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24. Mai 2019, 10:16 Uhr

Fortbildungsoffensive

Wie Lehrer ihren Schülern besser Rechtschreibung vermitteln

Ein Interview von

Viele Grundschüler haben Probleme, richtig lesen und schreiben zu lernen. Deshalb bekommen nun in drei Bundesländern ihre Lehrer Nachhilfe. Gut so, sagt eine Betroffene. Sie und ihre Kollegen müssten umdenken.

SPIEGEL ONLINE: Frau Stute-Meißner, jedes fünfte Grundschulkind kann nicht richtig lesen und schreiben. Jetzt schicken Hamburg, Baden-Württemberg und Ihr Bundesland Schleswig-Holstein die Lehrer zur Fortbildung "Orthographie lehren und lernen". Sind Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen tatsächlich das Problem?

Stute-Meißner: Ich denke schon, dass es neue Erkenntnisse gibt, wie Rechtschreibung besser vermittelt werden kann. Nur: Die kennen nicht alle Lehrer, die Neuerungen kommen nur bei den jungen Kollegen an. Insofern finde ich es sinnvoll, da anzusetzen und diese Fortbildungen zu machen, auch wenn es natürlich noch andere Probleme gibt.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das aus Ihrer Sicht?

Stute-Meißner: Ich bin schon lange Lehrerin. Mein persönlicher Eindruck, und auch der meiner Kolleginnen und Kollegen ist, dass die Schreibleistung niedriger geworden ist. Es muss viel mehr überarbeitet werden und es fällt den Kindern schwerer, die Regeln zur Rechtschreibung zu verinnerlichen. Im Alltag wird grundsätzlich weniger geschrieben. Dazu kommt: In den Familien wird weniger gelesen, gleichzeitig hat sich die Kommunikation und die Sprache mit E-Mail und Handy verändert.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Lehrer ändern?

Stute-Meißner: Es muss grundsätzlich eine andere Haltung gegenüber Rechtschreibung aufgebaut werden. Das ist nicht die Schuld der Lehrer, aber man ist eine Zeitlang anders an das Schreiben herangegangen: Die Rechtschreibung war zunächst zweitrangig. Die Kinder sollten schreiben, schreiben, schreiben, um die Lust daran aufrechtzuerhalten. Erst später kamen dann Regeln dazu. Jetzt geht es darum, dass man von Beginn an darauf achtet. Und zwar so, dass es auch Spaß machen kann. Die Kinder sind stolz, wenn sie richtig schreiben, ohne dass alles verbessert oder verändert werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Was lernen Sie dafür in der Fortbildung?

Stute-Meißner: Bei der Fortbildung liegt der Schwerpunkt darauf, wie wir Rechtschreibprobleme erstens diagnostizieren können und die Kinder dann zweitens gezielt fördern.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel bitte.

Stute-Meißner: Das Kind hört statt Roller Rolla und schreibt hinten ein A. So spricht man ja auch. Wenn das häufiger vorkommt, diagnostizieren wir, dass das Kind die Endungen auf -er noch nicht richtig umsetzen kann. Dann können wir das mit dem Kind gezielt üben.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt aber, Sie als Lehrerin müssen sich sehr individuell auf einzelne Schüler einstellen. Wie funktioniert das in der Praxis?

Stute-Meißner: Man kann den Kindern in einer Stunde verschiedene Materialien zur Verfügung stellen. Das Problem ist, diese Materialien zu finden und zusammenzustellen. Ich kann in der Regel kein Arbeitsheft verwenden, denn damit müssten alle Kinder im Gleichschritt lernen. Stattdessen lasse ich nun ein Kind auf einem Arbeitsblatt arbeiten, ein anderes im Heft und ein drittes in einer Kartei.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als sei das mit viel Aufwand verbunden.

Stute-Meißner: Es hört sich komplizierter an, als es ist. Wir müssen nicht für 26 Schüler etwas anderes heraussuchen, sondern es gibt immer Schwerpunkte. Außerdem kann man die Materialien wieder benutzen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen das Seminar etwas gebracht?

Stute-Meißner: Ja, mein Fokus hat sich bereits geändert. Wir thematisieren Rechtschreibung auf den Fachkonferenzen jetzt viel mehr. Wir stehen aber noch ganz am Anfang. Für die Vermittlung in der Praxis wünsche ich mir in der Fortbildung noch mehr Beispiele, wie das wirklich umgesetzt werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Ihre Kollegen in Hamburg, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein werden online geschult. Dadurch kann man viele Lehrkräfte erreichen. Was halten Sie von dem Format?

Stute-Meißner: Ich finde das Format total klasse. Man muss sich die acht Unterrichtseinheiten nicht an einem festen Termin ansehen, sondern ist zeitlich flexibel. So ein Onlineformat ist außerdem in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein super. Für regelmäßige Fortbildungen wäre es für uns zu weit bis nach Kiel. Aber so können sich alle beteiligten Kollegen zur gleichen Zeit informieren. Zu einer Fortbildung könnten wir nicht zusammen fahren. Dann wäre niemand mehr in der Schule.

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