Lehrerausbildung Arbeitgeber drängen auf Eignungstests

Die Arbeitgeber halten die Lehrerausbildung an deutschen Hochschulen für verzopft und zu praxisfern. Nach ihren Vorstellungen sollen Staatsexamina und Referendariat durch Masterabschlüsse sowie ein Trainee-Modell ersetzt werden.


Angehende Lehrer sollen nach Ansicht der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) künftig zwei Eignungstests absolvieren und viel praxisnäher ausgebildet werden. "Besseren Schulunterricht gibt es nur mit besser ausgebildeten Lehrern. Staatsexamen und Referendariat müssen abgeschafft und durch einen praxisorientierten Masterabschluss sowie Trainee-Programme, wie sie aus Unternehmen bekannt sind, ersetzt werden", sagte BDA-Präsident Dieter Hundt der Tageszeitung "Die Welt".

Dieter Hundt: "Schulen brauchen kein Korsett"
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Dieter Hundt: "Schulen brauchen kein Korsett"

Das Lehramt-Studium solle "in der neuen Struktur von Bachelor und Master organisiert sein, wobei aber erst der Master den zukünftigen Lehrer qualifiziert", sagte Hundt. Die Studienbewerber sollen je eine Eignungsprüfung zu Beginn des Bachelor- und des Master-Studiums absolvieren.

Die Arbeitgeber halten die bisherige Lehrerausbildung für viel zu praxisfern. Nach ihren Vorstellungen soll das erste Staatsexamen gestrichen, das zweite durch ein "Qualifizierungszeugnis" abgelöst werden. Von Trainee-Programmen, wie sie in der Wirtschaftlich üblich sind, verspricht Hundt sich eine bessere "berufliche Integration von angehenden Lehrern in die Schule" und eine "individuelle Förderung".

Hundt sagte weiter, Schulen brauchten kein "enges Regelkorsett": "Sie müssen vielmehr selbstständig arbeiten können und eine moderne Schulleitung haben, die Schwerpunkte setzt, ihr Personal selbst auswählt und Lehrer auch nach Leistung bezahlt."

Lehrerausbildung nahezu reformimmun

Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) begrüßte den Vorstoß des Arbeitgeberverbandes zur Einführung von Eignungstests. Die Rektoren machen sich ohnehin regelmäßig dafür stark, den Hochschulen mehr Rechte bei der Auswahl ihrer Studienanfänger einzuräumen. Allerdings müssten die Universitäten Art, Umfang und Zeitpunkt der Tests selbst festlegen können, sagte Achim Hopbach, Vize-Generalsekretär der HRK.

Klassenzimmer: Täglicher Nervenabrieb
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Klassenzimmer: Täglicher Nervenabrieb

Die Lehrerausbildung sei "nicht in erster Linie" eine Frage der Struktur, sondern der Qualität, sagte Hopbach weiter. Ein gestufter Studiengang biete aber "mehr Flexibilität", um Nachwuchslehrer früher an die Praxis heranzuführen. Zudem könne der Lehrerberuf durch das Bachelor- und Master-Modell für Quereinsteiger geöffnet werden.

Verbände der Wirtschaft und der Arbeitgeber haben sich mit Reformideen für Schulen und Hochschulen oft lautstark zu Wort gemeldet, dabei aber nicht immer durch Sachkompetenz geglänzt. Mit der Kritik an der Lehrerausbildung trifft die BDA allerdings einen wunden Punkt - zumal sich neben dem Lehramtstudium auch die anderen Studiengänge, die mit Staatsexamina abschließen (Rechtswissenschaften, Medizin), jahrzehntelang als nahezu reformimmun erwiesen. Gemeinsam haben die Fächer, dass erst nach jahrelanger Theorie die Praxisphase folgt: bei Juristen und Lehrern das Referendariat, bei Medizinern das Praktische Jahr und Arzt im Praktikum.

Auch der Pisa-Schock bewegte wenig

Und so bimsen Juristen ihr gesamtes Studium lang zum Beispiel Detailwissen aus der Strafprozessordnung, ohne den Alltag in Gerichtssaal und Anwaltskanzlei richtig kennenzulernen. Medizinstudenten können jeden Knochen mit lateinischem Vor- und Nachnamen begrüßen, bekommen aber traditionell erst spät leibhaftige Patienten zu Gesicht.

Lehramt-Studium: Momentan Mangel statt Massen
Institut der deutschen Wirtschaft

Lehramt-Studium: Momentan Mangel statt Massen

Angehende Lehrer wiederum absolvieren ein komplettes Fachstudium und wissen beispielsweise manches über die Eigenheiten der Subsistenzwirtschaft oberschwäbischer Bauern im ausgehenden Mittelalter oder können im Schlaf die Phänomenologischen Gesetze der irreversiblen Thermodynamik rezitieren. Aber erst als Referendare merken sie, ob sie dem Unterrichtsalltag gewachsen sind und dem Nervenabrieb im Klassenzimmer tatsächlich standhalten.

Dass just die Studiengänge mit Staatsprüfungen am hartnäckigsten nahezu jedem Reformimpuls trotzen, ist sicher kein Zufall. Im Falle der Lehrer kritisieren sowohl Praktiker als auch Professoren und Bildungspolitiker seit etlichen Jahren zudem, dass sich zu viele für diesen Beruf offensichtlich ungeeignete Abiturienten einschreiben. Neuen Rückenwind erhielt die Debatte über die verzopfte Lehrer-Ausbildung zunächst nach dem Pisa-Fiasko. Denn wie bei Juristen und Medizinern sind sich eigentlich alle einig, dass es viel früher handfeste Praxiskontakte geben müsste - nur für die Umsetzung echter Veränderungen hat der Schwung aus unzähligen Podiumsdiskussionen und Reformkommissionen nie gereicht.

Von Jochen Leffers




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