Lehrerin des Jahres Überfällige Imagepolitur

Kritisiert wurden sie schon lange vor der Pisa-Studie, öffentliches Lob erfahren sie kaum - deutsche Lehrer. "Jugend forscht" und "Stern" prämierten deshalb den besten Pädagogen. Positives Feedback der Schüler sei das beste Zeugnis, sagt Preisträgerin Stefanie Bommersheim, 31, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE:

Wie wird man "Lehrer des Jahres"?

Erhält 5000 Euro für den Preis "Lehrerin des Jahres": Stefanie Bommersheim (Mitte).
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Erhält 5000 Euro für den Preis "Lehrerin des Jahres": Stefanie Bommersheim (Mitte).

Stefanie Bommersheim: Seit Jahren betreue ich am Kant-Gymnasium in Boppard Schülergruppen für "Jugend forscht". Offenbar wurden die Regionalsieger von 2001 befragt, wen sie für einen guten Lehrer halten. Dass meine drei Teilnehmer mich vorgeschlagen hatten, wusste ich gar nicht und erfuhr erst von der Nominierung, als Post von der Wettbewerbsleitung kam.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Ihre Schüler ausgerechnet Sie vorgeschlagen?

Bommersheim: Das müssten Sie die Schüler selbst fragen. Aber ich denke, dass es uns gemeinsam gelingt, eine angenehme Arbeitsatmosphäre im Physik- und Chemieunterricht herzustellen. Es geht mir darum, durch das Aufgreifen von Alltagsbezügen an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen anzuknüpfen und sie dadurch besonders zu motivieren. Bei der gemeinsamen Entwicklung von Lösungsstrategien werden oft Schülerexperimente durchgeführt, die insbesondere auch schwächeren Schülern Erfolgserlebnisse ermöglichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht das konkret aus?

Bommersheim: Wir haben vor kurzem zum Beispiel die Wirkungsweise von Abflussreiniger im Chemieunterricht untersucht.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen der Preis?

Bommersheim: Ich war sehr überrascht und finde es bemerkenswert, dass dieses Jahr eine junge Lehrerin ausgewählt wurde, da dadurch den Junglehrerinnen und Junglehrern insgesamt Anerkennung zukommt. Den Preis nehme ich als Stellvertreterin für alle Betreuungslehrerinnen und Lehrer entgegen, die sich für Jugend forscht engagieren. Fast mehr als die Auszeichnung freut mich aber das positive Feedback der Schülerinnen und Schüler, für mich das beste Zeugnis. Für mich stellt der Preis einen Motivationsschub dar, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen und den Spagat zwischen Familie und Beruf zu meistern.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie mit den 5000 Euro?

Bommersheim: Der Preis ist zweigeteilt. Zum einen wird meiner Familie und mir eine Reise nach Westnorwegen ermöglicht, die nächstes Jahr stattfinden soll. Dort möchten wir den Gletscher Jostedalsbreen und Umwelt-Informationszentren besuchen.

SPIEGEL ONLINE: Hat das einen Bezug zu Ihrem Unterricht?

Bommersheim: Ja, mit dem Chemie-Leistungskurs werde ich mich im Juni im Unterricht mit dem Treibhauseffekt und insbesondere dem Treibhausgas Methan befassen. Zum Abschluss findet ein Projekttag im Max-Planck-Institut für Chemie an der Uni Mainz statt. Dort werden quantitative Messungen des Methangehaltes in der Mainzer Luft und in Eisbohrkernen aus der Antarktis durchgeführt, die wegen fehlender Geräte in der Schule nicht möglich sind. Ziel ist es, den Schülern Einblicke in die Klimaproblematik und den wissenschaftlichen Alltag an der Universität, die natürlich auch an engagiertem Nachwuchs interessiert ist, zu ermöglichen. Da wir mit unserer kleinen Tochter keine "Expedition" nach Spitzbergen wagen können, haben wir stattdessen einen Gletscher in Norwegen ausgesucht.

SPIEGEL ONLINE: Wohin geht der zweite Teil des Preises, der an Forschungsprojekte der Schule gebunden ist?

Bommersheim: Das will ich nicht sofort entscheiden. Erst einmal werde ich mich mit dem Kollegium und Schülerinnen und Schülern beraten. Es würde sich anbieten, das Geld im Bereich Naturwissenschaften zu verwenden.

Das Interview führte Patricia Batlle



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