Lehrerhasser-Polemik Guten Morgen, liebe Sorgen

Das Lehrerschicksal kann hart sein. Mitunter soll eine Lehrerin gar in die Nachbarschule umgetopft werden und ihren gewohnten Weg zur Arbeit ändern. Tränenblind fordert sie dann Solidarität von Kindern wie Eltern: Ein Wutbrief ans fiese Schulamt muss her, gern auch ein Sitzstreik oder eine Lichterkette.
Von Gerlinde Unverzagt

"Frau Greiner ist so furchtbar traurig", erzählt mir eine Zweitklässlerin, "die weint im Unterricht immer, dann trösten wir sie." Ihr Mann sei nämlich ausgezogen, weil er sie nicht mehr liebe, und dann habe sie auch noch Krebs bekommen. Es folgen eine haargenaue Beschreibung der Teile, die aus Frau Greiners Bauch herausoperiert wurden, und wissende Bemerkungen über jene bösen Verfehlungen, deren sich Frau Greiners Mann schuldig gemacht habe. Die Kleine ist ehrlich bekümmert: "Ich muss der mal einen Brief schreiben, damit sie auch abends was hat, wenn wir nicht da sind."

In der emotional überhitzten Nähe zwischen Erwachsenen und Kindern, wie sie die Grundschule kultiviert, finden auch persönliche Malaisen der Lehrer ihren Stammplatz. Klar, vor Schicksalsschlägen ist niemand sicher. Aber viele Grundschüler erleben heute ihre Lehrerinnen als erbarmungswürdige Gestalten, um die sie sich kümmern müssen. Das ist vertrackt: Gerade weil Kinder ihren ersten Lehrern enormen Kredit entgegenbringen, leiden sie so mit ihnen. Ist es wirklich in Ordnung, mit Zweitklässlern die eigenen schwierigen Phasen in der Lebensmitte mitsamt intimster Details zu erörtern, nur um sich an den mitfühlenden Blicken und Bemerkungen der erschrockenen Kinder zu laben?

Erst recht kommt die allwaltende Liebesbedürftigkeit der Grundschullehrer unverhohlen zum Vorschein, wenn sie tränenblind elterliche Solidarität einfordert, sobald ihr Dienstherr den Wechsel des Arbeitsplatzes anordnet. Denn das Umtopfen mag die Grundschullehrerin nicht. Kinder hingegen mögen ihre Lehrerin und stehen ihr bei.

Deshalb finden sie es augenblicklich total gemein, wenn ein fieses Schulamt eine Lehrerin an eine andere Schule versetzt - sofern die Lehrerin ihnen langsam und deutlich vorsagt, wie gemein das ist, gerade jetzt, wo sie doch die Kinder so lieb gewonnen hat. Andernfalls würden die Kinder den Lehrerwechsel wohl gelassen hinnehmen. Schließlich sind die meisten in einem Alter, in dem man weiß, dass sich hin und wieder etwas ändert. Großeltern sterben, Elternteile ziehen aus oder verlieren ihre Jobs, Haustiere nehmen Reißaus, Lieblingsspielzeug bricht entzwei, einer von zwei Socken geht immer in der Waschmaschine verloren, Freundschaften enden einfach. Und wer in die dritte oder vierte Klasse geht, ist wahrscheinlich auch schon mindestens einmal umgezogen.

Ein Abschiedsbild als Instant-Trost

Neun- oder Zehnjährige wissen schon ganz gut, dass nicht immer alles bleibt, wie es ist. Wäre es nicht klug, sie dazu anzuregen, nicht zu klammern, zu zagen und zu zaudern, wenn uns das Leben in eine neue Wende führt? Sie zu bestärken, sich neuen Herausforderungen zu stellen und die eigenen Grenzen mutig zu überschreiten?

Lehrer indes stemmen sich gegen alles, was Unruhe, Bewegung, Veränderung bringt. Die Beharrungskräfte im Lehrkörper kann man gar nicht hoch genug veranschlagen. Selbst gestandene Konservative, sudetendeutsche Traditionsvereine oder der deutsche Bauernverband sind, verglichen mit Lehrern, wahre Ausbunde an Aufgeschlossenheit und Mobilität. In welchem anderen Beruf kann man derart stur, faul und ignorant auf dem einmal eingeschlagenen Weg voranschreiten? Und dabei noch weich, warm, gehätschelt auf dem Arm von Vater Staat sitzen, der einem diese Fürsorge schließlich schuldig ist?

Manchmal kommt es tatsächlich zum Äußersten. Dann verlangt man von einer erwachsenen Frau, ihren gewohnten Weg zur Arbeit zu ändern. Und einfach so an der Nachbarschule arbeiten zu gehen - im gleichen Job übrigens, fürs gleiche Geld und mit den gleichen Annehmlichkeiten, mit denen der Beamtenstatus so viel Flexibilität und Leistungswillen belohnt. Zugeben kann das keine, darum werden die Kinder vorgeschoben. Angeblich erschüttert sie der Verlust der Klassenlehrerin bis in die Grundfesten ihrer jungen Persönlichkeit, setzt Tränenströme frei, begründet Alpträume, sogar mit Leistungseinbrüchen muss man rechnen. So wichtig ist die Dame! Beginnen ob der vom bösen Schulamt zugefügten Seelenpein jene biographischen Brüche, die schnurstracks auf die schiefe Bahn führen und aus zarten Kinderseelen Kiffer, Schulschwänzer, magersüchtige, motzende oder rechtsradikale Teenager machen?

Beiläufig erzählt mir meine Tochter, dass Frau Seyerlein an eine andere Schule gehen müsse. Wo sie sich doch gerade erst an ihre Klasse gewöhnt habe! So viel ehrlich empfundenes Mitgefühl eines zehnjährigen Kindes mit einer armen Lehrerin, die schon seit zwei Jahren in der Klasse unterrichtet. Charlotte plant als ersten Sofort-Trost, ihrer Lehrerin gleich mal ein Abschiedsbild zu malen.

Später, beim Gutenachtkuss, fällt ihr erneut ein, dass Frau Seyerlein gar nicht zu den anderen Kindern gehen wolle, sondern lieber bei ihnen bleiben würde. Warum dieser Schulrat einfach so über Frau Seyerlein bestimmen dürfte?

"Da müssen wir uns doch wehren"

Ich habe ihr gesagt, dass die Lehrer dem Staat schwören müssen, in die Schule zu gehen, in die der Schulrat sie schickt, denn da werden sie gebraucht. Wenn es in der einen Schule viele Lehrer gibt und wenige Kinder, dann müssen eben ein paar Lehrer an eine andere Schule gehen, wo es viele Kinder und wenige Lehrer gibt. Charlotte leuchtet das ein, sie findet es sogar gerecht und fragt sich nun, warum Frau Seyerlein das nicht gesagt hat.

Dafür kriegen Lehrer etwas mehr Geld als zum Beispiel Kanalarbeiter oder Verkäuferinnen, erkläre ich ihr, und der Staat verspricht ihnen, dass sie immer Geld kriegen - auch wenn sie krank sind oder vielleicht gar keine guten Lehrer, weil sie es nicht schaffen, den Kindern etwas beizubringen. Und dass Frau Seyerlein deshalb die Schule wechseln muss, wenn ihr Arbeitgeber das für nötig hält. Denn so hat sie es einmal versprochen und sogar geschworen. "Ach so", tippt sich Charlotte mit der Hand an die Stirn, "das ist die Regel. Das verstehe ich jetzt."

Sie nimmt's gelassen. Der Fall scheint erledigt. Bis zu diesem Anruf.

Der Vater wirkt ein wenig atemlos, als er die Folgen des Lehrerwechsels in düsteren Farben ausmalt. Meinen zaghaften Einwand, das gehöre zu den Katastrophen, die Kinder manchmal überleben, will er nicht gelten lassen. "Konsens ist, dass wir uns da wehren müssen", klärt er mich auf - auch Frau Seyerlein habe geäußert, dass sie sich diese Unverschämtheit nicht bieten lasse. Und jetzt sei ich eben dran, den nächsten in der Telefonkette anzurufen. Er könne sich doch auf mich verlassen? Vor Jahren sei so etwas schon einmal vorgekommen, damals hätten die Eltern Erfolg gehabt, die Lehrerin habe bleiben dürfen.

Ach ja, ich erinnere mich gut. Damals war es Frau Pappenheimer, die hinterrücks eingefangen und an einer anderen als der Lieblingsschule wieder ausgesetzt werden sollte. Das machte an der Schule sofort die Runde. Der eiligst per Telefonkette einberufene Elternabend gab einen ziemlich realistischen Eindruck davon, was im Hühnerstall los ist, wenn der Fuchs mal kurz vorbeigeschaut hat. Frau Pappenheimers Leid konnte sich kein fühlender Mensch verschließen: Schließlich habe sie sich an der Schule so gut eingelebt, zu den Kollegen ein nettes Verhältnis aufgebaut, was ja auch den Kindern stets zugute komme. Überdies wohne ihr Freund im selben Bezirk, und die Nachricht vom Schulwechsel habe sie derart schockiert, dass sie gar nicht mehr schlafen könne.

Schon die Schilderung dieser Qualen trieb ihr abermals die Tränen in die Augen - vor den versammelten Eltern der Klasse, die prompt und bereitwillig das ganze Programm abspulten: den Gang zum Schulamt organisieren, empörte Briefe an die da oben schreiben, die Presse informieren, einen Sitzstreik vor der Schule organisieren und, ach ja, morgen früh ein Blumensträußchen für die gebeutelte Lehrkraft mitzubringen wäre doch ganz nett? Die Schulleiterin sekundierte und zitierte vage Selbsterinnertes aus Studienzeiten: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren." Sie appellierte an die Eltern: "Bitte tun Sie da jetzt etwas, wir müssen alle zusammenhalten, sonst können wir nichts erreichen."

Die Internationale haben wir an diesem Abend nicht mehr gesungen. Aber für die Bequemlichkeit von Frau Pappenheimer, ihren Freund und ihre netten Kollegen haben wir dann ja auch echt viel erreicht. Sie durfte bleiben. Und alles blieb, wie es war.

Und Frau Seyerlein? Die wollte eigentlich nur auf den Arm.

* Lotte Kühn: "Das Lehrerhasserbuch". Knaur Taschenbuch Verlag; 220 Seiten; 6,95 Euro.

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