Lehrerschwund In Europa werden die Pädagogen knapp

Vor dramatischen Engpässen an den Schulen warnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Ein Mangel an jungen Pädagogen grassiert auch in anderen europäischen Ländern. In Deutschland rächen sich nach Ansicht der GEW jetzt die Fehler der Vergangenheit bitter.


Immer mehr ältere Lehrer: "Hurra, unser Jüngster wird 50"
DER SPIEGEL

Immer mehr ältere Lehrer: "Hurra, unser Jüngster wird 50"

Scharenweise werden in den kommenden Jahren Deutschlands Lehrer den Ruhestand erreichen - und ausreichend Nachwuchs ist nicht in Sicht. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt jetzt vor einem dramatischen Lehrermangel. Besondere Engpässe befürchtet die GEW an Haupt-, Sonder- und Berufsschulen.

Der Pensionsgrenze nähern sich nun zehntausende von Lehrern, die in den siebziger Jahren im Zuge der "Bildungsexpansion" eingestellt worden waren. Anschließend schlossen die Bundesländer die Schultüren für den Nachwuchs weitgehend. Selbst mit hervorragenden Prüfungsnoten hatten Lehramt-Absolventen für lange Zeit nur schlechte Chancen auf eine Stelle beim Staat.

GEW kritisiert kurzsichtige Einstellungspolitik

Unterdessen stieg das Durchschnittsalter an den Schulen stetig; jeder fünfte Pädagoge ist inzwischen älter als 55 Jahre. Statt weiter auf die lange Bank zu schieben, mussten die Bundesländer reagieren. Weil der Generationswechsel bereits seit geraumer Zeit zu Mängeln bei der Unterrichtsversorgung führt, werben die Länder mit Image-Kampagnen um mehr Lehramt-Studenten und jagen einander mitunter sogar aggressiv die Junglehrer ab, allen voran Hessen.

Eva-Maria Stange: Kritik an den Kultusministern
DPA

Eva-Maria Stange: Kritik an den Kultusministern

Die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange hält die Schwierigkeiten für hausgemacht und wirft der Kultusministerkonferenz vor, dass es keine langfristige Bedarfsermittlung für den Arbeitsmarkt Schule gebe. "Eine vorausschauende und vorsorgende Einstellungspolitik ist bei den Bundesländern nicht erkennbar", sagte sie. Die Folge werde ein noch schärferer Wettbewerb der Länder um den knappen Lehrernachwuchs sein - "zu Lasten der Schüler und der Unterrichtsqualität", warnte Stange.

Einem aktuellen GEW-Arbeitsmarktbericht zufolge haben die Länder im vergangenen Schuljahr rund 32.000 Lehrer neu eingestellt. Die Angaben decken sich etwa mit einer Erhebung der Kultusministerkonferenz (KMK) und einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft. Den Einstellungsbedarf für das kommende Schuljahr beziffert die Bildungsgewerkschaft auf 33.000 bis 35.000 Lehrer. Doch nach KMK-Angaben haben im vergangenen Jahr lediglich knapp 22.000 junge Lehrerinnen und Lehrer das zweite Staatsexamen abgelegt.

Überall in Europa fehlen die Lehrer

Selbst wenn es den Ländern gelingen sollte, Bewerber aus den früheren "Lehrerschwemme"-Jahren einzustellen und zum Beispiel über Pädagogik-Crashkurse für Akademiker aus anderen Berufen schnell weitere Lehrer zu gewinnen, bleibt eine gewaltige Lücke. Dieser Weg ist nach Auffassung von Eva-Maria Stange ohnedies nicht wünschenswert - sie prophezeit einen "schleichenden Verlust an pädagogischer Professionalität in den Lehrerkollegien durch die vermehrte Einstellung von pädagogisch nicht qualifizierten Seiteneinsteigern".

Absolventen: Nicht genug Junglehrer
Institut der deutschen Wirtschaft

Absolventen: Nicht genug Junglehrer

Nach der GEW-Analyse ist der Lehrermangel nicht allein ein deutsches Problem. Auch etlichen anderen europäischen Ländern steht ein Generationswechsel ins Haus; viele müssen in den nächsten zehn Jahren 20 bis 40 Prozents des Lehrerbestands ersetzen. Das wird vor allem in Mathematik und den Naturwissenschaften nicht leicht, wo Akademiker auf dem Arbeitsmarkt gute Berufsaussichten vorfinden und um die Schulen einen großen Bogen machen.

Eva-Maria Stange forderte die Bundesländer zu einer systematischen Nachwuchsförderung auf. Die Ausbildungs- und Einstiegsbedingungen müssten verbessert werden, etwa durch eine deutliche Anhebung der Anwärterbezüge. Denn die seien in den letzten 30 Jahren so oft gekürzt worden, dass "inzwischen mancher Lehrling im dritten Lehrjahr mehr verdient als ein Lehramtsreferendar nach erstem Staatsexamen", so Eva-Maria Stange.

Jochen Leffers




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