Lexikon der Jugendsünden Die schönsten Bahnstrecken Europas

Irgendwann wurde es uncool, mit seinen Eltern in den Urlaub zu fahren. Ziemlich cool waren Interrail-Tickets. Wenig Schlaf und Geld, kaum frische Wäsche und schlechtes Essen. Gibt es Schöneres? Lisa Seelig und Elena Senft haben die besten Jugendsünden gesammelt. Diesmal: I wie Interrail.

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Das Interrail-Ticket war ein Fahrschein in eine andere Welt. Die Peergroup unterteilte sich damals in Leute, die schon mal Interrail gemacht hatten, und die armen Würstchen, die immer noch Urlaube in betreuten Jugendreisegruppen unternahmen. (Oder, noch schlimmer, immer noch mit den Eltern nach Jesolo auf den Campingplatz mussten.)

Das Interrail-Ticket befugte zur Nutzung des Eisenbahnnetzes der verschiedenen bereisten Länder, wurde in zu wählende Zonen unterteilt, und es war Pflicht, für mindestens eine Woche in Frankreich zu weilen, weil ein fixer Anlaufpunkt die Düne in Arcachon war, auf der man sich gemeinsam mit anderen langhaarigen Backpackern mit billigem Wein aus dem Tetrapack betrank und die Birne wegkiffte. Die Düne blieb über Wochen hinweg die einzige Sehenswürdigkeit, an der man sich länger als fünf Minuten aufhielt.

Andere touristische Attraktionen wurden lediglich alibimäßig für die Mutter fotografiert, die meisten Fotos der analogen Kamera gingen allerdings dafür drauf, sich gegenseitig beim Schlafen in unvorteilhaften Positionen zu fotografieren. Oder beim Kiffen im Amsterdamer Coffeeshop "Bulldogg". Im klimatisierten Sehenswürdigkeiten-Shuttle in Rom schliefen schließlich alle, weil sie zum ersten Mal seit Wochen einen gepolsterten halben Quadratmeter für sich allein hatten.

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Peinlichkeiten von früher: Das Lexikon der Jugendsünden
Zum Interrail-Trip durfte nur so viel persönliches Gepäck mitgenommen werden, wie in einen halben Backpacker- Rucksack passte. Die andere Hälfte nämlich ging für Gaskocherpatronen, Kochtöpfe, Batterien und Mixtapes drauf. Die Kassetten wurden ununterbrochen in einem reisetaschengroßen Ghettoblaster abgespielt, welcher abwechselnd auf schmerzenden Schultern getragen wurde.

Unterkunft fand man auf Campingplätzen oder in schäbigen Jugendherbergen, die ausschließlich nach Übernachtungspreis und nie nach Qualität ausgesucht wurden. Wen störte schon ein gemischtes 20-Mann-Zimmer mit Sammelbrause, wenn man für das gesparte Geld noch einen Ricard mehr trinken konnte?

Beliebter Kniff, um die Kosten einer Übernachtung zu sparen, war auch die Weiterreise im Nachtzug. Ehrensache, dass man auch hier auf die kostenpflichtige Reservierung von Betten verzichtete und sich daher Gruppen von ungewaschenen, schlaksigen Jungs auf dem Fußboden des Zugflurs umständlich zusammenrollten.

Selbstverständlich war das in der Eastpak-Bauchtasche in Form von Travellers-Cheques transportierte Geld schnell verbraucht (oder wurde spätestens in einem italienischen Nachtzug geklaut), so dass man sich die letzten zwei Wochen nur noch von Baguette mit warmem Camembert ernährte und die Mutter am Telefon besorgt die Symptome von Skorbut abfragte.

In eindringlicher Erinnerung bleibt der Geruch von drei Wochen lang nicht gewaschenen, feucht gewordenen Unterhosen und T-Shirts, die bei der Heimkehr knäuelweise aus den Höhlen des Rucksacks befreit wurden. Um diesen Geruch heute künstlich herzustellen, bräuchte man ein Silo.

Oder man müsste eine Raubkatze auf einen Stoß frisch gewaschener Wäsche pinkeln und diesen über mehrere Monate luftdicht gären lassen.

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Verlag erschienen.

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slava grof 16.08.2011
1.
das sommerloch ist dieses jahr aber auch wirklich extratief
mactor, 16.08.2011
2. Keine Jugendsünde
Ich weiß nicht wer das als Jugendsünde sieht aber ich erinnere mich gern an diese Zeit. Es waren bei mir ausnahmslos super Fahrten mit vielen "Abenteuern" in Europa. Man erlebte viele komische und super aber auch schlechte Menschen. Und brauchte und hatte extrem wenig Geld. Das ist Rückblickend das Erstaunlichste das man mit so wenig Geld so viel erleben/Spass haben konnte.
Altesocke 16.08.2011
3. Das waren noch Zeiten!
Zitat von sysopIrgendwann*wurde es uncool, mit seinen Eltern in den Urlaub zu fahren. Ziemlich cool waren*Interrail-Tickets. Wenig Schlaf und*Geld, kaum frische Wäsche und schlechtes Essen. Gibt es*Schöneres? Lisa Seelig und Elena Senft haben die*besten Jugendsünden gesammelt. Diesmal: I wie Interrail. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,763979,00.html
Einmal gemacht, in den 80igern: Uebervoller Nachtzug nach Koeln, dort in den noch volleren Zug nach Paris, da mit der Luftreifen U-Bahn nur den Bahnhof gewechselt und weiter nach Spanien. Paris, Versailles und die Duene hatten wir einige Jahre zuvor mit nem VW-Bus abgehakt! ;-] In Spanien via Madrid, U-Bahn zum Bahnhofswechsel, und Trans Rapid bis Sevilla, dann Bummelbahn zur portugiesischenn Grenze, mit der Faehre rueber und fuer 'ne Woche' nach Quarteira zum Campen. Da wir dann keinen Bock mehr hatten, die geplante Bahntour zu machen, wurde aus der einen Woche derer knapp 4 Wochen. Dann war nur noch Rueckfahrt angesagt. Und wir stellten fest: Bahnfahren in der Urlaubszeit muss nicht sein. Und wir haetten guenstiger von HH nach Faro fliegen koennen! 1 x gemacht, und gut wars!
earl grey 16.08.2011
4. Waren schon geile Zeiten...
Zitat von mactorIch weiß nicht wer das als Jugendsünde sieht aber ich erinnere mich gern an diese Zeit. Es waren bei mir ausnahmslos super Fahrten mit vielen "Abenteuern" in Europa. Man erlebte viele komische und super aber auch schlechte Menschen. Und brauchte und hatte extrem wenig Geld. Das ist Rückblickend das Erstaunlichste das man mit so wenig Geld so viel erleben/Spass haben konnte.
Jau, genauso ist es. Anfang der 1970er Jahre kostete so ein Ticket DM 230.- und in dem Land, wo man es gekauft hatte, musste man für die Bahnfahrten die Hälfte dazu zahlen - also kaufte man das Ticket in Basel auf der Schweizer Seite bei der Schweizer Bahn und fuhr so auch in Deutschland kostenlos (die Schweiz war interrailmäßig kein Ziel, was man unbedingt brauchte...). Die Bahn vergab auch einen Preis an den jenigen, der am meisten km in einem Monat abgefahren hatte - was dazu führte, dass einige Leute quer und längs durch Europa fuhren, die Züge aber nur zum Umsteigen verließen... die waren überall, kannten aber von den Ländern nur den jeweiligen Bahnsteig... ...und in Amsterdam gab es damals noch keine "Coffee Shops", dafür aber Sleep Ins, alte Fabriken wo man in den Sälen alte Doppelstockbetten aufgestellt hatte. Für rund DM 2.- konnte man sich ein freies Bett suchen und in einem Saal mit rund 100 Leuten pennen. Im Aufenthaltsraum gab es Schmalzbrote und Kaffee, gute Musik und immer etwas zu rauchen... Waren schon geile Zeiten...
MonsieurAlex 16.08.2011
5. Das gabs schon in den 70ern,
und wir sind ganz schön rumgekommen: Holland, England, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Spanien auf einer Tour. Menschen getroffen und Freunde gewonnen.
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