Lehrer-Umfrage Zu wenig Demokratie in der Schule

Schüler sollen demokratische Werte lernen, so steht's in den Schulgesetzen. Doch das Fach Demokratie findet sich nicht auf dem Stundenplan. Eine neue Studie zeigt, wie vernachlässigt das Thema im Schulalltag ist.
Schulunterricht in Bremen

Schulunterricht in Bremen

Foto: Mohssen Assanimoghaddam/ dpa

Respekt vor unterschiedlichen Lebensweisen, die Wertschätzung anderer Meinungen und der Schutz von Minderheiten: Das sind demokratische Werte, die Schüler neben Lesen, Schreiben und Rechnen in der Schule lernen sollen. Doch anders als Mathe und Deutsch steht Demokratie nicht auf dem Stundenplan. Eine Studie hat erstmals untersucht, wie es um die Demokratiebildung an deutschen Schulen steht. Das Ergebnis: nicht allzu gut.

Klar ist bereits seit einer früheren Untersuchung: Schon der fachbezogene Politikunterricht kommt in Deutschland zu kurz. Forscher des Berliner Instituts für Gesellschaftsforschung haben jetzt untersucht, ob und wie Demokratiebildung auf anderem Weg Eingang in den Unterricht findet. Die Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung wird am Donnerstag veröffentlicht.

Die Forscher haben bundesweit Lehrerinnen und Lehrer befragt, weil die bei der Demokratievermittlung eine Schlüsselrolle spielen. Das Interesse galt dabei besonders der Unterrichtskultur. So wollten die Studienautoren von den Lehrern zum Beispiel wissen, ob sie diskriminierende Äußerungen und Begriffe dulden oder ob sie im Unterricht unterschiedliche Sichtweisen auf umstrittene Themen vorstellen.

Außerdem wurden die Pädagogen gefragt, welche Aspekte der Demokratiebildung in ihren Unterricht einfließen.

Darüber hinaus untersuchten die Forscher, wie wichtig Demokratiebildung im Arbeitsalltag der Lehrer ist und welche Faktoren Einfluss darauf haben, wie stark sich die Pädagogen in der Demokratiebildung engagieren.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse:

  • Der Stellenwert der Demokratiebildung in ihrem Schulalltag ist nur bei knapp vier Prozent der Befragten hoch. Für die meisten Lehrer (95 Prozent) ist schulische Demokratiebildung nur von mittlerer Bedeutung.
  • Die Mehrheit der Lehrer bewertet ihre eigene Unterrichtskultur als demokratiebildungsfördernd: Fast drei Viertel der Befragten gaben an, selbst einen demokratischen Umgang mit ihren Schülern zu pflegen und ihnen Orientierung an Werten wie Respekt, Fairness und Gleichbehandlung zu vermitteln.
  • Themen der Demokratiebildung nehmen bei knapp drei Viertel der Befragten einen mittleren Stellenwert ein. Nur bei jeder vierten Lehrkraft sind diese Themen im Unterricht stark präsent. Dieser Anteil steigt auf 29,2 Prozent, wenn nur Lehrer berücksichtigt werden, die gesellschaftswissenschaftliche Fächer unterrichten.
  • In der Praxis sind die Beteiligungsmöglichkeiten für Schüler allerdings gering: Dazu zählen etwa Schülerparlamente oder Projektwochen mit Fragen zur Demokratieentwicklung. Weniger als zehn Prozent der Lehrkräfte geben an, dass ihre Schüler mit solchen Formaten der Demokratiebildung in den letzten zwölf Monaten Erfahrungen machen konnten. Und nur jeder zweite Lehrer hat sich von seinen Schülern in diesem Zeitraum ein systematisches Feedback geben lassen, bei dem auch Kritik am Unterricht geübt werden konnte.

Diese Faktoren wirken sich auf das Engagement aus:

Das Engagement unterscheidet sich je nach Herkunft, Alter und Schulform der Pädagogen. Das Geschlecht der Lehrer hat dagegen keinen Einfluss:

  • Bei Befragten, die älter als 43 Jahre alt sind, ist die Intensität schulischer Demokratiebildung höher als bei jüngeren Lehrern.
  • Befragte aus ostdeutschen Bundesländern sind deutlich engagierter in der schulischen Demokratiebildung als die westdeutschen Kollegen.
  • Gymnasiallehrer haben signifikant höhere Werte als jene, die an Förderschulen arbeiten.

Das empfehlen die Forscher:

In der Studie wurde auch untersucht, welche Faktoren Lehrer bestärken, die Demokratiebildung auszubauen. Dabei kamen die Autoren zu dem Schluss, dass der Stellenwert der Demokratiebildung insbesondere in der Aus- und Fortbildung erhöht werden sollte. Bisher kommt das Thema in der Lehrerbildung eher selten vor: Nur 16 Prozent der Befragten haben sich demnach im Studium intensiv damit auseinandergesetzt. Im Referendariat sinkt der Wert auf 13 Prozent, in der Weiterbildung ist das Thema für 18 Prozent von hoher Relevanz.

Positiv für die Bereitschaft der Lehrer zur Demokratiebildung sei zudem, wenn die Lehrer sich als selbstwirksam empfinden und der Überzeugung sind, auch schwierige Situationen meistern zu können. Auch dies ist nach Meinung der Forscher ein Thema, das in der Aus- und Fortbildung stärker berücksichtigt werden sollte.

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Darüber hinaus ist es laut Studie wichtig, dass das Thema generell einen hohen Stellenwert in der gesamten Schule hat - etwa, indem es im Leitbild verankert ist.

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