Lehrerhasser-Polemik Unsere tägliche Demütigung gib uns heute

Lehrer verlangen stets Respekt - sind sie auch bereit, das gleiche den Schülern zu geben? Der Rohrstock war gestern. Heute bilden rituelle Bosheiten die Waffen, um Jugendliche im pädagogischen Nahkampf der Häme einer ganzen Klasse preisgeben.

Von Gerlinde Unverzagt


"Nimm die Hände aus den Taschen! Hier wird kein Taschenbillard gespielt, hat er gesagt", erzählt mein Sohn, 16, auf meine Frage, wie's heute in der Schule war. "Pah", raunzt seine 14-jährige Schwester, "zu Lena hat der Lehrer heute gesagt, lehn' dich mal nicht so an die Wand, die kracht gleich ein." Sie seufzt. "Na gut, Lena ist nicht richtig dick, aber so'n bisschen rund. Dann ist sie gleich aufs Klo gerannt und hat geheult."

Steißtrommeln: Bloßstellung erreicht das gleiche Ziel
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Steißtrommeln: Bloßstellung erreicht das gleiche Ziel

Sowas sagt dieser Lehrer öfter, erfahre ich, in der Art: "Du bist doch sowieso 'ne hässliche Flunze!" Sich wehren? "Hat keinen Zweck", erklärt meine Tochter. "Lisas Vater hat schon mit ihm gesprochen. Seitdem sagt der dreimal in der Stunde, dass Lisa jetzt ja wieder zu Papa gehen kann zum Petzen und Ausheulen. Von uns jedenfalls traut sich keiner was zu sagen." Mein Stirnrunzeln deutet sie richtig: "Wehe, Mama! Mach bloß nix! Dann hat er mich wieder auf'm Kieker!"

So geht das täglich weiter. Dabei wäre es ganz einfach: Ein Lehrer darf mit einem Schüler nur so sprechen, wie er es umgekehrt auch akzeptieren würde - Fehlanzeige. "Mit deinem Gesicht würde ich mich lieber bei Aldi hinter der Kasse bewerben", verhöhnt der Französischlehrer eine Fünftklässlerin, die gerade wegen der Vier in der Klassenarbeit in Tränen ausgebrochen ist.

Gewaltiges Machtgefälle im Klassenzimmer

Dumme Bemerkungen von Unterrichtsbeamten pflastern schon den Weg durch die Grundschule, das Gymnasium sattelt noch eins drauf. Dort hilft der Lehrer seinem geschundenen pädagogischen Ego mit rituellen Gemeinheiten auf die Sprünge und greift aus Hilflosigkeit, Überforderung und Ich-Schwäche auf ungefähr alle Bosheiten zurück, zu denen sich Stärkere gegenüber Schwächeren gemeinhin hinreißen lassen. Sobald der Lehrer die Klassentür schließt, ist er König. Das Machtgefälle ist groß, der Kampf ungleich: Gegen Ironie sind Kinder bis weit ins Teenageralter hinein wehrlos - sie können nicht mit gleicher Münze zurückzahlen.

Betrachten wir die Beschwerden über die heutige Schülergeneration von einer anderen Warte. Was tragen selbstherrliche Lehrer mit all ihren Schrullen zum Trauerspiel an deutschen Schulen bei? Sie ignorieren, vernachlässigen, behandeln ungerecht und reden Schülern fehlende Begabung ein; sie beschämen wegen Aussehen, Herkunft und Charaktereigenschaften. Sie setzen Schüler unter Druck, der sich auf dem Pausenhof epidemisch vervielfältigt. Denn ein Lehrer, der einen Schüler bloßstellt, gibt ihn der Häme der ganzen Klasse preis.

Der ganze Strauß diskreditierender Verhaltensweisen hat den Rohrstock ersetzt. Doch manipulierendes Psychogefasel und abschätzige Gesten schmerzen nicht weniger als Kopfnüsse und Stockschläge, mit denen frühere Generationen zur Räson gebracht wurden.

Es ist doch so: Nennt ein Lehrer seinen Schüler "Arschloch", hätte er tags darauf die Eltern auf der Matte stehen und womöglich disziplinarische Konsequenzen zu gewärtigen. Wer nur einen Schüler vor der Klasse lächerlich macht, kommt ungeschoren davon. Denn das derart gekränkte Kind wird sich dreimal überlegen, ob es die schlechte Meinung, die es nun von sich selbst hat, auch noch weiträumig kommuniziert. Oder riskiert, nach Intervention der Eltern, vom Lehrer als Heulsuse oder Petze diffamiert zu werden.

Pädagogik-Repertoire eines preußischen Feldwebels

Der gemeine Gymnasiallehrer versteht sich vor allem als Ausleser und kultiviert den Irrtum, durch Angstmachen motivieren zu können. Probate Waffen im pädagogischen Nahkampf: "Schriftlich ist ja wohl überhaupt nicht dein Ding, mündlich haste nix drauf" - "Und so was geht aufs Gymnasium!" - "Den ganzen Tag mit euch zusammen, das hält doch keine Sau aus!" - "Aus was für einem Elternhaus kommt ihr eigentlich? Ihr seid doch in der Gosse aufgewachsen."

Keimt dann noch Renitenz, ist stets die Pubertät verantwortlich, die nach gängiger Lehrermeinung vom 10. bis 19. Lebensjahr andauert. In Sachen Pädagogik, weitgehend ungetrübt von entwicklungspsychologischen und lerntheoretischen Kenntnissen, reicht dem Gymnasiallehrer von heute das Repertoire eines Feldwebels in der preußischen Armee.

Im Gymnasium wird die Monokultur gepflegt. Es gibt nur "die Schüler", "die Klasse" und "den Stoff". Keine einzelnen Menschen. Die Lehrkraft da vorn verabreicht portionsweise Wissen, das die Klasse quasi bulimisch zum Klausurtermin wieder hervorzuwürgen hat. Misslingt das, jault der Lehrer auf, die Klasse sei zu groß, da könne er nicht jeden im Blick behalten. Komisch nur: Anderswo wird auch in großen Klassen gelernt. Machen vielleicht schlechte Lehrer auch in kleinen Klassen schlechten Unterricht?

Doktor Evil, Fachbeamter für den Deutschunterricht, kann sich den Schüler nicht anders als Relieffigur an seinem Thron denken. Keiner soll seinen bescheidenen Kenntnisvorsprung aufholen. Wie man Zeitungsberichte schreibe, sei heute drangewesen, nuschelt mein Sohn. "Irgendwie muss da alles Wichtige an den Anfang", erinnert er vage, "so nach Fragen, wer, wie, wo und so was." Dann kommt er doch in Fahrt, wir reden eine ganze Stunde über die Textsorte "Bericht". Er lässt sich sogar auf Feinheiten ein, staunt, dass Cicero einst die W-Fragen zum Standard erklärte, findet irgendwie cool, dass wir das 2000 Jahre später immer noch so machen.

Die Losung lautet R-e-s-p-e-c-t

Morgens trabt er mit einem klassischen Bericht als Hausaufgabe freudig in die Schule, im Hochgefühl, der Deutschstunde mit erstklassiger Vorbereitung gewachsen zu sein. Kommt wieder, zerknirscht: "Doktor Evil hat mich angeschissen, als ich von den W's und Cicero erzählen wollte. Weil er nicht schätzt, wenn Schüler den Stoff ausplappern, den er erst in der nächsten Stunde machen will." Ab da war das Fach Deutsch gelaufen. Die nächste Fünf ließ nicht lange auf sich warten.

Es zählt immer nur das eine - Respekt. Die Botschaft funken junge Leute selbst und unablässig. Man muss nur hinhören: Die Rede vom Respekt durchzieht als Refrain den HipHop und die Sprache der Zuhörer, oft dieselben, denen sonst schlechtes Benehmen so voreilig attestiert wird. Gemeint ist grundsätzliche Achtung vor dem anderen, nicht nur vor den Erfolgreichen, Starken, Mächtigen - auch vor Gescheiterten, Schwachen, Unterlegenen.

"Respect!" Längst sei das auch in Deutschland zu einem Schlüsselwort der Jugendkultur geworden, so der Hamburger Publizist Reinhard Kahl in einem DeutschlandRadio-Beitrag: "Das Wort hat nichts mehr zu tun mit seiner autoritären Bedeutung, die bei der Rede von 'Respektspersonen' mitklang. Es geht den Kindern und Jugendlichen ohnehin kaum noch um Autoritätskonflikte. Es fehlt den meisten nicht an Taschengeld oder Freizügigkeit. Der neue Mangel ist einer an Aufmerksamkeit und an Resonanz. Vor allem in den Subkulturen der Kinder aus Einwandererfamilien bedeutet die Aufforderung 'respect me': Achtung, wir sind auch da! Seht uns an! Wir verlangen ein Mindestmaß an Anerkennung."

R-e-s-p-e-c-t sang einst Aretha Franklin, r-e-s-p-e-c-t heißt der Slogan der Rapper. Das ist kein Zufall. Was von den Eminems, Ushers, Puff Daddys und Fifty Cents aus den Kinderzimmern dröhnt, ist auch ein Signal: Es geht um den gegenseitigen Respekt, den man einfordert, gewährt oder eben verweigert.


* Lotte Kühn: "Das Lehrerhasserbuch". Knaur Taschenbuch Verlag; 220 Seiten; 6,95 Euro.


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