Lehrer-Umfrage Vier Jahre Grundschule sind zu kurz

Lehrer haben aus dem Pisa-Schock gelernt und denken um. Einer GEW-Umfrage zufolge fordert inzwischen die klare Mehrheit eine längere gemeinsame Schulzeit aller Schüler - am Sitzenbleiben allerdings wollen die Pädagogen festhalten.


Der Pisa-Schock hat bei Lehrern einen deutlichen Meinungsumschwung bewirkt: Mittlerweile befürworten 56 Prozent eine Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit über vier Jahre Grundschule hinaus - bei der letzten Umfrage dieser Art vor acht Jahren waren es lediglich 24 Prozent. Und 52 Prozent der Lehrer fordern eine stärkere Durchlässigkeit zwischen den Schulformen.

Grundschüler (in Magdeburg): Auch Lehrer denken jetzt um
DDP

Grundschüler (in Magdeburg): Auch Lehrer denken jetzt um

Im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte das Institut für Schulentwicklungsforschung im Januar und Februar bundesweit 1034 Lehrer der Sekundarstufe I befragt. Demnach plädierte zum ersten Mal eine Mehrheit der Pädagogen für eine längere gemeinsame Schulzeit; bei einer ähnlichen Umfrage unter Eltern lag die Zustimmungsquote 2004 bei 44 Prozent. Die Lehrer hätten jetzt der frühen Auslese der Schüler und dem gegliederten Schulsystem eine Absage erteilt, betonte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer. In Ostdeutschland wollten sogar drei Viertel der Befragten eine gemeinsame Schule für alle Kinder.

Demmer forderte die Kultusminister auf, angesichts der Reformbereitschaft unter den Lehrern die deutsche Schulstruktur "nicht länger zum Tabu zu machen". Im weltweiten Vergleich werden nur noch in Deutschland und Österreich die in der Regel zehnjährigen Grundschüler auf verschiedene Schulformen aufgeteilt.

Schlechte Noten für die Bildungspolitik

Auch die Ganztagsschule findet inzwischen deutlich mehr Beifall. Während 1998 noch mehr als 30 Prozent der Lehrer gegen Ganztagsschulen waren, sind es heute nur noch 15 Prozent - bei 65 Prozent Befürwortern. Außerdem sprechen sich inzwischen 74 Prozent der Pädagogen für mehr Bildungsmöglichkeiten für Arbeiterkinder aus, ebenfalls ein deutlicher Anstieg.

Schlechte Noten gaben Lehrer den Politikern: Auf die Ergebnisse der internationalen Pisa-Studie habe die Bildungspolitik schlecht reagiert, meinen drei Viertel der Befragten. Vom Abschaffen des Sitzenbleibens, gerade wieder in der Diskussion, halten sie wenig: 62 Prozent wollen daran festhalten. Bildungsministerin Annette Schavan hatte am Wochenende das Sitzenbleiben als wichtiges letztes Sanktionsmittel der Lehrer bezeichnet. Die GEW dagegen unterstützt die Forderung von Ute Erdsiek-Rave, derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, das Sitzenbleiben durch mehr Schülerförderung "soweit es geht überflüssig zu machen".

Das Belastungsniveau der Lehrer hat sich laut Umfrage über die Jahre hinweg kaum verändert. Etwa jeder siebte Pädagoge (14 Prozent) fühlt sich ausgebrannt, vor allem Haupt- und Sekundarschullehrer.

cpa/ap/afp



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