Leipziger Gotik-Treffen Man trägt Totenkopf

Tiefschwarzer Ausnahmezustand in Leipzig: Zehntausende Anhänger der Gothic-Szene stürmten über Pfingsten die Stadt. Almut Steinecke war beim weltgrößten Grufti-Festival dabei - zwischen finsteren Konzerten und Sklaven-Versteigerung.


Selina macht mir Angst. "Es ist echt gefährlich, mit einem kurzen Rock ins Heidnische Dorf zu gehen. Plötzlich war ich Sklavin", sagt sie. Gleich am ersten Festivaltag packten Männer in Wikinger-Verkleidung sie, legten einen schweren Ring aus Metall um ihren Hals und zerrten sie an einer Eisenkette durchs Dorf. Dann führten sie die 19-Jährige zu einer Gruppe weiterer Sklavinnen. "Tanzen!", befahlen die Männer, und die Frauen liefen an Ketten gefesselt im Kreis. Die Menge johlte. Ein Freund ersteigerte sie schließlich für 26 Euro, sagt die Hamburger Schülerin und grinst.

Wahrscheinlich gehört das hier dazu. Das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig ist die Love Parade in schwarz, das weltgrößte Festival der Grufti-Szene – darf man sich da über Sklaven-Versteigerungen wundern?

"Hier erlebt man eine Menge", sagt Selina, die 15-Minuten-Sklavin. Begonnen hat das Event in den neunzigern Jahren als Konzert in einem Club. Heute kommen Jahr für Jahr 20.000 Grufties über die Pfingsttage nach Leipzig. Sie tanzen zu den Konzerten angesagter Gotik-Bands und kaufen Souvenirs auf mittelalterlichen Märkten. Unter den Gästen sind erstaunlich viele Schüler, offenbar übt der morbide Stil vor allem auf Jugendliche eine große Faszination aus .

"Das entspricht meiner devoten Haltung"

"Meine Eltern sind Christen, für die geht das hier gar nicht", erzählt Verona*, eine 16-Jährige Schülerin aus Köthen in Sachsen-Anhalt. Und Jennifer, 18, sagt, sie reizten gerade die Sklaven-Versteigerungen: "Das entspricht meiner devoten Haltung." Sie ist aus Frankfurt nach Leipzig gekommen, ihr linkes Auge ist hinter einer hypnotisch starrenden Kontaktlinse versteckt.

Was an diesen Tagen in Leipzig los ist, wirkt verrückt. Ständig ist man unterwegs auf schwarzen Konzerten, schwarzen Lesungen, schwarzen Märkten, schwarzen Partys. Die Leute hetzen vom einen Event zum nächsten, aus Angst, sie könnten etwas verpassen.

Ich trage schwarze Stiefel mit Plateau-Sohlen, schwarze Klamotten, meine Lippen habe ich schwarz geschminkt. Auf dem Weg zur S-Bahn bin ich gestolpert und habe mir dabei das Knie aufgeschlagen. Blut tropfte durch das Loch in meiner schwarzen Netzstrumpfhose. Ein Grufti half mir auf, er starrte mit großen Augen auf meine Wunde: "Cool!"

Ich schlurfe mit Freunden über die Flaniermeile. Auf der breiten Straße inmitten des Messegeländes gilt: sehen und gesehen werden. Die Gruftis trage Korsagen, Zebra-Kostüme, wilde Irokesenfrisuren. Mit den Glocken an unseren gestiefelten Fußgelenken veranstalten wir ein lautes Konzert. "Jingle Bells, Jingle Bells", singen die Passanten.

Das Wave-Gotik-Treffen ist in Leipzig längst etabliert. Jedes Jahr ein paar Tage schwarzer Ausnahmezustand im Jahr, die Hotels sind völlig ausgebucht, einige Leipziger vermieten deshalb Privatzimmer an schwarzgewandete, bleichgesichtige Gestalten. Gestern in der Stadt haben mich zwei ältere Damen angesprochen. Sie waren gerade auf dem Weg in die Oper und fanden die Schminke in meinem Gesicht hübsch. "Was feiern Sie denn für ein Fest?", fragten die Ladys, "Sie sehen ja toll aus, dürfen wir ein Foto von Ihnen machen?"

Nächster Halt - Final Destination

Sich durch die Menschenmassen auf dem Messegelände zu schieben, ist aber auch anstrengend. In einer ruhigeren Ecke auf der Straße esse ich einen Crêpe mit Marzipan, oder besser: Ich möchte einen Crêpe mit Marzipan essen. Denn bevor ich dazu komme, streift ihn eine Prinzessin mit ihrem ausladenden Reifrock vom Teller. Der ganze frische Crêpe klebt an ihrem Rocksaum; ohne dass die Prinzessin es merkt, stakst sie weiter in Richtung Dixie-Klo. Wie kommt man bloß mit einem solch pompösen Kleid auf einer engen Toilette zurecht?

Schnell weiter. Nach dem Konzert von "Absurd Minds", meiner Lieblingsband, will ich zur Parkbühne ans andere Ende der Stadt. Ich trinke noch einen Met, einen Honigwein, früher Nationalgetränk der Germanen, und springe in die Straßenbahn. Dicht gedrängt stehen dort Dutzende Teenager in ihren schwarzen Gewändern. Die Luft schmeckt abgestanden. Es ist heiß, es riecht nach Schweiß. Kurz bevor wir die letzte Haltestelle erreichen, kommt die Ansage: "Final Destination!"

Ein verzücktes Lächeln huscht über die verschwitzten Gesichter der Gruftis.

*Name geändert



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