Nach "Flut an Hass-E-Mails" Bewertungs-App Lernsieg ist offline - vorerst

Schüler konnten Lehrer in einer neuen App anonym bewerten. Nun ist mit Lernsieg vorläufig Schluss. Der Grund: eine "Flut an Hass-E-Mails". Aufgeben will der junge App-Erfinder jedoch nicht.
Nach vier Tagen im Netz abgeschaltet: Die Bewertungs-App Lernsieg

Nach vier Tagen im Netz abgeschaltet: Die Bewertungs-App Lernsieg

Foto:

Georg Hochmuth/ APA/ DPA

Begleitet von massiver Kritik ist sie am Freitag online gegangen, nun wurde die Bewertungs-App Lernsieg vorläufig abgeschaltet. Der 17-jährige Gründer Benjamin Hadrigan sei mit einer "Flut an Hass-E-Mails konfrontiert" worden, "die einem Schüler weder in Menge noch Inhalt zumutbar sind", ließ seine Pressestelle mitteilen.

"Mit Kritik haben wir zwar gerechnet - allerdings nicht in dem Ausmaß und mit solchen belastenden Nachrichten", hieß es vonseiten der Pressestelle weiter. Mit der App konnten Schüler anonym und öffentlich ihre deutschen und österreichischen Schulen und Lehrer bewerten. Dafür mussten sich Nutzer lediglich mit einer Telefonnummer registrieren. Anschließend konnten sie bis zu fünf Sterne in insgesamt acht Kategorien vergeben - darunter Fairness, Respekt, Vorbereitung und Durchsetzungsfähigkeit.

Die Lehrer waren mit ihren vollen Namen gelistet, kommentieren konnten sie ihre Bewertungen nicht. Kontrollen, ob die Bewerter tatsächlich auf die Schulen gehen, gab es nicht. Allerdings konnte jeder Nutzer Bewertungen nur für eine einzige Schule ausstellen.

70.000 Downloads an einem Wochenende

Nach Angaben der Pressestelle sei Lernsieg am Wochenende mehr als 70.000 Mal heruntergeladen worden. Bis Montagmittag seien über 16.000 Bewertungen für Schulen eingegangen, für Lehrerinnen und Lehrer knapp 130.000. Schulen erhielten durchschnittlich 3,88 Sterne, Lehrer 3,96 Sterne - also in etwa die Schulnote "gut".

Österreichische und deutsche Gewerkschaften hatten das Konzept von Lernsieg stark kritisiert. "Für eine Verbesserung von Unterrichtsqualität ist die Entwicklung einer Feedbackkultur an Schulen entscheidend", sagte Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler an der Universität Augsburg, dem SPIEGEL. "Eine wie hier vorgenommene öffentliche Bewertung ist aus wissenschaftlicher Sicht hingegen kontraproduktiv." Es könne "irgendjemand daherkommen" und eine Bewertung veröffentlichen. Gesundes Feedback aber lebe davon, eine "Einladung in ein Gespräch" zu sein, so Zierer. "In der App findet eine Reduzierung auf Persönlichkeitsmerkmale statt, mit Unterrichtsqualität hat das nichts zu tun."

App-Gründer Benjamin Hadrigan

App-Gründer Benjamin Hadrigan

Foto: Georg Hochmuth/ APA/ DPA

Paul Kimberger, Vorsitzender der österreichischen Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer, hatte angekündigt, die App mit allen rechtlichen Mitteln verhindern zu wollen. Er habe Bedenken hinsichtlich der Persönlichkeitsrechte und des Datenschutzes. Auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnt öffentliche Bewertungsportale wie Lernsieg ab: Die App zerstöre die Beziehung zwischen Lehrkräften und ihren Schülern und sei "nicht geeignet, die Schulentwicklung voranzubringen", sagte Ilka Hoffmann, Bildungsexpertin der GEW.

App soll wieder online gehen

Die Pressestelle des Wiener Gründers hatte bereits mitgeteilt, man wolle mit den Gewerkschaften in den Dialog treten. Die App solle definitiv wieder online gehen, allerdings wolle man erst eine Strategie für die Angriffe entwickeln. Der App-Gründer Hadrigan selbst wollte sich vorerst nicht äußern.

faq/nil