Eine Ausbildung für alle Grundschule oder Gymnasium? Hauptsache Lehrer

Der Lehrermangel trifft nicht alle Schulen gleich. Aber Gymnasiallehrer können nicht einfach so in der Mittelschule unterrichten. Mit einem Lösungsvorschlag sorgt Kultusminister Helmut Holter für Streit.
Thüringens Minister für Bildung, Jugend und Sport, Helmut Holter

Thüringens Minister für Bildung, Jugend und Sport, Helmut Holter

Foto: Martin Schutt/ dpa

Helmut Holter hat ein Problem: Als Bildungsminister in Thüringen sucht der Linke-Politiker händeringend Lehrkräfte - so, wie die meisten seiner Amtskollegen in den 16 Bundesländern. Der Lehrermangel verdirbt ihnen kollektiv den Start ins neue Schuljahr.

Doch Helmut Holter ist, neben seinem Job als Landesminister, auch noch amtierender Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK). Und in dieser Funktion gehört es zu seinen Aufgaben, neue Impulse in die Schulpolitik zu tragen. So wie am Donnerstag, als Holter zum Ende der Sommerferien in Thüringen vorschlug, Lehrer nicht mehr wie bisher getrennt nach Schularten auszubilden.

"Wenn wir erreichen wollen, dass wir den Unterricht an den Schulen absichern, müssen wir die Durchlässigkeit zwischen den Schulen erhöhen", sagte Holter. "Wir müssen auch dahin kommen, dass ein Gymnasiallehrer zum Beispiel in der Mittelschule unterrichtet und auch wieder zurückgehen kann." Die Lehrerbildung dürfe deshalb nicht mehr nach der Schulform erfolgen, sondern müsse sich an den Altersstufen der zu unterrichtenden Kinder orientieren.

Widerstand aus der Union

Tatsächlich ist die Situation kompliziert. So zeichnet sich etwa in Nordrhein-Westfalen ein deutlicher Überhang an Gymnasiallehrern und gleichzeitig ein massiver Mangel an Lehrern für andere Schulen ab. Doch Pädagogen einfach in eine andere Schulform zu verschieben, das geht bisher nicht, und freiwillig wechseln wollen nur wenige.

Das Angebot des NRW-Schulministeriums an 2000 Gymnasiallehrer jedenfalls, zunächst für einige Zeit an einer Grundschule zu unterrichten, um danach einen fest zugesagten Job an einer weiterführenden Schule zu bekommen, stieß bisher nur auf geringe Resonanz.

Holters Vorschlag zielt genau in diese Richtung - und sorgt bei Anhängern des klar gegliederten Schulsystems für heftigen Widerspruch. "Dann können wir ja gleich das Gymnasium abschaffen", polterte ein CDU-Bildungspolitiker, der nicht genannt werden wollte. Der bayerische CSU-Kultusminister Bernd Sibler sagte, er setze "aus Überzeugung" auf eine schulspezifische Lehrerausbildung: "Jede Schulart in Bayern hat ihren besonderen Bildungsauftrag. Dazu brauchen wir passgenau ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer."

Skepsis auch bei Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbands NRW. Der Gymnasiallehrer sagt, er halte von dem Vorschlag nichts: "Solange es unterschiedliche Schulformen gibt, muss es auch unterschiedliche Ausbildungen geben." Schließlich seien die Anforderungen an den Lehrerberuf an Gymnasien, Real- oder Gesamtschulen und erst recht an Grundschulen sehr verschieden.

"Grundschullehrer nicht abhängen"

Ganz anders sieht das Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied für den Bereich Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. "Wir begrüßen den Vorschlag sehr, das Festhalten an schulformbezogenen Ausbildungen ist veraltet", sagt die Gewerkschafterin: "Auch an Gymnasien werden die Lerngruppen immer heterogener, eine breite Ausbildung der Lehrkräfte mit Know-how etwa in der Inklusion ist notwendig."

Allerdings müsse man darauf achten, dass die Grundschullehrer bei diesen Reformen nicht abgehängt werden. "Die Gleichwertigkeit in der Ausbildung muss sich dann auch in der Bezahlung niederschlagen."

Ties Rabe, Schulsenator in Hamburg, findet den Vorschlag seines Thüringer Kollegen "durchaus vernünftig". Schließlich seien fast alle Bundesländer schon auf dem Weg zu einem Zwei-Säulen-System aus Gymnasium und integrierter Gesamtschule. "Aufgrund der hohen Schnittmengen der Lehrpläne können an beiden Schulen Gymnasiallehrkräfte hervorragend unterrichten und werden auch schon an vielen integrierten Gesamtschulen eingesetzt", sagt Rabe und kündigt an, dass Hamburg deshalb "künftig für die allgemeinen Schulen nur noch Gymnasiallehrkräfte und Grundschullehrkräfte" ausbilden werde.

"Solche Versuche einer Ausbildungsreform gab es ja schon mal mit der Stufenlehrerausbildung in NRW, das wurde aber wieder eingestellt", sagt Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung. Er könne den Vorschlag Holters "in gewisser Weise nachvollziehen - nur: So einfach ist die Welt leider nicht".

"Gleiche Bezahlung ist der größte Anreiz"

Wichtiger als die formale Möglichkeit zum Schulwechsel sei die gleiche Bezahlung von Lehrkräften, sagt Beckmann: "Das wäre der größte Anreiz, um dem Lehrermangel zu begegnen." Wichtig sei außerdem, dass sich die KMK auf vernünftige Qualitätsstandards für die Ausbildung von Quer- und Seiteneinsteigern in den Lehrerberuf einige.

Zumindest bei der Frage der Bezahlung liegt Beckmann damit ganz auf der Linie von Helmut Holter. Der hatte sich nämlich auch dafür ausgesprochen, Lehrer von Grundschulen bis Gymnasien gleich zu bezahlen.

Der nächste Widerspruch dürfte dem KMK-Präsidenten damit sicher sein.

Anmerkung: In einer vorherigen Version des Zitats von Ilka Hoffmann hieß es fälschlicherweise, Lerngruppen an Gymnasien würden immer homogener. Richtig ist, dass sie heterogener werden.

mit Material von AFP und dpa
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