Lehrernachwuchs Nur die Besten sind gut genug

Die deutschen Schulen plagt akuter Lehrermangel, weil die Pädagogen scharenweise in Pension gehen. Trotzdem warnt eine Studie des Max-Planck-Instituts davor, jeden Lehramtsstudenten gleich auf Lebenszeit einzustellen: Man dürfe dem wirklich guten Nachwuchs von morgen keine Steine in den Weg legen.


Lehrer: Report hilft dem Gedächtnis der Kultusminister auf die Sprünge
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Der noch unveröffentlichte Max-Planck-Report zeigt, dass die Noten der Abiturienten, die ein Lehramtsstudium aufnehmen, seit dreißig Jahren sinken - längst hätten die Lehramtsfächer den Kampf um den besten Nachwuchs an andere Disziplinen verloren.

Jürgen Baumert, der als Leiter der bekannt wurde, führt den damit verbundenen Ansehensverlust der Pädagogen auf eine falsche Personalpolitik der Kultusminister zurück. In einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" kritisiert der Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, dass in Zeiten des Schülerbooms selbst der schlechteste Lehramtsanwärter in den Schuldienst übernommen worden sei.

Stellen auf Jahrzehnte blockiert

Denn in den siebziger Jahren gab es im Zuge der Bildungsexpansion und der geburtenstarken Jahrgänge viel zu wenige Lehrer. Prompt wurden ganze Absolventenjahrgänge auf einen Schlag eingestellt.

Bildungsforscher Baumert: Dem künftigen Lehrernachwuchs nicht den Weg versperren
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Bildungsforscher Baumert: Dem künftigen Lehrernachwuchs nicht den Weg versperren

Bildungsforscher empfahlen zwar eine vorausschauende Planung, doch die Landesregierungen schlugen alle Mahnungen und Warnungen in den Wind - mit unangenehmen Folgen für die nachrückenden Lehramt-Absolventen: Ihnen blieb der Weg in die Klassenzimmer fortan versperrt, die Stellen waren ja auf Jahrzehnte blockiert durch die Einstellungswelle der siebziger Jahre.

"Aus einem Bundesland war sogar die Erfolgsmeldung zu vernehmen, auch den letzten Lehramtsanwärter übernommen zu haben. Qualitätsgesichtspunkte traten dabei in den Hintergrund", sagt Baumert. In den Folgejahren hätten sich viele Spitzenabsolventen in die Wirtschaft abgesetzt, weil keine Stellen zu besetzen waren. Und gerade die besten Studienbewerber hätten sich anderen Berufen zugewandt.

Die Fehler der Vergangenheit rächen sich

Über die Jahre wurde aus dem Lehrermangel eine Lehrerschwemme - und nun wieder ein Lehrermangel. Inzwischen ist nahezu wieder der Stand von vor drei Jahrzehnten erreicht: Die Bundesländer sind so scharf auf Lehrernachwuchs, dass sie sogar in Nachbarländern wildern und Quereinsteigern ein Freifahrticket verpassen.

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Das hält Baumert durchaus nicht für einen Fehler: "Berufsanfänger und Quereinsteiger lassen sich zunächst befristet einstellen", schlägt er vor, "viele Angebote der Schulen, insbesondere Fördermaßnahmen, kann man mit Honorarkräften aufrecht erhalten." Die Theatergruppe könne ein Freiberufler leiten; auch die Ressourcen der Musikschulen seien hilfreich. Obendrein kann der Erziehungswissenschaftler sich vorstellen, ältere Schüler oder Studenten für Zusatzunterricht einzuspannen.

Baumert warnt indes davor, die alten Fehler heute zu wiederholen. Der Einstellungspolitik der Länder stellt er in der "Zeit" ein schlechtes Zeugnis aus: "So steigert man sicherlich nicht die angeschlagene Reputation des Lehrerberufs." Da die Schülerzahlen bald dauerhaft sinken würden, sollten die Schulen die Zwischenzeit überbrücken. Auch die Klassenfrequenzen lassen sich nach Baumerts Ansicht flexibel handhaben: "Schließlich ist eine Reform der Lehrerarbeitszeitregelung überfällig, in der sich die tatsächliche Arbeitszeitstruktur abbildet."




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