Kommentar zum Lehrerstreik Schafft die Schulbeamten ab

Weniger Geld, weniger Sicherheit: Im Vergleich zu ihren verbeamteten Kollegen sind angestellte Lehrer vielerorts schlechtergestellt. Ihr Streik ist daher sinnvoll. Noch sinnvoller wäre es, das Beamtentum für Lehrer flächendeckend abzuschaffen.
Lehrer in NRW: Der süße Reiz des Beamtentums

Lehrer in NRW: Der süße Reiz des Beamtentums

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Herr Stein war mir einer der Liebsten. Er unterrichtete Erdkunde an einem bayerischen Gymnasium und sagte über sein Lehrerdasein, er habe den schönsten Job der Welt: immer junge Leute um sich, viele Ferien, wenig Abzüge von seinem Bruttolohn und im Krankenhaus auch noch Vorzugsbehandlung.

"Wer würde da nicht Lehrer werden wollen?", fragte er dann. Eine ironische Frage, die auf jene seiner Kollegen zielte, denen es bei ihrer Berufswahl vor allem um den größten Vorteil des Schulbeamtentums gegangen war: Sicherheit bis ans Lebensende.

Herr Stein liebte seinen Beruf und nahm ihn sehr ernst. Er ging auf die Schüler ein, war fleißig, fordernd, gerecht und ehrlich. So ehrlich, dass er gelassen aussprach, was auch ein Problem der Lehrerverbeamtung ist: Beamte sind eine privilegierte Berufsgruppe. Wer es einmal ist, der wird es für den Rest seines Berufslebens bleiben.

Praktisch unkündbar zahlen verbeamtete Lehrer auf ihren Sold geringere Abgaben als Angestellte. Dieser Anreiz ist so stark, dass zu viele vor allem deshalb Lehrer werden wollen.

Der Staat lässt seine Diener bei der Ernennung schwören, stets loyal zu sein. Streiken dürfen Beamte nicht. Im Gegenzug bietet der Staat Fürsorge in Krankheit und Alter.

Nach der Wiedervereinigung entschieden sich die neuen Bundesländer zu einem mutigen Schritt: Lehrer sollten dort Angestellte sein, keine Staatsdiener. Sie erhalten Lohn und zahlen Abgaben für Rente, Gesundheit, Arbeitslosigkeit. Die Pisa-Studie belegt, dass die Qualität der Lehre darunter nicht leidet: Sachsen, wo alle Lehrer angestellt sind, hat wie Bayern, wo die meisten Lehrer noch Beamte sind, eines der leistungsfähigsten Schulsysteme des Landes. Beamte sind keine besseren Lehrer.

In westdeutschen Ländern, die es den Ost-Ländern nachmachten, entstand allerdings eine Zweiklassengesellschaft in den Lehrerzimmern. Junge Kollegen arbeiten als Angestellte, mitunter nur befristet. Manche werden sogar vor den großen Ferien entlassen und danach wieder eingestellt, weil das dem Land Kosten spart. Die meist verbeamteten älteren Kollegen sind deutlich bessergestellt.

Für die Bundesländer haben angestellte Lehrer vor allem langfristig einen großen Vorteil: Für ihre Altersbezüge kommt die Rentenkasse auf, und nicht wie bei Beamten oft und immer noch der Steuerzahler. Für die westlichen Bundesländer ist der, auch durch die Lehrer aufgeblähte Beamtenapparat ein massives Kostenproblem: In Bayern und Baden-Württemberg etwa wird sich die Zahl der pensionierten Staatsdiener in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten verdoppeln. Das Geld für diese Pensionäre belastet die Länderhaushalte und raubt viel politischen Spielraum.

Gerade Bayern baut den Beamtenstand bei seinen Lehrern am langsamsten ab. Das hat zur Folge, dass der Lehrerstreik der Bildungsgewerkschaft GEW für eine einheitliche Lehrer-Entgeltordnung das reiche Südland kaum treffen kann. Nordrhein-Westfalen dagegen führt bereits ein Sechstel, Niedersachsen ein Viertel seiner Lehrer nur noch als Angestellte auf der Gehaltsliste. Das Ergebnis in der öffentlichen Wahrnehmung könnte sein: Bundesländer, die einen modernen Weg gehen und das Beamtenwesen bei Lehrern eindämmen, werden als chaotisch gebrandmarkt, weil wegen der Warnstreiks Unterricht ausfällt.

Schulen sind aber keine Kinderverwahranstalten, die vor allem reibungslos funktionieren müssen. Wenn Angestellte für eine Lohnerhöhung eintreten, ist der Streik ein probates Mittel. Und gegenüber den Privilegien ihrer verbeamteten Kollegen haben die Schullehrer mit Angestelltenstatus immerhin das Streikrecht auf ihrer Seite.

Die GEW wird behutsam vorgehen müssen, denn ihr Hebel ist mächtig: Ab Dienstag, dem ersten Tag der Warnstreiks, werden die Eltern in Berlin, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt zürnen, Schulen dürfe man nicht einfach zusperren. Die Schüler werden sich vermutlich über ein paar freie Stunden freuen und die Schulen müssen irgendwie Betreuung gewährleisten.

Trotzdem wäre es falsch, reflexhaft am Schulbeamtentum festzuhalten. Die finanzielle Bürde durch verbeamtete Lehrer und die Frage einer gerechten Bezahlung der angestellten Lehrer sind wichtiger. Denn gerade wenn nicht mehr das Berufsbeamtentum lockt, muss der Lehrerberuf attraktiv bleiben - auch beim Gehalt.

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