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07. April 2014, 13:30 Uhr

Berufsbildungsbericht

Deutschland gehen die Lehrlinge aus

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Das Ausbildungssystem in Deutschland gerät aus den Fugen. Obwohl die Wirtschaft nach Lehrlingen ruft, bleibt eine Viertelmillion ohne Chance auf einen Platz. Die Zahl der Azubis sinkt auf einen historischen Tiefstand.

Alle paar Tage ruft die Wirtschaft nach Fachkräften. Ingenieure, IT-Kräfte und selbst Lehrlinge werden aus dem Ausland angeworben - weil Europas Jobmotor Deutschland brummt. Eine Gruppe profitiert davon allerdings wenig: junge Schulabgänger mit mittlerem oder ohne Schulabschluss.

Nur noch 530.700 Neuverträge wurden 2013 mit Auszubildenden geschlossen, ein Minus von über 20.000 Verträgen im Vergleich zum Vorjahr. Das zeigt der neue Berufsbildungsbericht, den das Bundeskabinett am Dienstag in Berlin beschließen soll und der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Zahl der Ausbildungsverträge ist damit auf dem niedrigsten Stand seit 1976 angekommen, ein historisches Tief.

Die Bundesregierung winkt den Bericht normalerweise durch. Diesmal jedoch ist die Nervosität der Autoren zu spüren. "Anders als in früheren Jahren können die Vertragsrückgänge nicht auf die konjunkturelle Entwicklung zurückgeführt werden, im Gegenteil: Die konjunkturelle Lage in Deutschland ist gut", heißt es. Was also drückt das duale System von betrieblicher Lehre und Berufsschule auf diesen Tiefstand? Das ganze erweiterte Ausbildungssystem scheint aus dem Lot geraten zu sein.

Die betriebliche Lehre hat starke Konkurrenz bekommen. Auf der einen Seite wandern die am besten qualifizierten Schüler nach oben in die Hochschulen ab, die in den vergangenen Jahren enorm expandiert haben. Seit 2011 gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Studienanfängern und neuen Auszubildenden: Damals nahmen, auch wegen der Umstellung auf die verkürzte Gymnasialzeit in vielen Bundesländern, erstmals mehr junge Menschen ein Studium als eine Berufsausbildung auf.

Andererseits wählen bildungsferne Jugendliche oft den direkten Weg in das sogenannte Übergangssystem. Dort gibt es unzählige Maßnahmen, von der Berufsgrundbildung über Einstiegsklassen bis hin zu Bewerbungstrainings. 160.000 Schulabsolventen trainierten allein 2013 in den Ersatzmaßnahmen - denn sie sollen eigentlich auf den ersten Lehrlingsmarkt.

Der Konstanzer Politikwissenschaftler Marius Busemeyer sieht die duale Ausbildung in einer strukturellen Krise. Kleinen Betrieben falle es immer schwerer, Jugendliche zu begeistern - vor allem für Handwerksberufe. Die Berufsbildungspolitik habe zu sehr die Interessen der exportorientierten Großindustrie im Blick.

"Das führt dazu, dass Ausbildungsberufe immer anspruchsvoller werden und auch stärker auf die speziellen Bedürfnisse von Großunternehmen zugeschnitten sind", sagte Busemeyer. "Das überfordert viele Jugendliche, aber auch kleine Ausbildungsbetriebe." Tatsächlich ist die Quote der ausbildenden Betriebe auf dem tiefsten Stand seit 15 Jahren gesunken - es bildet nur noch jedes fünfte Unternehmen aus; Mitte der Nullerjahre war es noch jedes vierte.

Nach wie vor bereitet den Experten ganz besonders das Übergangssystem Kopfzerbrechen. Eigentlich ist es für Schulversager gedacht, tatsächlich finden sich dort aber nur 19 Prozent ohne Schulabschluss. 77 Prozent der jugendlichen Schulungsteilnehmer haben aber einen Haupt- und Realschulabschluss. Insgesamt hängen im Übergangssystem 260.000 Jugendliche.

Die Autoren des Berufsbildungsberichts beobachten nun "eine Abflachung des Rückgangs", auf Deutsch: Das Übergangssystem stabilisiert sich. Es hat sich neben den Hochschulen und der dualen Ausbildung gewissermaßen als eigene Säule der Berufsbildung etabliert, nur dass es dort eben keinerlei Abschluss gibt.

Die Situation ist vertrackt. Während Zigtausende Jugendliche auf eine Lehrstelle warten oder trainieren, gibt es zeitgleich in den Unternehmen noch über 33.000 unbesetzte Ausbildungsplätze. Die sind dann meistens in einer anderen Region oder einer anderen Branche. Besonders unbeliebt ist die Gastronomie, wo zwischen 42 Prozent und 50 Prozent der Lehrlinge den Job hinschmeißen, bei Koch-Azubis etwa 48 Prozent. Die am stärksten überlaufenen Berufe waren 2012 und 2013 Tierpfleger sowie Gestalter für visuelles Marketing und Medien.

Gewerkschaften knüpfen "Allianz für Ausbildung" an Bedingungen

Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft warnte angesichts der Zahlen davor, das duale System unterzubewerten. Die berufliche Bildung in den Betrieben sei unverzichtbar sowohl für die gesellschaftliche Integration der Jugendlichen als auch für die Innovationskraft der Wirtschaft. "Durch die Akademisierung nimmt das Potential guter Schüler für das Lehrlingswesen ab", sagte er. "Die Wirtschaft benötigt sowohl die Akademiker als auch gut qualifizierte Fachkräfte." Daher sei es umso wichtiger, die Pisa-Risikogruppe zu verkleinern und das Potential junger Erwachsener ohne Berufsbildung zu erschließen.

Auch die Gewerkschaften sind beunruhigt. "Die Betriebe haben sich an eine Bestenauslese gewöhnt und geben Jugendlichen mit Hauptschulabschluss von vorneherein keine Chance mehr", sagt Elke Hannack, Vizevorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sie pocht auf die Ausbildungsgarantie, die im Koalitionsvertrag versprochen worden war. Hierfür verlangte Hannack Vorleistungen und Investitionen, sonst würden sich die Gewerkschaften nicht an der geplanten neuen "Allianz für Ausbildung" beteiligen.

Die Bundesregierung ist mit der Ausbildungsgarantie noch ganz am Anfang. "Der Diskussionsprozess zum Konzept, zu möglichen Zielen und Inhalten einer neuen 'Allianz für Aus- und Weiterbildung' hat begonnen. Inhaltliche Festlegungen sind bisher noch nicht vereinbart worden", sagte ein Sprecher Sigmar Gabriels. Gleiches gelte für die Umsetzung der "Ausbildungsgarantie".

Als ein praktisches Modell, um kleineren Betrieben bei der komplizierten Lehrlingssuche zu helfen, schlägt der Gewerkschaftsbund eine assistierte Ausbildung vor. Es soll eine Art Azubi-Manager geben, der mehreren kleinen Betrieben hilft, die richtigen Bewerber zu finden. Auch soll es möglich werden, als Azubi erst ein Jahr überbetrieblich fit gemacht zu werden und dann direkt ins zweite und dritte Lehrjahr im Betrieb einzusteigen. "Die jungen Menschen sollen eine Chance auf einen Ausbildungsabschluss bekommen", sagte Hannack.

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