Anonymes Lehrergeständnis Wie Werbung das Klassenzimmer erobert

Ein Smartboard mit Netzanschluss im Klassenzimmer? Toll - wären da nicht die ständigen Unterbrechungen. Unser Autor ist Lehrer und empfindet angesichts der zunehmenden Werbebotschaften nur eins: Hilflosigkeit.

Klassenzimmer in Grundschule (Archivfoto)
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Klassenzimmer in Grundschule (Archivfoto)


Darf ich Sie zu einem Gedankenspiel einladen?

Als Klassenlehrer richte ich meinen Klassenraum gerne so ein, wie ich es möchte. An die Wand hänge ich einen großen Kalender, einen bunten Stundenplan, eine Tabelle mit den Klassendiensten. Und natürlich noch Poster meiner Lieblingsunternehmen: Facebook, Amazon, YouTube, Whatsapp, Booking.com.

Am ersten Schultag erzähle ich den Schülern von meinem Urlaub. Ich sage ihnen, dass ich dank Airbnb das "Chillen ganz neu entdeckt" habe, so günstig und mit Strandblick habe ich gewohnt. Dabei war ich eigentlich pleite, aber die Commerzbank hat mir einen günstigen Kredit gegeben. "Commerzbank, die Bank an deiner Seite", füge ich hinzu und zeige mit dem Daumen nach oben.

Werbung im Klassenraum, das finden Sie nicht richtig?

Stimmt, in Hamburg ist Produktwerbung auf Werbeflächen in der Schule verboten. Dennoch hat sich die Werbung in den letzten Jahren heimlich ins Klassenzimmer geschlichen. Die große neue Werbefläche heißt Smartboard und hat ein paar tausend Euro gekostet.

Ich will auf YouTube ein kurzes Interview von Donald Trump zum Klimawandel zeigen und mache den Browser auf. Während dieser startet, erkläre ich den Kindern die Aufgabe. Doch die starren an mir vorbei und sind völlig abgelenkt. Plötzlich blökt einer: "Jetzt gibt es bald drei Toiletten, Digga!" Gelächter. Die ganze Aufmerksamkeit gilt einer Nachricht über die Genderdebatte in den USA, die über den Schirm tickert.

Darüber prangen die Embleme der größten amerikanischen Internetfirmen und unten eine eineinhalb Meter breite Anzeige der Commerzbank. Dabei haben wir die Startseite schon deaktiviert, doch der Browser wirbt neuerdings auch ganz von selbst.

Gerade erklärt nun Donald Trump dem Journalisten auf YouTube, dass er ganz eigene Wissenschaftler und Studien zum Klimawandel habe, als der Beitrag unterbricht. "Wie war dein Urlaub so?", fragt Airbnb. Die Aufmerksamkeit ist komplett weg. Ich habe das Gefühl, die Kinder haben nichts verstanden.

"Finn, google mal Klimawandel!", ordne ich an. Wieder ganz oben: Eine Anzeige, immerhin die Guten dieses Mal - der WWF ruft zur Spende auf. Ob ich damit meinem Auftrag politischer Neutralität gerecht werde? Im Laufe der Stunde schauen wir uns noch ein paar Berichte und Statistiken aus verschiedenen Zeitungen an und immer wieder taucht dieses Werbebanner für Adidas-Turnschuhe auf.

Tücken des Online-Einkaufs

Genau solche, wie ich sie mir in der Pause über meinen privaten Amazon- Account bestellt habe. Ich merke, wie die Schüler darüber tuscheln. Gut, dass ich das Medikament gegen Darm-Würmer direkt in der Apotheke gekauft habe.

So oder so ähnlich läuft Unterricht heute in vielen Tausend Schulen ab und die meisten Kollegen gehen mit dem Thema Werbung so arglos um wie ich: Wer die Vorteile von YouTube und Co. genießen möchte, muss anscheinend mit Werbung leben. Ad-Blocker, noch strengere Mailfilter, ein werbefreier Bildungsbrowser, der nur gute, spaßfreie Seiten anzeigt? Wenn wir ganz konsequent wären, bliebe das Internet für uns wohl ziemlich leer.

Trotzdem klafft da neuerdings diese Lücke zwischen Gesetz und Realität, in die nur so lange keiner fällt, bis uns ein findiger Jurist Böses will. Das Smartboard eröffnet uns viele Möglichkeiten; gleichzeitig ist Schule damit immer mehr zur Werbeveranstaltung geworden.

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Ich wundere mich nur, warum es bisher noch keine zielgruppengerechte Werbung gibt. Für Internetbetreiber ist es heute ein Leichtes, herauszufinden, was für ein Gerät am Ende der Leitung hängt.

Aber vielleicht liest ja ein aufmerksamer Marketing-Mensch mit. Wenn wir in den nächsten Wochen Werbung für Clearasil, Fortnite und Bibis Beauty-Palace bekommen, werde ich es wissen.

insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
sven2016 17.02.2019
1. Werbeblocker für youtube funktionieren.
Weshalb man im Unterricht youtube-Videos schauen muss, ist mir aber unklar. "Filmchen" gucken" hieß früher: der Lehrer hat sich gestern nicht vorbereitet oder keine rechte Lust. Wenn der Ablauf wie geschildert ist, macht der Lehrer Vieles falsch. Das öffentliche Gerät mit dem privaten Account zu verknüpfen ist schon mal grob fahrlässig. Bei der Herangehensweise landen die Schuldaten womöglich auch gleich bei einem interessierten Anbieter. Digitalisierung in der Schule/im Unternehmen hat auch mit Kenntnissen über das Thema zu tun.
an-d 17.02.2019
2. ungenügend setzen
Lehrer mussten sich schon immer auf ihre Stunden vorbereiten. Dazu gehörte auch die Auswahl der geeigneten Unterrichtsmittel. Wer heute blindlings in Unterricht ein Video loslaufen lässt ohne vorher zu prüfen, ob dort Werbung eingebettet ist, macht etwas falsch.
FK2607 17.02.2019
3. Medienkompetenz und Lehrer
Fraglich ist zuerst, warum Lehrer eigene Laptops im Unterricht benutzen müssen und keine der Schule. Bei der Benutzung eigener Hardware lohnt es sich, einen zusätzlichen dienstlichen Account anzulegen. Schon kann niemand in der Schule mehr sehen, was man im zivilen Leben ergoogelt. Einen Werbeblocker für YouTube hat man in weniger als fünf Minuten in den Browser implementiert. Und zuletzt empfehle ich jedem akademisch vorgebildeten A12-14 Beamten, dem wir unser wertvollstes Gut anvertrauen, unsere Kinder, das Thema Medienkompetenz ganz oben auf die Liste der eigenen Kompetenz-Entwicklungs-Aufgaben zu setzen.
cataclysmic 17.02.2019
4. techn. Unverständnis
Was macht eigentlich der Schuladmin? Die Dinger sollten nur über gesicherte Proxies ins Netz gehen und da kommt ein ordentliche Werbeblocker drauf. Dass die Werbung gar nicht erst bis zum Endgerät durchdringt. Thema abgehakt. Und dann stellt sich auch einfach mal die Frage, ob eine Schule auf kostenlose, werbefinanzierte Dienste zurückgreifen darf / sollte.
aus-berlin 17.02.2019
5. Offline geht auch
Man muss ja mit dem Gerät nich unbedingt im Unterricht online arbeiten. Die ganze Dinge kann man vorher offline speichern. Entweder als pdf Datei oder mit snippingtool. Mit den Videos muss man dann halt sparsam umgehen wenn man die startwerbung nich wegbekommen. Oder vor dem Unterricht schon mal starten.
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