Lehrermangel Frau Hinkel, 74, unterrichtet wieder

Eigentlich ist Heidi Hinkel längst im Ruhestand - doch nun arbeitet die pensionierte Lehrerin wieder an einer sächsischen Grundschule. Der Grund: Lehrer sind hier Mangelware.

Heidi Hinkel in der Klasse 3 der Grundschule Hilbersdorf
Eckardt Mildner

Heidi Hinkel in der Klasse 3 der Grundschule Hilbersdorf

Ein Interview von


420 Lehrerstellen in Sachsen sind nach Angaben des Kultusministeriums unbesetzt. Der Mangel ist so groß, dass an einigen Schulen bestimmte Fächer gar nicht mehr unterrichtet werden - so wie an der Grundschule Hilbersdorf in der Nähe von Dresden. Dort gab es zuletzt keinen Musikunterricht mehr.

Immer häufiger kehren deshalb Lehrer aus dem Ruhestand zurück. Eine von ihnen ist Heidi Hinkel, 74 Jahre alt. Seit diesem Dienstag lehrt sie Musik für die Klassen eins bis vier.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hinkel, wie war Ihr erster Schultag?

Heidi Hinkel: Ganz reizend. Ich habe drei Stunden Musik unterrichtet, in Klasse eins bis drei. Klasse vier war auf Exkursion, die lerne ich erst nächste Woche kennen. Wir haben gesungen und getanzt, am Ende habe ich die Schüler mit Abklatschen verabschiedet.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 74 Jahre alt. Wie kam das bei den Schülern an?

Hinkel: Ich muss sagen, ich war deswegen schon ein bisschen aufgeregt heute Morgen. Eigentlich habe ich das nie. Aber ich habe mir unnötig Sorgen gemacht. Die Schüler haben mich gleich voll angenommen, denen ist es egal, wie alt ich bin. Wissen Sie, ich bin nicht so der Omi-Typ, das hat wahrscheinlich geholfen.

SPIEGEL ONLINE: War es gar nicht anstrengend?

Hinkel: Ich bin auch sonst sehr aktiv. Ich leite einen Chor, die "Hinkel-Singers", und bin im Karnevalsclub. Außerdem biete ich Integrationskurse für Ausländer an. Und dann bin ich noch für die Freien Wähler im Stadtrat.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich dazu entschlossen, in Ihrem Alter noch einmal in den Lehrberuf zurückzukehren?

Hinkel: Vor einiger Zeit sprach mich ein Elternpaar aus dem Karnevalsclub an. Sie berichteten mir, dass es an der Grundschule ihres Kindes gar keinen Musikunterricht mehr gebe. Ob ich das nicht machen könne? Ich habe dann gesagt, dass mich die Schulleiterin ja mal anrufen könne, damit wir wieder über etwas anderes sprechen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten eigentlich gar nicht?

Hinkel: Ich habe 44 Jahre als Lehrerin gearbeitet, zwischendurch auch eine Schule geleitet. Ich habe den Job immer gern gemacht und mache das auch jetzt, solange es meine Gesundheit zulässt. Deutsch, Politik, diese Fächer liegen mir neben Musik. Aber von allein wäre ich nicht auf die Idee gekommen, wieder an die Schule zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihre Planung für die Zukunft aus?

Hinkel: Erst einmal habe ich die vier Stunden Unterricht pro Woche bis zum Ende des Schuljahres zugesagt. Dann sehen wir weiter. Ich habe aber auch so immer genug zu tun.



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mirage122 08.05.2019
1. Heidi Hinkel
Diese tolle Lehrerin im Ruhestand hat ihren jüngeren Kollegen/innen gegenüber einen ganz gravierenden Vorteil: Sie liebt ihren Job und hat ihn immer geliebt. Das merken die Kinder und Jugendlichen. Dieses Interview sollte eine Pflicht-Lektüre werden für alle diejenigen, die nur jammern, gestresst und genervt sind. Danke, Heidi!
territrades 08.05.2019
2. Alle verjagt.
Ich kann mich noch an meine Zeit vor 10 Jahren an einem sächsischem Gymnasium erinnern. Die Lehrer wollten Vollzeit arbeiten, bekamen aber nur Unterrichtsstunden für Teilzeit. Dann haben sie sich versucht mittels AG Angeboten der Schulleitung noch ein paar Stunden mehr pro Monat aus dem Kreuz zu leiern, selten mit Erfolg. Wir hatten dann in der Oberstufe ein sehr begabte und ambitionierte Referendarin, die hat auch glatt mit 1.0 abgeschlossen. Nur leider hat sie an Sachsens öffentlichen Schulen keine Stelle bekommen, am Ende ging sie irgendwo andershin, an eine Privatschule. Gleichzeitig beschwerte man sich schon damals über Lehrermangel und musste teilweise Stunden ausfallen lassen. Lehrermangel bedeutete aber nicht Mangel an Personen die als Lehrer arbeiten wollten, sondern Mangel an Geld um diese Lehrerstunden zu bezahlen. Im Übrigen sollte die Schulpflicht in Deutschland nicht nur die Schüler verpflichten zur Schule zu gehen, sondern auch den Staat verpflichten alle Fächer unterrichten zu lassen. Fehlender Musikunterricht für Grundschüler ist schon ärgerlich, aber wenn es an einer höheren Schule keinen einzigen Physiklehrer mehr gibt, dann wird den Schülern die Möglichkeit ganzer Berufsfelder verbaut.
Krokodilstreichler 08.05.2019
3.
Schade, dass man viele junge Uniabsolventen zum Grundschullehramt nicht zum Referendariat zulässt, sondern sie auf Wartelisten setzt. Leider stellt man auch nicht alle fertigen Referendare ein, sodass diese in schulfremden Bereichen arbeiten müssen, etwa als mäßig bezahlte Sekretärinnen.
Newspeak 08.05.2019
4. ....
Ich habe mich vor einigen Jahren als promovierter Naturwissenschaftler in NRW dutzendfach auf Lehrerstellen beworben. Angeblich war der Bedarf so gross. Manche Ausschreibungen klangen verzweifelt. Ich wurde einmal (!) von einem Berufskolleg zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Selbst eine Brennpunktschule, die "ganz dringend" jemand suchte, hat sich nicht gemeldet. Vom Anstand abzusagen, gar nicht zu reden. Mein Fazit: Deutschland ist ein selbstgerechtes, eingebildetes, geiziges Land. Man will alles mögliche, bietet aber nichts. Man behandelt Qualifizierte wie Dreck. Inzwischen arbeite ich im Ausland.
berthadammertz 08.05.2019
5. Nur eine kleine Anmerkung
Erstmal einen sehr freundlichen Gruß an die noch lehrende Kollegin! Alles Gute! Ich selbst insgesamt habe nach der regulären Pensionierung noch weitere zehn Jahre an meinem ehemaligen Gymnasium unterrichtet (D, L, G) ... und dann selbst aufgehört. Meine Arbeit als Lehrerin hat mich lebendig, empathisch und gesund gehalten. Dafür Danke ich meinen Schülern (und auch Kollegen)! Dr. Bertha Dammertz, 82 Jahre
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