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Jugendsünde Interrail: Der Fahrschein in eine andere Welt

Foto: Andreas Rentz/ Getty Images

Lexikon der Jugendsünden Die schönsten Bahnstrecken Europas

Irgendwann wurde es uncool, mit seinen Eltern in den Urlaub zu fahren. Ziemlich cool waren Interrail-Tickets. Wenig Schlaf und Geld, kaum frische Wäsche und schlechtes Essen. Gibt es Schöneres? Lisa Seelig und Elena Senft haben die besten Jugendsünden gesammelt. Diesmal: I wie Interrail.

Das Interrail-Ticket war ein Fahrschein in eine andere Welt. Die Peergroup unterteilte sich damals in Leute, die schon mal Interrail gemacht hatten, und die armen Würstchen, die immer noch Urlaube in betreuten Jugendreisegruppen unternahmen. (Oder, noch schlimmer, immer noch mit den Eltern nach Jesolo auf den Campingplatz mussten.)

Das Interrail-Ticket befugte zur Nutzung des Eisenbahnnetzes der verschiedenen bereisten Länder, wurde in zu wählende Zonen unterteilt, und es war Pflicht, für mindestens eine Woche in Frankreich zu weilen, weil ein fixer Anlaufpunkt die Düne in Arcachon war, auf der man sich gemeinsam mit anderen langhaarigen Backpackern mit billigem Wein aus dem Tetrapack betrank und die Birne wegkiffte. Die Düne blieb über Wochen hinweg die einzige Sehenswürdigkeit, an der man sich länger als fünf Minuten aufhielt.

Andere touristische Attraktionen wurden lediglich alibimäßig für die Mutter fotografiert, die meisten Fotos der analogen Kamera gingen allerdings dafür drauf, sich gegenseitig beim Schlafen in unvorteilhaften Positionen zu fotografieren. Oder beim Kiffen im Amsterdamer Coffeeshop "Bulldogg". Im klimatisierten Sehenswürdigkeiten-Shuttle in Rom schliefen schließlich alle, weil sie zum ersten Mal seit Wochen einen gepolsterten halben Quadratmeter für sich allein hatten.

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Foto: © Kevin Coombs / Reuters

Zum Interrail-Trip durfte nur so viel persönliches Gepäck mitgenommen werden, wie in einen halben Backpacker- Rucksack passte. Die andere Hälfte nämlich ging für Gaskocherpatronen, Kochtöpfe, Batterien und Mixtapes drauf. Die Kassetten wurden ununterbrochen in einem reisetaschengroßen Ghettoblaster abgespielt, welcher abwechselnd auf schmerzenden Schultern getragen wurde.

Unterkunft fand man auf Campingplätzen oder in schäbigen Jugendherbergen, die ausschließlich nach Übernachtungspreis und nie nach Qualität ausgesucht wurden. Wen störte schon ein gemischtes 20-Mann-Zimmer mit Sammelbrause, wenn man für das gesparte Geld noch einen Ricard mehr trinken konnte?

Beliebter Kniff, um die Kosten einer Übernachtung zu sparen, war auch die Weiterreise im Nachtzug. Ehrensache, dass man auch hier auf die kostenpflichtige Reservierung von Betten verzichtete und sich daher Gruppen von ungewaschenen, schlaksigen Jungs auf dem Fußboden des Zugflurs umständlich zusammenrollten.

Selbstverständlich war das in der Eastpak-Bauchtasche in Form von Travellers-Cheques transportierte Geld schnell verbraucht (oder wurde spätestens in einem italienischen Nachtzug geklaut), so dass man sich die letzten zwei Wochen nur noch von Baguette mit warmem Camembert ernährte und die Mutter am Telefon besorgt die Symptome von Skorbut abfragte.

In eindringlicher Erinnerung bleibt der Geruch von drei Wochen lang nicht gewaschenen, feucht gewordenen Unterhosen und T-Shirts, die bei der Heimkehr knäuelweise aus den Höhlen des Rucksacks befreit wurden. Um diesen Geruch heute künstlich herzustellen, bräuchte man ein Silo.

Oder man müsste eine Raubkatze auf einen Stoß frisch gewaschener Wäsche pinkeln und diesen über mehrere Monate luftdicht gären lassen.

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Verlag erschienen.

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