Gegen Leistungsdruck Britische Eltern rufen zum Schwänzen auf

Eltern in Großbritannien wollen ihre Kinder einen Tag lang die Schule schwänzen lassen - aus Protest gegen Leistungsdruck. Sie ärgern sich vor allem über neue nationale Tests für Grundschüler.
Kind bei Schulaufgaben (Symbolbild)

Kind bei Schulaufgaben (Symbolbild)

Foto: Corbis

"Hört auf zu jammern. Nutzt eure Macht als Eltern", heißt es auf der Internetseite der Kampagne "Let Our Kids Be Kids ". Britische Eltern fordern dabei andere Mütter und Väter auf, sich mit ihren Kindern an einem landesweiten Schulboykott zu beteiligen: "Lasst eure Kinder am 3. Mai zu Hause!"

Mit dem Streik wollen die Eltern ein Zeichen gegen Überforderung und Leistungsdruck setzen. Der Protest richtet sich vor allem gegen spezielle Schultests, die sogenannten Sats, für Sechs- und Siebenjährige. Daran nehmen in England jedes Jahr im Mai alle Kinder der zweiten Klassen eine Woche lang teil, um ihre Kenntnisse in Englisch und Mathematik unter Beweis zu stellen.

In diesem Jahr seien die von der Regierung vorgegebenen Tests  deutlich schwerer als in den Jahren zuvor, empören sich die Eltern. Als Beispiel führen sie Beispielaufgaben  an: Was ist 3/4 von 60? Oder: 65+? = 93. Oder: Was ist das markierte Wort für eine Wortart: "Poppy hält das Babykaninchen sanft im Arm." Ein Adjektiv, ein Adverb, ein Nomen oder ein Verb?

Sechs- und Siebenjährige seien mit solchen Aufgaben völlig überfordert, schreiben die Eltern. Dass Kinder in diesem Alter auf so einem Level Mathe und Grammatik beherrschen sollen, finden sie überzogen und überflüssig. In der Grundschule sollten Kinder lieber Spaß am Lernen entwickeln, soziale Kompetenzen entwickeln, vernünftig lesen und schreiben lernen und nicht mit solchen Tests gestresst werden.

Bildungsbehörde: "Wir entschuldigen uns nicht"

Die Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Schulen oder Lehrer. Die Pädagogen seien gezwungen, die vorgegebenen Tests zu nutzen, statt individuelle Lernerfolge der Kinder abzufragen. Die Eltern ärgern sich in erster Linie über die konservative Regierung, die "nicht bereit ist zuzuhören". Sie gibt die Tests vor.

Von der Bildungsbehörde erhielten die Eltern bereits eine Antwort. Sie verteidigt darin, dass das Niveau für Grundschüler bei den neuen Tests hochgeschraubt wurde. Die Aufgaben seien anspruchsvoller, weil man sie den höheren Standards des neuen nationalen Curriculums angepasst habe .

Die britische Regierung will das Leistungslevel an Schulen mit neuen Bildungsvorgaben insgesamt hochsetzen. "Frühere Erwartungen an Grundschüler waren zu niedrig. Beim Wechsel auf die weiterführenden Schulen konnte eins von drei Kindern nicht richtig lesen, schreiben und rechnen", schreibt die Behörde.

"Wir entschuldigen uns nicht dafür, dass wir große Hoffnungen in alle Kinder setzen und Schulen ermutigen, jedem einzelnen Schüler zu Erfolg zu verhelfen." Die Regierung wolle aber nicht, dass die Tests die Zweitklässler in Stress versetzen, heißt es in einem BBC-Bericht .

Die Eltern dagegen kritisieren, dass ihre Kinder wegen der landesweiten Tests und der Vorbereitung darauf unter einem starken Druck stünden. "Sechsjährige bezeichnen sich selbst als Versager und weinen, wenn sie zur Schule gehen müssen", heißt es in einem offenen Brief an die Regierung . Einige Kinder drohten wegen des Leistungsdrucks krank zu werden.

Wie viele Eltern tatsächlich hinter der Kampagne stehen und ihre Kinder die Schule schwänzen lassen wollen, ist unklar. Namen stehen nicht unter dem offenen Brief an Bildungsministerin Nicky Morgan. Am Donnerstag hatte die Facebook-Seite von "Let Our Kids Be Kids" mehr als 14.000 Gefällt mir-Klicks. Die Organisatoren haben außerdem eine Petition gestartet, für die mehr als 24.000 Unterschriften zusammenkamen.

fok
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die gleichzeitige Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten