Letzte Chance für Schulverlierer Rettung im Reich der Azubis

Miese Noten, keine Lehre: Weil Nino seinen Hauptschulabschluss vergeigte, schrieb er ein Jahr lang erfolglos Bewerbungen. Rund 70 Chefs sagten ihm, dass sie ihn nicht haben wollen - dann gab ihm ein hippes Lokal in München eine letzte Chance. Eine Erfolgsgeschichte.

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"Jenny kommt heut nicht", ruft der Azubi Nino seinem Chef Markus Frankl im Vorbeigehen zu. "Und da ruft sie dich an?", fragt der leicht irritiert. "Na klar, Mann. Weil die Alte auf mich steht."

Das wäre die Stelle, an der ein anderer Ausbilder vielleicht in sein Büro ginge, um zwei Abmahnungen aufzusetzen. Eine für Jenny, die nicht zur Arbeit in ihrem Ausbildungsbetrieb kommt, und eine für den 17-jährigen Nino Weiß, der so rotzfrech antwortet.

Das Ausbildungsrestaurant Roeckl in München aber ist da nicht so streng, hier sind die üblichen Mechanismen teilweise außer Kraft. Es bietet einem guten Dutzend Jugendlicher eine Lehrstelle, die nirgendwo anders unterkommen konnten. Während die Service- und die Koch-Azubis das Lokal für den Abend startklar machen, schallt philippinischer Hiphop aus den Lautsprechern. Eure Musik? Die Jungs und Mädchen von 17 bis 24 Jahren nicken im Takt und grinsen breit.

Das Roeckl liegt in einem angesagten Miniviertel zwischen Südfriedhof, Isar, Schlachthof und Heizkraftwerk. Hier wohnen Studenten, Werber und junge Familien. Die Küche passt dazu, solide, aber mit edlen Zutaten: Steinpilzravioli, Rinderlende, Saibling, Gnocchi mit Mangold und Roquefort. Markus Frankl und Sandra Forster haben das Restaurant im Sommer 2008 eröffnet, mit nur drei Angestellten und 13 Auszubildenden.

Ein dicker Packen Absagen

Einer ist Nino, und der lacht und grinst die meiste Zeit. Außer wenn er vom Frust des vergangenen Jahres erzählt.

Nino hat zu Hause einen Stapel, der ist ungefähr so dick wie fünf Telefonbücher. Es sind Bewerbungen, die er zurückbekommen hat. Er ist gerade 17, und rund 70 mal haben ihm potentielle Arbeitgeber schon gesagt: Wir wollen dich nicht haben. Gut, seinen qualifizierenden Hauptschulabschluss hat Nino nicht geschafft, er bekam als Gesamtnote 3,2, "wegen Mathe", sagt er. Was er wollte, wusste Nino genau, Koch werden. Die Note zwei im Hauswirtschaftsunterricht sprach eigentlich dafür. Doch wen er auch anschrieb, er bekam keine Einladungen und oft nicht einmal eine Absage. Ein Schicksal, mit dem Nino nicht allein ist: Jeder zweite Hauptschüler kriegt in den ersten 13 Monaten nach dem Ende der Schulzeit keine Ausbildungsstelle .

Wie für viele folgte auch für Nino zwangsläufig das Berufsvorbereitungsjahr an einer Berufsschule, Schulpflicht ist Schulpflicht. Wo, wenn nicht dort, würde man ihm beibringen, sich richtig zu bewerben? "Aber der Lehrer hatte einfach keinen Bock." Oft schauten sie nur DVDs, "Ghetto-Filme, die konnten wir selber mitbringen", erinnert er sich. Als er einmal nachfragte, warum sie nichts lernten, sagten sie ihm, diese Schule gebe es nur, damit seine Schulkollegen und er nicht auf der Straße herumlungern - eine Verwahranstalt für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz.

Ziemlich enttäuschend fand Nino das. Er wollte eine Lehrstelle, wollte endlich Koch werden. Erst in einem anschließenden Berufsfortbildungszentrum ging etwas voran. Nino bekam dort neue Bewerbungsfotos, und wieder schrieb er, diesmal unter Anleitung, mustergültige Bewerbungen. "Dort habe ich überhaupt erst erfahren, dass ich auch ein Recht auf eine Absage habe." Inzwischen hatte er sogar ein Praktikum in einer Küche gemacht, doch wieder wollte ihn im schönen München niemand einstellen.

Keine Mitleidsstelle für Minderbemittelte

Jetzt aber, sagt Nino, sei alles gut. Mit zwölf anderen Azubis sind sie eindeutig in der Überzahl im Roeckl. "Hier fühlt man sich nicht unterdrückt", sagt er. Die Jugendlichen haben das Gefühl, dass das Lokal in dieser angesagten Gegend ihnen gehört. Ohne sie geht hier nichts, nur ein Festangestellter arbeitet in der Küche und einer im Service, den restlichen Laden schmeißen Jungs und Mädchen, für die vor einem halben Jahr niemand einen Pfifferling geben wollte.

Schwierig seien sie manchmal auch, sagt Betreiber Markus Frankl. Darum beschäftigt das Roeckl neben den Ausbildern auch eine Sozialpädagogin. Sie kümmert sich um die Fehltage, denn in der Berufsschule tauchen nicht alle Roeckl-Azubis so regelmäßig auf, wie sie sollten. Und sie kontrolliert die Berichtshefte oder hilft, wenn beim Amt ein neues Gesundheitszeugnis her muss. "Judith spielt hier die Mutti", sagt Frankl. Das sei erstens nicht übertrieben und zweitens nötig, denn die Eltern von Nino und Kollegen kümmern sich nicht so sehr, manche haben es noch nie getan.

Den Haufen mit den schriftlichen Absagen hebt Nino auf, er erinnert ihn daran, wie schwer es war und wie gut er es jetzt hat. Die Zukunft sieht gut aus, findet er. Die Ausbildung ist das, was er immer wollte und sie hat nicht das miese Image einer Mitleidsstelle für Minderbemittelte. Es ist ein cooler Laden und sie sind coole Jungen und Mädchen, die einen auf Jamie Oliver machen.

Wo er seinen ersten Job haben wird, weiß Nino auch schon. In der Gaststätte, in der er sein Praktikum gemacht hat, sagten sie ihm, wenn er mit der Ausbildung fertig ist, soll er wieder kommen. Und ob Jenny nun wirklich auf ihn steht? "Egal." Nino rückt sich seine Kappe zurecht. "Die letzte Trennung war schmerzhaft", sagt er und guckt kurz nochmal ernst. Er bleibe jetzt solo, mit Frauen ist er fertig. Das klingt nassforsch. Aber nicht nach einem, um dessen Zukunft man sich sorgen muss.



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