Mangel an Pädagogen Warum in Deutschland so viele Lehrer fehlen

Grund- und Berufsschulen spüren es besonders stark: Bundesweit fehlen Lehrer. Woran liegt das? Wie steuern die Länder gegen? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Schule in Sachsen 2012: "Politisches Planungsversagen"?
Hendrik Schmidt/ DPA

Schule in Sachsen 2012: "Politisches Planungsversagen"?

Von , und Franca Quecke


Auch zum neuen Schuljahr können bundesweit nicht alle Lehrerstellen besetzt werden. So viel ist sicher. Doch wie groß die Not der Schulen ist, geeignetes Personal zu finden, ist nicht leicht zu erheben.

Noch sind die Schulen zwar bundesweit in den Sommerferien. Doch der Lehrerverband hat trotzdem bereits einen Versuch gestartet, die Lücke zu beziffern: Bundesweit würden zum Schuljahresbeginn rund 15.000 Lehrerstellen offenbleiben, schätzt Verbandschef Meidinger.

Der Deutsche Philologenverband, der vor allem die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt, warf der Politik ein "Planungsversagen" vor. "Schüler- und Lehrerbedarfsprognosen sind kein Hexenwerk", sagte die Verbandsvorsitzende Susanne Lin-Klitzing der Nachrichtenagentur dpa. Die Planung der Unterrichtsversorgung müsse in den Ländern und der Kultusministerkonferenz "besser wahrgenommen werden".

Doch warum ist das Problem so schwer in den Griff zu bekommen? Und wie ist es um die Lehrerversorgung bundesweit genau bestellt? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Wo herrscht Lehrermangel?

Nicht überall. Es gibt massive Unterschiede zwischen den Schulformen - und auch zwischen West- und Ostdeutschland. Während für Gymnasien deutschlandweit in der Regel ein Überangebot an Lehrern besteht, fehlen sie besonders an Grund- und Berufsschulen. Zudem ist die Lage im Osten deutlich angespannter als im Westen.

Ob der Lehrerverband mit seiner Schätzung richtig liegt, wird sich zeigen. Aus fast allen Bundesländern hätten Verbandsvertreter jedoch zurückmeldet, dass es verglichen mit dem Vorjahr noch schwieriger geworden sei, Lehrerstellen zu besetzen, sagte Meidinger vom Lehrerverband.

Einzelne Bundesländer werden in den kommenden Wochen bekanntgeben, wie viele Lehrer in ihrem Gebiet fehlen. Berlin und Brandenburg, wo am Montag als erstes die Schule wieder losgeht, haben bereits gemeldet, dass alle freien Lehrerstellen besetzt werden konnten - allerdings mit vielen Quereinsteigern, die noch weiter ausgebildet werden müssen.

Eine Zahl, wie groß der Lehrermangel bundesweit ist, wird die Kultusministerkonferenz nicht verkünden. Zu wenig aktuell seien die Rückmeldungen aus den Ländern, heißt es dort.

Warum ist es so schwierig, den Lehrermangel vorherzusagen?

Neue Lehrer lassen sich nicht aus dem Hut zaubern. Wer im vergangenen Jahr als Lehramtsstudent angefangen hat, braucht etwa sieben Jahre, bis er fertig ist und gegebenenfalls eine Lücke füllen kann. Deswegen ist es wichtig, den Bedarf an Lehrern möglichst akkurat vorherzusagen.

Man sollte meinen, das sei einfach: Wie viele Kinder eingeschult und wie viele Lehrer in Ruhestand gehen werden, ist Jahre im Voraus bekannt. Es spielen jedoch auch noch andere Faktoren in diese Berechnung hinein:

  • Bildungspolitische Entscheidungen wie Vorgaben zur Klassengröße oder besondere pädagogische Maßnahmen beeinflussen ebenfalls die Frage, wie viele Lehrer gebraucht werden - und können mitunter recht kurzfristig fallen.
  • Nicht alle, die ein Studium beginnen, führen dieses auch zu Ende - und arbeiten danach als Lehrer. Gerade in den vergangenen Jahren guter Konjunktur hätten viele Lehramtsabsolventen eine Anstellung in der freien Wirtschaft dem Lehrerberuf vorgezogen, sagte Meidinger vom Lehrerverband.

Für das Jahr 2019 hat die Kultusministerkonferenz prognostiziert: 33.540 Lehrer werden gebraucht; dieser Zahl stehen 30.210 Absolventen gegenüber.

Doch selbst diese Berechnung ist nicht besonders aktuell. Denn die Bundesländer melden der Kultusministerkonferenz zu unterschiedlichen Stichtagen ihre Schüler- und Lehrerzahlen. Die Statistischen Landesämter prüfen diese Zahlen, was von Land zu Land unterschiedlich lange dauert. Wenn der Stichtag im Oktober liegt, kann es sein, dass die Kultusministerkonferenz die Zahlen erst im Juni erhält. Dementsprechend langsam passt sie ihre Bedarfsprognosen an.

Warum gibt es Lehrermangel?

Der aktuelle Mangel sei vor allem damit zu begründen, dass die zuständigen Ministerien lange Zeit mit sinkenden Schülerzahlen gerechnet und daher die Ausbildungskapazitäten zu stark zurückgefahren hätten, erklärt Klaus Klemm, pensionierter Professor für Bildungsforschung und Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.

Zwei Faktoren, die den Lehrermangel verschärfen, seien nicht vorauszusehen gewesen, sagt Klemm: Neben den Kindern von Zugewanderten und Flüchtlingen seien das die seit einigen Jahren stark steigenden Geburtenzahlen.

Hinzu kommt, dass bis in die Achtzigerjahre sehr viele Lehrer eingestellt wurden, um auf die steigenden Schülerzahlen zu reagieren, die sich aus dem sogenannten Babyboom der Nachkriegsjahre ergaben. Diese Lehrer gehen nun nach und nach in den Ruhestand.

Während die sogenannte Pensionierungswelle im Westen bereits abebbe, werde sie im Osten zu weiteren Problemen führen, sagte Verbandschef Meidinger. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel gehen dem dortigen Bildungsministerium zufolge fast 80 Prozent des Kollegiums bis zum Jahr 2030 in den Ruhestand, und Nachwuchs ist vor allem für Stellen auf dem Land schwer zu finden.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat außerdem gezeigt, dass bis zum Jahr 2030 fast die Hälfte der bundesweit rund 125.000 Berufsschullehrer in den Ruhestand geht. Allein bis zum Jahr 2020 werden jährlich 4000 neue Berufsschullehrer durchschnittlich benötigt.

Wie haben die Länder auf die Entwicklung reagiert?

Kaum ein Bundesland habe rechtzeitig gegengesteuert, sagt Bildungsforscher Klemm. Einzig Bayern habe die Ausbildungskapazitäten für Lehrer zügig hochgefahren und begonnen, jährliche Bedarfsprognosen zu erstellen. Teilweise erst einige Jahre später hätten auch die anderen Bundesländer reagiert und beispielsweise das Kontingent an Studienplätzen für angehende Grundschullehrkräfte erweitert.

Was tun die Länder noch ?

In allen Bundesländern wurden inzwischen Maßnahmen ergriffen, um gegen den Mangel vorzugehen. Zwei haben sich etabliert:

  • Wer ein Lehramtsstudium und ein Referendariat für eine bestimmte Schulform abgeschlossen hat, kann Zusatzqualifikationen erwerben, die den Wechsel zu einer anderen Schulform möglich machen. So können zum Beispiel Lehrer in Bayern, die eine Ausbildung für das Gymnasium abgeschlossen haben, mit einer Zusatzausbildung an einer Grundschule eingestellt werden.
  • Wer ein Fach-, aber kein Lehramtsstudium abgeschlossen hat, kann in nahezu allen Bundesländern Zusatzqualifikationen erwerben, die den Quereinstieg an eine Schule ermöglichen. Wer also beispielsweise ein reines Germanistik-Studium absolviert hat, kann auf diesem Weg Lehrer werden.

Beide Maßnahmen sind jedoch nicht allzu populär. Berlin, wo nur noch rund vier von zehn Lehrkräften ein Lehramtsstudium abgeschlossen haben, steht heftig in der Kritik dafür, so viele Quereinsteiger einzustellen. Und um mehr Gymnasiallehrer an die Grundschulen zu locken, wollen einige Bundesländer Grundschullehrern mehr bezahlen. Doch auch darüber gibt es Streit.

Was könnten die Länder noch besser machen?

Bildungsforscher Klemm ist der Überzeugung, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, um den Lehrermangel erfolgreich zu verringern. Er fordert deshalb:

  • Eine Aufhebung der Zusatzverdienstgrenze: "Es muss für Lehrer, die kurz vor dem Ruhestand stehen, attraktiver gemacht werden, noch ein oder zwei Jahre weiterzuarbeiten", sagt Klemm. "Man kann keinen Pensionär dazu zwingen, das zu tun. Aber es gäbe sicherlich mehr Menschen, die sich dazu bereiterklären würden, wenn sie für diese besondere Leistung auch angemessen entlohnt würden."
    Bisher sei es in den meisten Ländern so: Wer länger bleibe, obwohl er nicht müsse, bekomme nur ein wenig mehr Geld. "Der Zusatzverdienst sollte verhandelbar sein und nicht von oben gedeckelt werden", sagt Klemm.
  • Erleichterungen für Mütter: "In vielen großen Betrieben gibt es Kitas oder andere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder von Mitarbeitern", sagt Klemm. "Wenn Kommunen ihren Lehrern garantieren könnten, dass ihre Kinder nahe der Schule anständig betreut werden, würden sehr viele Mütter nach der Geburt womöglich schneller in den Schuldienst zurückkehren." Es gebe bundesweit zu wenige an Schulen angedockte Kitas, in denen Kinder von Lehrern betreut werden könnten.
insgesamt 205 Beiträge
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Europa! 04.08.2019
1. Frust
Könnte es sein, dass sich viele Lehrer aus Frust über ständige "Reformen", übermäßige Belastung durch "schulferne" und aggressive Zöglinge und fragwürdige Vorschriften über die Behandlung derselben frühzeitig und krankheitshalber zurückziehen? Ich meine, das in den letzten Jahren immer öfter gelesen zu haben.
brux 04.08.2019
2. Frage
Man fragt sich, wer das Plakat geschrieben hat. Wegen erfordert den Genitiv. Was war zuerst da: Der Lehrer- oder der Bildungsmangel?
lilalaunebär_123 04.08.2019
3. Unattraktive Einstellung als Angestellter
Es ist völlig unattraktiv für junge Lehrer, die wie in BaWü nur Zeitverträge für die Zeiträume zwischen den Ferien erhalten. Sie werden zum Schuljahresbeginn eingestellt und die Befristung läuft immer zu Ferienbeginn aus (bei allen Ferien). Die Arbeitszeit reicht nicht einmal aus, um während der Ferien Arbeitslosengeld zu beantragen. Die Zeit in der sie arbeiten ist einfach weniger als 18 Monate. Daher müssen die während der Zeit ALG2 beantragen. Völlig krankes System.
sozialismusfürreiche 04.08.2019
4. ich bin nicht ganz im Bilde ...
War nicht jahrelang die Diskussion die Lehrer-verbeamtung abzuschaffen? Wurde das gemacht? Und wenn ja, verdienen die nicht verbeamteten Lehrer viel schlechter und müssen länger pro Woche arbeiten? Wenn das so wäre, dann sehe ich dort die Erklärung warum der Nachwuchs fehlt. Wer nicht verbeamtet ist sollte wirklich wesentlich mehr verdienen als verbeamtete Lehrer aber auch nicht unbedingt sehr viel mehr pro Woche arbeiten müssen. Und hören wir bitte mit dem Lehrer-Bashing bzgl. Arbeitszeit und Schulferien auf. Das ist für mich keine ernsthafte Diskussionsgrundlage ...
bazzu1234 04.08.2019
5. Zwei Aspekte fehlen:
1. An vielen Schulen bestehen bis zu 70% der Stellen aus Teilzeitlehrkräften. Viele davon werden aus der Arbeitslast heraus in die Teilzeit getrieben, da eine volle Stelle kaum noch zu bewerkstelligen ist. 2. Die gesellschaftliche Ächtung, die zunehmende Abkopplung von der allgemeinen Lohnentwicklung und die stetig wachsenden Aufgabenbereiche machen den Job einfach unattraktiv.
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