Lehrermangel an Schulen Mit Ansage gegen die Wand

Mehr Schüler als erwartet, viel zu wenige Lehrer: Die Lage an vielen Schulen ist katastrophal, Politiker und Behörden sind in Erklärungsnot. Wer ist schuld an der Misere? Und wie lässt sie sich beheben?
Kinder auf dem Pausenhof (Symbolbild)

Kinder auf dem Pausenhof (Symbolbild)

Foto: Maja Hitij/ picture alliance / dpa

Der Unterricht fällt aus. Der Platz vorne an der Tafel ist leer. Der Lehrer ist krank - und für ihn kommt kein Vertretungslehrer. Denn den gibt es gar nicht. Er wurde nie ausgebildet, nie eingestellt. Die Schüler werden deshalb nach Hause oder in andere Klassen geschickt. Alltag an deutschen Schulen.

In vielen Bundesländern fehlen Pädagogen. Von einer "Katastrophe mit Ansage", sprechen Lehrerverbände. Seit Jahren warnen sie vor der Personalnot und schlagen wegen einer aktuellen Bertelsmann-Studie erst recht Alarm: Denn die prophezeit einen unerwarteten Schülerboom. Im Jahr 2030 würden deshalb Zehntausende zusätzliche Lehrer benötigt. Aber so viel Nachwuchs bilden die Hochschulen derzeit gar nicht aus.

Schon jetzt zeigt sich: Der Mangel hat drastische Folgen. Viele schimpfen deshalb auf die Politik: Sie habe das Problem verbockt. Aber stimmt das? Warum gibt es zu wenige Lehrer? Und wozu führt das? Ein Blick in verschiedene Bundesländer zeigt: Die Schuldfrage ist umstritten - und Politiker setzen teils auf rigide Mittel, um die Personalnot irgendwie in den Griff zu bekommen.

Zu spät um Nachwuchs gekümmert

In Ostdeutschland ist der Lehrermangel in vielen Regionen besonders ausgeprägt - auch weil die Altersmischung in den Kollegien nicht stimmt. Ein großer Teil der Lehrer ist jenseits der 50 und sieht der Pensionierung entgegen - keine Überraschung, sagt die GEW-Vorsitzende Marlies Tepe und kritisiert: "Trotzdem waren die Länder nicht bereit, rechtzeitig mehr Geld für die Ausbildung in die Hand zu nehmen." Ist es jetzt dafür zu spät?

Wer Lehrer werden will, ist in der Regel nach sieben Jahren fertig ausgebildet. Zu spät, um die aktuelle Lücke zu schließen. Und ob in zehn Jahren wirklich massenweise Lehrer benötigt werden, dafür gibt es keine Garantie. Das belegt der "Schweine-Zyklus". Der Begriff beschreibt ein altes Dilemma:

Herrscht in einem Beruf ein Mangel, rechnen sich viele Menschen gute Chancen aus und machen eine entsprechende Ausbildung. Sind sie fertig, haben sich die Umstände nicht zuletzt aufgrund der Prognose womöglich geändert. Es gibt ein Überangebot.

Bloß nicht Lehrer werden, hieß es zum Beispiel in den Achtzigerjahren. Damals klagte Deutschland über eine "Lehrerschwemme". "Dieses Auf und Ab gab es immer wieder", sagt der Bildungsforscher Klaus Klemm, der die Entwicklung seit Jahrzehnten beobachtet und die Bertelsmann-Studie mit verfasst hat.

Bertelsmann-Studie prophezeit Schülerboom

Bertelsmann-Studie prophezeit Schülerboom

Foto: Felix Kästle/ dpa

"Ich hatte Studenten, die wegen einer 1,7 weinend aus der Prüfung gelaufen sind. Sie hatten Angst, wegen so einer 'schlechten Note' keine Stelle zu bekommen, weil es so viel Konkurrenz gab. Ganz anders als heute." Es sei jedoch fast unmöglich, den Lehrerbedarf genau vorherzusehen, sagt Klemm und nennt vor allem zwei Gründe:

  • Erstens: Bei der künftigen Schülerzahl kann man sich gründlich verschätzen. Ein Beispiel: 1989 gab es in der Noch-DDR rund 200.000 Geburten, und man ging von einem hohen Lehrerbedarf aus. Aber nach der Deutschen Einheit schrumpfte die Geburtenzahl 1992 im Vergleich auf rund ein Drittel. Klemm: "Massive Brüche bei den Geburtenzahlen gab es in Deutschland immer wieder." Zurzeit gibt es gerade wieder deutlich mehr Geburten als ursprünglich angenommen - 2016 waren es 50.000 mehr als im Vorjahr. "Die Familienpolitik greift stärker als erwartet", sagt Klemm. "Zusätzlich steigen die Schülerzahlen durch Zuwanderung." Dabei war man lange von sinkenden Zahlen und einem niedrigeren Lehrerbedarf ausgegangen.
  • Zweitens: Der Lehrerbedarf hängt von politischen Rahmenbedingungen ab: kleinere Klassen, Ganztagsschulen, Inklusion, G8/G9. "Aber wer vor einigen Jahren Bildungspolitik gemacht hat, konnte nicht wissen, was seine Nachfolger festlegen - und wie viele Lehrer man dafür braucht", sagt der Forscher.

Arbeitsmarktprognosen kommen zu spät - und sind ungenau

Politikern die ganze Verantwortung für den Lehrermangel zuzuschieben, wäre deshalb zu einfach, findet Klemm. "Aber natürlich tragen sie eine Mitverantwortung." Sie hätten jahrelang gespart und keinen Lehrer mehr als unbedingt nötig eingestellt, weil sie sich nicht zu entsprechenden Gehalts- und Pensionszahlungen verpflichten wollten. "Dies ist die Quittung", sagt Klemm. "Deutschland hat die schwarze Null auch damit erkauft, dass wir in Schulen an vielen Stellen nicht die Standards haben, die wir haben sollten."

Lehrerin an einer Gesamtschule (Symbolbild)

Lehrerin an einer Gesamtschule (Symbolbild)

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Außerdem seien die Behörden mit ihren Prognosen oft spät dran - und bei der Jobberatung ungenau. Der Rat: 'Werdet Lehrer', führe derzeit gründlich in die Irre. Denn es fehlen keineswegs überall Lehrer. Nicht an allen Schularten. Und nicht für alle Fächer.

Die meisten Lehramtsstudenten wollen ans Gymnasium, gerne mit Deutsch oder Geschichte. Aber gerade da herrscht kein Mangel, sondern teilweise ein deutliches Überangebot. Dafür fehlen Sonderpädagogen und Lehrer an Grund-, Haupt-, Berufs- und Förderschulen, vor allem für Mathe, Musik oder Chemie.

"Die Reichen kaufen den Armen die Lehrer weg"

Um die wenigen "passenden Lehrer" herrscht deshalb ein harter Konkurrenzkampf - und den fechten die Bundesländer vor allem mit dem Geldbeutel aus. "Die Reichen kaufen den Armen die Lehrer weg", sagt Klemm.

Hamburg beispielsweise zahlt vergleichsweise hohe Gehälter und bietet den Beamtenstatus. Sachsen sondert neue "überzählige" Gymnasiallehrer an andere Schularten ab, obwohl sie dafür eigentlich nicht ausgebildet sind - und gewährt ihnen trotzdem das höhere Gehalt für Studienräte. Lehrer, die Mangelfächer besetzen, bekommen eine Zulage von 600 Euro brutto. Auch wer auf den Vorruhestand verzichtet, erhält eine Prämie. Aber was tun, wenn ein Haushalt all das nicht hergibt?

Viele Bundesländer setzen in ihrer Not verstärkt auf "ungelernte Lehrer". In Sachsen waren zum neuen Schuljahr fast die Hälfte der neu eingestellten Lehrer Quer- und Seiteneinsteiger, an Grundschulen lag die Quote sogar bei 66 Prozent. Teilweise sollen sie im Schnellverfahren an den Unis ausgebildet werden.

Niedersachsen, wo zum neuen Schuljahr längst nicht alle freien Stellen besetzt sind, hat einen 17-Punkte-Plan  gegen den Lehrermangel vorgelegt. Darin ist neben bezahlten Überstunden und der Mobilisierung von pensionierten Pädagogen auch vorgesehen, die Hürden für Quereinsteiger zu senken, vor allem an Grundschulen. Wer Lehrer werden will, muss auch nicht mehr unbedingt die "richtigen" Fächer studiert haben.

In Nordrhein-Westfalen hat Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) jetzt verkündet, Unternehmer sollten ihre Mitarbeiter zeitweise für Unterrichtsstunden zur Verfügung stellen. Der Notstand in den MINT-Fächern (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sei so groß, dass man alle Ideen in Betracht ziehen müsse.

Dringend gesucht: Lehrer für MINT-Fächer

Dringend gesucht: Lehrer für MINT-Fächer

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Die Lösung ist allerdings höchst umstritten. "Insgesamt schlägt sich eine zu hohe Quote von Quereinsteigern in Qualitätsproblemen und schwächeren Schülerleistungen nieder", mahnt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologen- und Lehrerverbandes.

Auch die Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes warnt: "Wer positive Erfahrungen mit ungelernten Kräften macht, könnte auf die Idee kommen, dass ein jahrelanges Studium für den Lehrerberuf nicht unbedingt notwendig sei. Das ist ein absoluter Trugschluss. Wir sollten Top-Qualifizierungen für diejenigen fordern, die unseren Kindern Lesen und Schreiben beibringen."

Kritik am Krisenmanagement - und Gegenvorschläge

Außerdem ist zweifelhaft, dass die Politik einerseits über Personalnot an Schulen klagt, andererseits aber seit Jahren bundesweit Tausende befristet angestellte Lehrer in den Ferienmonaten Juni, Juli, August in die Arbeitslosigkeit schickt - auch in diesem Jahr.

Das Phänomen ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern besonders ausgeprägt. Dabei herrscht auch dort Lehrermangel. Fleischmann spricht von einem "eklatanten Widerspruch".

Quer durch die Republik treibt die Personalnot an Schulen etliche Lehrer, aber auch Eltern, Studenten und Professoren um. Viele halten das politische Krisenmanagement schlicht für mangelhaft - und haben Gegenvorschläge. In Sachsen-Anhalt will die "Volksinitiative gegen Lehrermangel" die Politik mit Tausenden Unterschriften zwingen, mehr Geld in Lehrerstellen zu investieren.

In Sachsen haben wütende Kritiker der Kultusministerin einen Offenen Brief  geschrieben: Die getroffenen Maßnahmen seien "ein bloßer Versuch der Symptombekämpfung und bei Weitem nicht ausreichend". Um das Problem nachhaltig in den Griff zu bekommen, brauche man vor allem bessere Arbeitsbedingungen für Lehrer - bis hin zu sauberen Schulklos.

Der Deutsche Lehrerverband fordert einen "Masterplan" der Bundesländer, der unter anderem mehr Planstellen und Werbung für den Lehrerberuf vorsieht. Die GEW will - nicht ganz uneigennützig - durchsetzen, dass Lehrer künftig überall unabhängig von der Schulart das gleiche Gehalt bekommen: So ließe sich zumindest verhindern, dass es zu wenige Lehrer für Grundschulen gibt - und zu viele fürs Gymnasium.

mit Material von dpa
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