicht erfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht ein Klassenraum im Knast aus?

Vogel: Wie ein Standard-Klassenraum mit zwölf Tischen und einer Tafel. Abgeschlossen wird der übrigens nicht. Außerdem haben wir einen Fachraum mit Computern. Wir lassen die Jugendlichen aber nur auf unproblematische Internetseiten, die wir eigens freischalten.

SPIEGEL ONLINE: Wo kommen Ihre Schüler denn her?

Vogel: Zwei Drittel kommen aus nicht deutschen Herkunftsfamilien, ein Drittel aus deutschen. Viele besuchen hier Grundbildungskurse oder lernen Deutsch als Fremdsprache.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach dem Klischee vom "kriminellen Ausländer". Wie kommen diese Zahlen zustande?

Vogel: Die Frage ist doch: Wer wird delinquent? Das sind die, die aus problematischen familiären oder sozialen Verhältnissen kommen. Und Flucht oder Migration sind oft keine stabilisierenden Entwicklungsbedingungen. Unsere Jungs sind herausgefallen aus unseren Standards von Schulbildung, Ausbildung, Berufstätigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Warum kommen sie dann in Ihren Unterricht?

Vogel: Weil sie im Jugendstrafvollzug zur Mitarbeit verpflichtet sind. Zu Beginn der Haft ermitteln wir ihren Förderbedarf und erklären ihnen, welche Maßnahmen sie besuchen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist deren Motivation ja vermutlich im Keller...

Vogel: Es gibt auch bildungsinteressierte Jungs, und manche lassen sich darauf ein, um sich nicht den ganzen Tag allein in der Zelle zu langweilen. Und sie verdienen ja auch ein bisschen Geld damit - die im Gefängnis üblichen zehn bis zwölf Euro pro Tag.

SPIEGEL ONLINE: Was steht gerade auf dem Stundenplan?

Vogel: In Mathe wiederholen wir gerade Grundrechenarten. In Deutsch üben wir, wie man eine Bewerbung schreibt, und wir haben gerade den "Hauptmann von Köpenick" gelesen.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt der Unterricht den Jugendlichen?

Vogel: Bildung ist die beste Rückfallprophylaxe, weil sie die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert. Dazu gehört auch die Entwicklung der Persönlichkeit mit ihren sozialen Kompetenzen. Der Strafentlassene soll ja später auch seine Arbeit behalten und nicht bei der ersten Schwierigkeit den Kollegen oder Chef verprügeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele werden trotzdem rückfällig?

Vogel: Etwa 60 Prozent, diese Zahl haben die kriminologischen Institute erhoben.

SPIEGEL ONLINE: So viele?

Vogel: Wir können natürlich in 12 bis 15 Monaten nicht kitten, was in 18, 19 Jahren schiefgegangen ist. Es ist aber nicht immer eine Straftat in derselben Qualität; wer wegen Straßenraubes gesessen hat und später beim Drogenhandel erwischt wird, gilt trotzdem als rückfällig. 10 bis 15 Prozent der Entlassenen sehen wir hier noch mal wieder.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen Sie diesen Job eigentlich?

Vogel: Was gibt es denn Wichtigeres, als unseren Jugendlichen Bildung zu vermitteln, gerade im Knast? Deren Allgemeinbildung ist zum Teil desolat. Sie wissen nichts über die Welt, und Schwarz-Weiß-Denken ist ihr Ausweg, weil sie die Grautöne gar nicht kennen. Die zu vermitteln, das macht mir Spaß.

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Riva; 208 Seiten; 14,99 Euro.

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
kobmicha 14.10.2014
1. Und die Rückfallquote?
Das interessiert mich ja dann doch mal. Aber bitte OHNE die Zahlen der Leute die durch diese "Schulungen und Resozialisierungen "ihren Lebensunterhalt und gehobenen Lebensstandart bestreiten?
brazzy 14.10.2014
2. Oh Mann...
Zitat von kobmichaDas interessiert mich ja dann doch mal. Aber bitte OHNE die Zahlen der Leute die durch diese "Schulungen und Resozialisierungen "ihren Lebensunterhalt und gehobenen Lebensstandart bestreiten?
Dass jemand rummosert ohne den Artikel gelesen zu haben ist ja schon fast normal. Aber nichtmal die Einleitung? Und worauf wollen sie eigentlich hinaus?
papayu 14.10.2014
3. Einmal Knacki, immer Knacki!!
Wer stellt schon Vorbestrafte ein. kaum einer, die Angst ist viel zu gross. Wenn jemand straffaellig geworden ist, erscheint das schon im POLIZEILICHEN FUEHRUNGSZEUGNIS. Und dann ist Schluss!! Es sei denn, man heisst Ull usw.Die Kleinen haengt man, die Grossen laesst man laufen. Und es sind bereits so Viele und jeden Tag kommen Neue hinzu. Das sind die, denen immer noch versprochen wird, dass sie hier arbeiten duerfen. Und dann wird nichts draus. Selbst die deutsche Jugend hat nicht mehr viele Chancen. Da habe ich 2 Kusinen, beide mit Diplom 24 und 26 Jahre alt und ausser Praktikum kein Angebot. Es stehen schon 50 oder mehr vor derselben Tuer. Wie heisst die neue Bildungsministerin und wo kann man sie ansprechen?? Aber selbst das ist zwecklos. Schon vor vielen Jahren war eine Lehre bei Daimler kaum moeglich, erst kamen die BEZIEHUNGEN dran. Der Onkel, der Nachbar, der Freund usw. Milch fliehst immer noch, Honig wenig. Milch, wenn die Bauern ihren Ueberschuss auf die Strassen kippen. Und der Honig bleibt bei den Abgeordneten, die dann dem Wahlvolk diesen ums Maul schmieren. Sollten Sie tippfehler entdecken, so bitte ich diese zu uebersehen, meine Augen und Finger sind nicht mehr mit 76 die Besten.
osnase92 14.10.2014
4.
@3 A)durchatmen und b)noch einmal erklären in Ruhe Nun zum Artikel: Respekt vor diesem Mann und seinen Idealen!
superswissmiss 14.10.2014
5. Rückfallquote und Kuscheljustiz
Kürzlich lief im Schweizer Fernesehen ein Dokumentarfilm zum Jugendstrafvollzug. Wer sich tiefer fürs Thema interessiert: http://www.srf.ch/player/tv/dok/video/zwischen-recht-und-gerechtigkeit-von-carlos-und-anderen-jungen-straftaetern?id=172e53c7-2dd7-46a4-a510-5b98824beced Meiner Meinung nach beleuchtet der Film das Thema von allen Seiten: Kosten, Jugendliche, die sich partout auf keine Massnahme einlassen, Druck der Öffentlichkeit auf Politik und von dieser auf die Mitarbeiter der Jugendanwaltschaft, Rückfallquoten in USA - CH, Stellung der Opfer im erzieherisch ausgelegten Jugendstrafvollzug...
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