Lehrermangel an Grundschulen "Ein Armutszeugnis"

Der Lehrermangel an Grundschulen wird sich einer Studie zufolge dramatisch verschärfen. Bildungsverbände attestieren der Politik Versagen, die Kultusminister wollen das nicht auf sich sitzen lassen.
Grundschülerinnen in Bayern (Archivbild)

Grundschülerinnen in Bayern (Archivbild)

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Wolfgang Ebener/ DPA

Udo Beckmann ist richtig sauer. "Schwere Versäumnisse" attestiert der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) den Schulministern in den Ländern: "Es ist ein Armutszeugnis, dass eine Stiftung die Hausaufgaben der Politik machen muss, um zu einer realistischen Lehrerbedarfsprognose zu kommen."

Was den Lehrerlobbyisten so toben lässt, ist die von der Bertelsmann-Stiftung am Mittwoch vorgestellte Studie zum Lehrerbedarf an Grundschulen. Die Ergebnisse sind dramatisch: Demnach werden bis zum Jahr 2025 bundesweit rund 105.000 Grundschullehrer benötigt. Da im gleichen Zeitraum aber nur 70.000 Absolventen aus den Unis auf den Arbeitsmarkt kommen, bleibt eine Lücke von mindestens 35.000 Lehrern.

Doch den Vorwurf, die Politiker hätten die aktuelle Entwicklung verschlafen, weist die Kultusministerkonferenz (KMK) zurück. "Alle 16 Länder sind sich der Lage bewusst und ergreifen bereits landesspezifische Maßnahmen. Hierfür bedarf es keines Weckrufs", sagt KMK-Vizepräsident Alexander Lorz, Kultusminister in Hessen.

Die baden-württembergische Bildungsministerin Susanne Eisenmann griff die Stiftung wegen der Veröffentlichung scharf an. Die Studie biete "wenig Neues und manch Falsches", so die CDU-Politikerin. Es sei "schon bemerkenswert, wie Bertelsmann wieder einmal versucht, die Politik unter Druck zu setzen". Eisenmann verwies darauf, dass die Stiftung 2009 für Baden-Württemberg noch einen Rückgang der Schülerzahlen im Sekundarbereich bis 2025 von mehr als 18 Prozent prognostiziert habe. Jetzt behaupte diese "mit Gesten des Vorwurfs an die angeblich falsch rechnende Politik das genaue Gegenteil".

"Nicht vorhersehbar"

An den steigenden Schülerzahlen seien vor allem die höhere Geburtenrate und die Zuwanderung in den vergangenen Jahren schuld, sagte Alexander Lorz: "Vorhersehbar war das in dieser Größenordnung nicht." Die Länder würden jedoch ihre Prognosen für den Lehrkräftebedarf ständig aktualisieren: "Die von der Bertelsmann-Stiftung vorgeschlagenen kurzfristigen Maßnahmen - wie die Erhöhung des Stundendeputats von Teilzeitkräften und der Einsatz von Pensionären - sind schon heute in vielen Ländern Realität."

Neben dem Ausbau der Beschäftigungsmöglichkeiten für Teilzeitlehrer und Pensionäre hatte die Stiftung auch den massiven Einsatz von Quereinsteigern in den Schulen gefordert - was in vielen Bundesländern längst Usus ist. Ein Ansatz, den die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit einer Bedingung verknüpft: Die neuen Kollegen ohne Lehramtsstudium müssten "sofort berufsbegleitend nachqualifiziert und durch Mentoringprogramme unterstützt werden", so GEW-Chefin Marlis Tepe. Das Ringen um Quereinsteiger sei "der Preis" dafür, dass über Jahre zu wenig Grundschullehrer ausgebildet worden seien - und letztlich auch eine Quittung für die schlechte Bezahlung von Lehrkräften an den Grundschulen.

Auch Udo Beckmann sieht keine andere realistische Chance, dem Lehrermangel zu begegnen, als verstärkt Seiteneinsteiger in die Klassen zu holen. Dafür dürfe aber die bisherige Praxis kein Vorbild sein. Denn bisher würden die Quereinsteiger in vielen Bundesländern ohne Vorqualifizierung unterrichten und erst berufsbegleitend nachqualifiziert werden, sagt der VBE-Vorsitzende.

Noch größerer Personalbedarf durch Ganztagsschulen

"Das ist unverantwortlich - sowohl für diejenigen, die vor die Klasse gestellt werden, als auch für die Kinder", so Udo Beckmann. Das Minimum sei eine halbjährige pädagogische Vorqualifizierung: "Es käme selbst beim größten Mangel niemand auf die Idee, einen Busfahrer als Piloten einzusetzen, ihn erst mal starten zu lassen und ihn während des Fluges für seine Aufgabe zu qualifizieren."

Obwohl Schulpolitik in erster Linie Ländersache ist, dürfte sich die Lehrerlücke auch auf die Koalitionsverhandlungen in Berlin auswirken. Schon im Sondierungspapier hatten Union und SPD vereinbart: "Wir werden einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter schaffen." Dieser Anspruch aber wäre mit zusätzlichem Personalbedarf verbunden - darauf weisen auch die Autoren der Bertelsmann-Studie hin.

Wo allerdings diese zusätzlichen pädagogischen Fachkräfte herkommen sollen, ist bis auf Weiteres völlig unklar.

him/dpa
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