Lehrer und die Einwanderungsgesellschaft Überfordert und alleingelassen

Kinder mit Migrationshintergrund? Längst der Normalfall in der Schule, jedes dritte Kind hat ausländische Wurzeln. Trotzdem sind die Lehrer darauf nur miserabel vorbereitet, zeigt eine neue Studie.

Deutschunterricht für Flüchtlingskinder in Erfurt (Archivbild)
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Deutschunterricht für Flüchtlingskinder in Erfurt (Archivbild)

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Schon der erste Satz sagt alles. "Deutschlands Lehrkräfte werden im Schulalltag zu oft alleingelassen", schreiben die Autoren der Studie "Lehrerbildung in der Einwanderungsgesellschaft", die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Ganz selbstverständlich werde zwar von den Lehrern erwartet, dass sie die gestiegene Zahl junger Flüchtlinge und förderungsbedürftiger Kinder und Jugendlicher individuell unterstützen. Nur: Von Ländern und Vorgesetzten kommt kaum Hilfe, Lehrer sollen ihre Probleme selbst lösen.

Der "Normalfall Vielfalt" ist im Klassenzimmer längst eingetreten, ohne dass die Aus- und Weiterbildungskonzepte für Lehrer entsprechend angepasst wurden, kritisieren die Forscher des Mercator Instituts an der Uni Köln und des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), die die Studie verfasst haben. Verantwortlich seien "deutliche Mängel in der Lehrerbildung in den Bundesländern".

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Zuwanderung ist in deutschen Schulen ein alter Hut: Bundesweit hat jedes dritte Kind schon heute einen Migrationshintergrund.
  • Viele Lehrkräfte haben nicht gelernt, wie sie auf kulturelle und sprachliche Unterschiede im Klassenzimmer angemessen reagieren können.
  • Das gilt auch für die Lehrerausbildung: Nur in wenigen Bundesländern lernen angehende Lehrer systematisch den Umgang mit sprachlicher und kultureller Vielfalt.
  • Lehrerfortbildung: Es gibt zu wenige wirksame Qualifizierungsangebote; und wenn doch, dann sind die Fortbildungen oft zu kurz und zu praxisfern.

Eigentlich ist klar: Der kompetente Umgang mit ganz unterschiedlichen Lernvoraussetzungen bei den Kindern müsste angesichts der Vielfalt im Klassenzimmer längst "zentrales Lernziel für alle Lehrkräfte" sein, wie die Forscher schreiben - doch davon sind die meisten Bundesländer weit entfernt. Nur in fünf Ländern sind ausnahmslos alle angehenden Pädagogen verpflichtet, sich im Studium mit der Frage des Spracherwerbs zu beschäftigen.

Damit die Lehrer ihre "zentrale Rolle für die Integration junger Flüchtlinge" wahrnehmen könnten, müsste dringend nachgesteuert werden: "Anstatt einige wenige Lehrkräfte für den Unterricht in sprachlich und kulturell vielfältigen Schulklassen zu spezialisieren, sollten alle Lehrerinnen und Lehrer im Rahmen ihrer Aus- und Fortbildung eine Basisqualifikation in Sprachbildung und interkultureller Pädagogik erhalten", fordern die Wissenschaftler.

Doch obwohl die Länder bei Fortbildungskursen für Lehrer deutlich schneller reagieren könnten als bei der Umstellung der Studieninhalte, haben die Autoren bei der Durchsicht aller Weiterbildungsangebote in Deutschland ebenfalls massive Mängel ausgemacht. Schon der Umfang der Kurse wird den Herausforderungen überhaupt nicht gerecht, zeigt die Studie.

Drei Forderungen leiten die Bildungsforscher aus ihren Befunden ab: Alle angehenden Lehrer müssten sich verpflichtende Basiskompetenzen in der Sprachbildung aneignen; die Fortbildungsangebote der Länder für Lehrer müssen dringend aktualisiert und auf ganze Kollegien statt auf Einzelpersonen ausgerichtet werden; und die Kursangebote sollten zentral und transparent recherchierbar sein, um auf diese Weise mehr Lehrer für Weiterbildungen zu gewinnen.



insgesamt 78 Beiträge
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mr.northman 06.09.2016
1. Wohl war
Sie sprechen ein riesiges Problem an, und zu wünschen ist, das Sie damit nicht nachlassen. Bei uns ist eine Realschule auf der 70-80% Kinder mit Migrationshintergrund gehen, das Bildungsniveau ist erschreckend. Viele und zwar vor allem die Jungens sprechen nur gebrochen deutsch, karger Wortschatz, kaum verstandene Grammatik. Ein riesiges Versäumnis des Staates. Wie soll man da glauben, das es jetzt bei den Neuankömmlingen besser läuft, vor allem wo die CDU/SPD Regierung ständig die Ausgaben kürzt und das wichtigste die Bilanzen sind, als wäre die Gesellschaft ein börsennotiertes Unternehmen.
hornochse 06.09.2016
2. Diese Fortbildungen
lassen vieles offen und sind meist ohne Praxisnähe. Nach drei Tagen wurde zwar vieles gesagt am Ende steht man aber erneut allein vor der Klasse und darf seine "Feldversuche" unternehmen. Fachlich ausgebildete Lehrassistenten müssen zwingend den U. begleiten die sowohl in Inklusion als auch Integration geschult sind, um eine adäquate Betreuung zu gewährleisten und die eine Unterstützung des Lehrers beim unterrichten sind. Dafür fehlt es aber an allen Ecken. So ist der Lehrer mit dem Debakel allein und erhält die volle Breitseite.
prjctdth 06.09.2016
3. Qualifikation schön und gut
ich habe selbst im Studium (NRW) "Deutsch als Zweitsprache" als Vorlesung und Seminar besucht, was viele neue Perspektiven eröffnet hat. Nur frage ich mich, wie ein einzelner Lehrer 30 Schüler unterschiedlichster Voraussetzungen (#Binnen-Differenzierung, #Inklusion) adäquat fördern soll. Hier ist auch der Personalschlüssel das Problem. Stattdessen wird eine Schule nach der anderen geschlossen...
siebenh 06.09.2016
4. Fragen, die mir keiner beantworten kann
Ich hab da ein paar Frage aus der Praxis. Staatliche Regelschule. Wir haben zumeist 45 Minuten Zeit für den Stoff. Ich habe sehr heterogene Klassen, in denen man individualisieren muss. Auch bei uns hat ca. jedes dritte oder vierte Kind einen Migrationshintergrund. Ich komme in die Klasse rein, möchte meinen Unterricht möglichst schnell nach Hausaufgaben- und Anwesenheitskontrolle beginnen. Was konkret erwartet die Gesellschaft oder die Politik jetzt von mir, wenn da Schüler sind, die ich nicht ins Unterrichtsgeschehen einbinden kann, weil sie entweder kein Deutsch sprechen oder äußerst merkwürdiges Verhalten an den Tag legen? Soll ich die an der Hand oder in den Arm nehmen? Soll ich für jede Stunde die Inhalte in andere Sprachen übersetzen und die Schüler das dann bearbeiten lassen? Soll ich im Wirtschaftsunterricht 20 Minuten Deutsch üben? Und was soll ich denn bei den Fortbildungen genau erlernen? Dass ich Verständnis aufgrund der kulturellen und geschichtlichen Entwicklung der jeweiligen Herkunftsländer aufbringe? So nach dem Motto - naja, Frauen sind in dem Herkunftsland minderwertig (siehe Artikel über Afghanistan heute morgen), also ist es nicht so wild, dass der Schüler seiner Banknachbarin Kaugummi in die Haare klebt und sie hin und wieder anfasst. Ich hätte gerne mal eine konkrete Auflistung von Ideen und Vorschlägen, was ein Lehrer genau im Unterricht machen kann/soll, um dieser Situation gerecht zu werden! Ich kann leider kein türkisch, russisch, polnisch. Zur Zeit stopfen wir einfach alles in die Schulen, irgendwas wird schon passieren. Beispiel bei uns: Spricht in der achten Klasse kein Wort Deutsch - egal. Irgendwas passiert schon. Ja, es passiert wirklich was. Der Schüler schläft den ganzen Tag, weil er nix mitbekommt. Und zwar so wirklich. Schnarcht sogar. Ähnliches läuft gerade mit dem Thema Inklusion. Da hatte einer ne tolle Idee, ist wahrscheinlich mit dem Thema drei Besoldungsstufen aufgestiegen, wollte sich aber mit den konkreten Umsetzungen nicht mehr wirklich beschäftigen. Das sollen dann andere machen. Macht aber keiner. Soll der Lehrer machen. Wenns nicht funktioniert, ist der schuld.
Freifrau von Hase 06.09.2016
5.
Auf der anderen Seite sind Lehrer keine Sozialarbeiter sondern eben Lehrer. Warum sollen Lehrkräfte das Einwanderungschaos ausbaden?
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