Fortbildungsoffensive Wie Lehrer ihren Schülern besser Rechtschreibung vermitteln

Viele Grundschüler haben Probleme, richtig lesen und schreiben zu lernen. Deshalb bekommen nun in drei Bundesländern ihre Lehrer Nachhilfe. Gut so, sagt eine Betroffene. Sie und ihre Kollegen müssten umdenken.

Schüler schreibt ins Heft
Sebastian Gollnow/ DPA

Schüler schreibt ins Heft


SPIEGEL ONLINE: Frau Stute-Meißner, jedes fünfte Grundschulkind kann nicht richtig lesen und schreiben. Jetzt schicken Hamburg, Baden-Württemberg und Ihr Bundesland Schleswig-Holstein die Lehrer zur Fortbildung "Orthographie lehren und lernen". Sind Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen tatsächlich das Problem?

Stute-Meißner: Ich denke schon, dass es neue Erkenntnisse gibt, wie Rechtschreibung besser vermittelt werden kann. Nur: Die kennen nicht alle Lehrer, die Neuerungen kommen nur bei den jungen Kollegen an. Insofern finde ich es sinnvoll, da anzusetzen und diese Fortbildungen zu machen, auch wenn es natürlich noch andere Probleme gibt.

  • privat
    Sabine Stute-Meißner, Jahrgang 1955, ist seit über 30 Jahren Grundschullehrerin. An der Grundschule Bickbargen im schleswig-holsteinischen Halstenbek ist sie Fachleiterin für Deutsch.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das aus Ihrer Sicht?

Stute-Meißner: Ich bin schon lange Lehrerin. Mein persönlicher Eindruck, und auch der meiner Kolleginnen und Kollegen ist, dass die Schreibleistung niedriger geworden ist. Es muss viel mehr überarbeitet werden und es fällt den Kindern schwerer, die Regeln zur Rechtschreibung zu verinnerlichen. Im Alltag wird grundsätzlich weniger geschrieben. Dazu kommt: In den Familien wird weniger gelesen, gleichzeitig hat sich die Kommunikation und die Sprache mit E-Mail und Handy verändert.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Lehrer ändern?

Stute-Meißner: Es muss grundsätzlich eine andere Haltung gegenüber Rechtschreibung aufgebaut werden. Das ist nicht die Schuld der Lehrer, aber man ist eine Zeitlang anders an das Schreiben herangegangen: Die Rechtschreibung war zunächst zweitrangig. Die Kinder sollten schreiben, schreiben, schreiben, um die Lust daran aufrechtzuerhalten. Erst später kamen dann Regeln dazu. Jetzt geht es darum, dass man von Beginn an darauf achtet. Und zwar so, dass es auch Spaß machen kann. Die Kinder sind stolz, wenn sie richtig schreiben, ohne dass alles verbessert oder verändert werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Was lernen Sie dafür in der Fortbildung?

Stute-Meißner: Bei der Fortbildung liegt der Schwerpunkt darauf, wie wir Rechtschreibprobleme erstens diagnostizieren können und die Kinder dann zweitens gezielt fördern.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel bitte.

Stute-Meißner: Das Kind hört statt Roller Rolla und schreibt hinten ein A. So spricht man ja auch. Wenn das häufiger vorkommt, diagnostizieren wir, dass das Kind die Endungen auf -er noch nicht richtig umsetzen kann. Dann können wir das mit dem Kind gezielt üben.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt aber, Sie als Lehrerin müssen sich sehr individuell auf einzelne Schüler einstellen. Wie funktioniert das in der Praxis?

Stute-Meißner: Man kann den Kindern in einer Stunde verschiedene Materialien zur Verfügung stellen. Das Problem ist, diese Materialien zu finden und zusammenzustellen. Ich kann in der Regel kein Arbeitsheft verwenden, denn damit müssten alle Kinder im Gleichschritt lernen. Stattdessen lasse ich nun ein Kind auf einem Arbeitsblatt arbeiten, ein anderes im Heft und ein drittes in einer Kartei.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als sei das mit viel Aufwand verbunden.

Stute-Meißner: Es hört sich komplizierter an, als es ist. Wir müssen nicht für 26 Schüler etwas anderes heraussuchen, sondern es gibt immer Schwerpunkte. Außerdem kann man die Materialien wieder benutzen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen das Seminar etwas gebracht?

Stute-Meißner: Ja, mein Fokus hat sich bereits geändert. Wir thematisieren Rechtschreibung auf den Fachkonferenzen jetzt viel mehr. Wir stehen aber noch ganz am Anfang. Für die Vermittlung in der Praxis wünsche ich mir in der Fortbildung noch mehr Beispiele, wie das wirklich umgesetzt werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Ihre Kollegen in Hamburg, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein werden online geschult. Dadurch kann man viele Lehrkräfte erreichen. Was halten Sie von dem Format?

Stute-Meißner: Ich finde das Format total klasse. Man muss sich die acht Unterrichtseinheiten nicht an einem festen Termin ansehen, sondern ist zeitlich flexibel. So ein Onlineformat ist außerdem in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein super. Für regelmäßige Fortbildungen wäre es für uns zu weit bis nach Kiel. Aber so können sich alle beteiligten Kollegen zur gleichen Zeit informieren. Zu einer Fortbildung könnten wir nicht zusammen fahren. Dann wäre niemand mehr in der Schule.



insgesamt 62 Beiträge
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manicmecanic 24.05.2019
1. Änderungswahn
Nur der ist Schuld an dem Desaster was diesen Punkt betrifft.Es gab mal Zeiten in Sachen Schule da konnten fast alle Schüler nach der Grundschule gut lesen und schreiben.Sogar auf der wie sie heißen würde Brennpunktschule auf der ich war.Also war das damalige System klar besser aber es mußte ja unbedingt geändert werden.Und bevor sich nun wer auch immer auf mich stürzt mit dem Pauschalvorwurf.Nein,früher war längst nicht alles besser aber was Schule und den Punkt betrifft war es das.
Phil2302 24.05.2019
2. Das zieht sich bis zum Abitur
Ich habe genug SuS in der Oberstufe, die massive Probleme mit der Rechtschreibung haben. Ein Phänomen ist dabei relativ neu, jedoch bereits sehr weit verbreitet: Probleme mit der Groß- und Kleinschreibung. Und wir reden hier nicht von schwierigen Wörtern wie "zum einen und zum anderen", sondern von Sätzen wie: "Das auto hielt bei Rot an." Das ist definitiv eine Folge der ganzen Handys, wo es keinen mehr interessiert, ob man Groß- und Kleinschreibung beachtet.
In Kognito 24.05.2019
3. "neue Erkenntnisse, wie Rechtschreibung besser vermittelt..."
Klar doch, aber nur für Generation "Bekloppt Rot/Grün/Kunterbunt". Alle, die vor dieser Sekten - "Ära" gelernt und gelehrt haben, konnten es!
Marvel Master 24.05.2019
4.
Hallo zusammen, Hauptursache dürften wohl das berühmte "Schreiben nach Gehör", gepaart mit der elektronischen Technik von heute sein. Vor ein paar Wochen hatte "Die Zeit" einen ähnlichen Artikel. Da meinte ein Forist tatsächlich, dass das Schreiben so was von gestern wäre und man es heute nicht mehr brauchen würde. Man könnte ja alles in sein Smartphone reinsprechen und der macht dann daraus schon Sätze. Auch Schreiben via Hand lehnte er komplett ab weil heute eh keiner mehr schreibt. Ich konnte da nur mit dem Kopf schütteln. Vermutlich bin ich zu alt, um das zu verstehen. VG
karlo1952 24.05.2019
5. Es ist schon seltsam, dass ich
und die meisten meiner Zeitgenossen in der Schule noch richtig lesen umd schreiben gelernt haben. Da muss man sich fragen, was ist zwischenzeitlich passiert? Warum geht man nicht einfach auf die Methodik der 60er Jahre zurück. Man muß nicht immer neues erfinden oder altes verschlimmbessern.
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