Verschärfter Lehrermangel Privatschulen schlagen Alarm

Nicht nur öffentliche, auch private Schulen finden zu wenige Lehrer. Mittlerweile jagen sich beide Systeme gegenseitig die Pädagogen ab. Die Privaten fordern ein Ende der "Wilderei".

Privatschule in Düsseldorf (Archivbild)
Christoph Gateau/dpa

Privatschule in Düsseldorf (Archivbild)

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Klaus Vogt ist sauer. "Der Staat muss aufhören, uns die Lehrer abzuwerben", sagt der Präsident des Verbandes Deutscher Privatschulverbände (VDP). Noch könnten die Mitglieder zwar alle offenen Stellen besetzen - aber wie lange noch? "Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, laufen wir in den Mangel hinein."

Ein Mangel, der an den staatlichen Schulen längst Realität ist. Laut Kultusministerkonferenz fehlen bis zum Jahr 2030 bundesweit Tausende Lehrer. Am größten ist die Lücke in den kommenden vier Jahren.

In ihrer Not greifen die Bundesländer zu allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln: Sie erhöhen die Lehrergehälter, sie kehren zur Verbeamtung der Pädagogen zurück. Selbst in Berlin, das sich lange sträubte, diskutiert der Regierende Bürgermeister jetzt diesen Schritt.

Wildern bei den Privaten

Gleichzeitig stampfen die Universitäten neue Studienplätze für angehende Lehrer aus dem Boden. Doch bis die auf dem Arbeitsmarkt ankommen, dauert es Jahre. So dürfte der Überbietungswettbewerb der Länder kurzfristig vor allem zwei Folgen haben: Sie werben sich gegenseitig die Lehrer ab - oder sie wildern im Privatschulsektor, was kurzfristig fast die einzige Möglichkeit ist, zusätzliche vollausgebildete Lehrer ins staatliche System zu bekommen.

Und das Wildern lohnt sich, denn seit 1992 ist die Zahl der Privatschulen kräftig gestiegen. Manche sprechen angesichts von 81 Prozent zusätzlicher Einrichtungen sogar von einem Boom. Was allerdings außer Acht lässt, dass es zuvor im Osten praktisch keine Privatschulen gab.

Jede siebte allgemeinbildende Schule ist inzwischen in nichtstaatlicher Trägerschaft. Doch auch wenn die privaten Schulen im Schnitt kleiner als die öffentlichen sind, liegt ihr Anteil an allen Schülern in Deutschland inzwischen laut Statistischem Bundesamt bei fast zehn Prozent.

Auch der Anteil der Lehrer an allgemeinbildenden Privatschulen erreicht knapp zehn Prozent. Oder, in absoluten Zahlen: über 80.000 in Voll- und Teilzeit. Sogar Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig schickte ihr Kind auf eine private Grundschule, wofür sie vor einem Jahr heftige Kritik erntete.

Neugründungen im Zwei-Wochen-Takt

"In den vergangenen zehn Jahren ist fast jede zweite Woche eine Privatschule entstanden", sagt Tim Engartner. Der Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften leitet die Goethe-Lehrerakademie der Universität Frankfurt am Main, an der sich Lehrer fortbilden können. Regelmäßig besucht er Privatschulen im Rhein-Main-Gebiet, und was Engartner dann sieht, gefällt ihm. Einerseits. "Moderne, großzügige Gebäude, eine hervorragende Ausstattung", sagt er. "Ich wünschte mir allerdings, dass die staatlichen Schulen auch so aussehen würden."

Zumindest für Frankfurt und Umgebung könne er sagen: Ob konsequent umgesetzter Ganztagsbetrieb oder bilingualer Unterricht, die Privaten seien meist die Vorreiter. Das Geheimnis ihres enormen Wachstums, sagt Engartner, Autor des Buchs "Staat im Ausverkauf", sei allerdings ein besorgniserregendes: Es liege "in der finanziellen Auszehrung des staatlichen Regelschulsystems".

Sind es vor allem elitäre Schulen, die in den vergangenen 27 Jahren entstanden sind, eine Parallelwelt zu einer zunehmend diversen Gesellschaft, gewählt von besserverdienenden Eltern, die es sich leisten können? Geschieht es diesen Schulen insofern nur recht, wenn sie jetzt ein wenig vom Lehrermangel der staatlichen zu spüren bekommen?

"KIischee der abgehobenen Eliteschule"

Unsinn, sagt VDP-Präsident Vogt und führt seine eigene Arbeitsstätte als Beispiel an. Vogt leitet das Kolping-Bildungswerk Württemberg, das Kita, Grundschule, Realschule, Gymnasien und Berufsschulen vereint. Alles in den Händen einer privaten Stiftung mit katholischer Prägung. "Das Klischee der abgehobenen Eliteschule stammt aus amerikanischen Filmen oder aus Berichten über das Eton-College."

Vergleichbares, sagt Vogt, gebe es in Deutschland nicht. Tatsächlich sei die Privatschullandschaft äußerst vielfältig, viele Sonderschulen seien darunter und vor allem Schulen mit einem besonderen Profil: Montessori, Pestalozzi. Oder eben mit einer konfessionellen Prägung. Laut VDP-Berechnungen unterscheidet sich auch das durchschnittliche Elterneinkommen von Privatschülern kaum von dem an staatlichen Schulen.

Allerdings hat der VDP seine Erhebungen nur deshalb angestellt, weil das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Ende 2018 in einer viel beachteten Studie etwas anderes herausgefunden hatte: Privatschüler kommen immer häufiger aus Akademikerhaushalten.

"Die soziale Segregation zwischen privaten und öffentlichen Schulen hat in den vergangenen 20 Jahren deutlich zugenommen", berichtete DIW-Forscherin Katharina Spieß. Konkret: 17 Prozent der Eltern, die studiert haben, schicken ihre Kinder inzwischen auf eine Privatschule.

Bei den Eltern ohne Studium sind es nur vier Prozent. Vor allem im Osten gehe die Schere immer weiter auf, berichtet Spieß.

Liegt das an den Schulgeldern? Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hatte wiederholt kritisiert, dass viele Privatschulen verfassungswidrig hohe Gebühren verlangten. Konkret: Laut WZB-Erhebung von 2017 stellten von 94 untersuchten privaten Grundschulen in Berlin 51 selbst den ärmsten Eltern mehr als 100 Euro monatlich in Rechnung, einige sogar mehr als 200.

Die Verfassung verbietet die "Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen" zumindest an jenen Privatschulen, den sogenannten Ersatzschulen, die im Schnitt zwei Drittel ihres Budgets mit staatlichen Geldern bestreiten. Was für die mit Abstand meisten Privatschulen gilt.

Keine Privatschulen im Plattenbauviertel

Das letzte Drittel müssten die Schulen selbst bestreiten, betont VDP-Chef Vogt - weshalb er auch die Schulgelder für angemessen hält. Marcel Helbig, Bildungsforscher und Privatschulexperte am WZB, bestätigt, dass seit der WZB-Kritik in mehreren Bundesländern genauer hingeschaut werde. "Es wird mir aber auch zunehmend deutlich, dass die Gebühren nicht das einzig Entscheidende sind", sagt er. Ebenso wichtig sei, dass Privatschulen fast nur dort entstünden, wo viele Akademiker lebten.

Sein Paradebeispiel, sagt Helbig, sei Rostock. Der Norden der Hansestadt besteht größtenteils aus Plattenbauvierteln. Zahl der Privatschulen: null. Im Süden sei die Mittel- und Oberschicht zu Hause, "dort ist die Hälfte aller Schulen privat," sagt Helbig. Schuld sei nicht nur die Standortwahl der Privaten, sondern auch der Staat, der eine solche Entwicklung zugelassen habe. "Wenn Tickets für Bus und Bahn schnell 20, 30 Euro im Monat kosten, ergibt sich die soziale Selektion von selbst."

Klaus Vogt sagt demgegenüber, die Privaten hätten vor allem in Ostdeutschland Angebotslücken geschlossen, die der Staat hinterlassen habe. Und er warnt, wenn der Staat sein "asymmetrisches Wettbewerbsverhalten" im Wettstreit um die Lehrer nicht beende, drohe "viel von der guten Arbeit, die wir seit der Wiedervereinigung geleistet haben, wieder kaputtzugehen". Weil jeder Lehrer weniger die Unterrichtsqualität beeinträchtige.

Der Staat wiederum wehrt sich gegen die Vorwürfe: "Die Länder haben es nicht auf die Privatschulen als Quelle für ausgebildete Lehrkräfte abgesehen", betont ein Sprecher der Kultusministerkonferenz (KMK). Vielmehr gebe es "viele eigene Initiativen, die darauf abzielen, den Lehrkräftebedarf zu decken". Dazu gehörten etwa Werbe- und Imagekampagnen, Quer- und Seiteneinsteiger und der zeitweise Einsatz beispielsweise von Gymnasiallehrern an Grundschulen.

insgesamt 99 Beiträge
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dirkozoid 29.03.2019
1. Der Staat bildet die Lehrer aus.
Wenn, dann werben die Privatschulen die Lehrer ab, denn der Staat finanziert deren Ausbildung. Die Lösung für das Problem ist aber eigentlich ganz einfach: Bessere Konditionen für Lehrer anbieten als an den staatlichen Schulen. Eventuell müssen dann die Gebühren erhöht werden, aber wer sein Kind auf eine private Schule schicken möchte, wird das nötige Geld ja haben. Warum der Staat da auch noch Gelder zuschießt, ist mir ein Rätsel.
ichbinsdiesusi 29.03.2019
2. Gleiche Bezahlung wäre sinnvoll
Eine Privatschule im Ruhrgebiet bot mir E10, an einer staatlichen Schule ist bei 2 Staatsexamina im Angestelltenbereich E13 üblich. Wofür würde man sich wohl entscheiden?
spon-facebook-10000034826 29.03.2019
3. Jammern ist ja schön und gut....
aber der Aspekt der zumeist deutlich geringeren Bezahlung spielt hier keine Rolle.Ist doch dasselbe, wie die ungleiche Bezahlung an staatlichen Schulen (A12/A13-Lehrermangel an A12 Schulen-logisch!!!). Warum sollten junge Leute freiwillig weniger verdienen wollen, die sind doch nicht blöd.
toga16 29.03.2019
4. Privatschulen Kontra staatliche Schulen
Man kann angesichts der Entwicklung nur noch mit dem Kopf schütteln. Bildung müsste für ein Land mit so knappen Reccourcen oberste Priorität haben. Dafür sollten die Schüler eigentlich freitags auf die Straße gehen, für ein einheitliches, solides Bildungssystem, ohne ständiges Herumexperimentieren. Achtung des Lehrerberufes und Unterstützung der Schulen. Dann klappt es auch mit dem Klima....
thomas1110 29.03.2019
5. Marktgeschehen
Lehrer verlassen nur dann die Privatschulen, wenn sich regional verändern oder ihnen von stattlichen Schulen bessere Angebote gemacht werden. Ich würde sagen, privatunternehmerisches Risiko. Mir ist übrigens nicht bekannt, dass private Schulen in die Ausbildung von Lehrer investieren. Dies macht m.E. In erster Linie der Staat. Und somit ist es auch nur gerecht, wenn in erster Linie auch der Staat seine Lehrer bekommt.
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