Fotostrecke

Mix-Tapes: Nirvana sorgte für schlaflose Nächte

Lexikon der Jugendsünden Gemischte Gefühle auf Magnetband

Mixkassetten waren höllisch aufwendig herzustellen - und der Beweis für ganz große Emotionen: Songs mitschneiden oder überspielen, kreativen Titel finden und Cover basteln, kleben, malen. Lisa Seelig und Elena Senft über eine der schönsten Jugendsünden mit M: Mix-Tapes.

Es gehörte zu den größten Auszeichnungen und Vertrauensbeweisen, von einer Person des anderen Geschlechts (etwa zum Geburtstag oder zum Beginn der Sommerferien) eine eigens aufgenommene Mixkassette geschenkt zu bekommen.

Das war auch begründet. Bei der Mixkassette handelte es sich immerhin um ein in einigen Jahren sicherlich zur Diffamierung des Schenkers geeignetes Objekt. Viel schlimmer aber war der Aufwand, den der Schenker einer Mixkassette für deren Herstellung betreiben musste.

Das begann bereits beim passenden Titel, der mit Edding auf den Datenträger geschrieben wurde und der möglichst originell und individuell sein musste. Beliebt waren an prominente Werbungen angelehnte Titel wie "United Colours of Andreas". Ähnlich bedeutsam war die Gestaltung des Kassetten-Covers, wofür gerne kleine Collagen aus "Bravo"-Schnipseln angefertigt oder dreidimensionale und bunt ausgemalte Buchstaben bemüht wurden.

Fotostrecke

Peinlichkeiten von früher: Das Lexikon der Jugendsünden

Foto: © Kevin Coombs / Reuters

Bei der Auswahl der Lieder war Vorsicht geboten. Da man im Normalfall lediglich über drei Schallplatten und dreißig Musikkassetten verfügte und nicht das Geld hatte, extra für eine Mixkassette zu WOM zu gehen, musste man den ganzen Tag vor dem Radio ausharren und beim passenden Lied im entscheidenden Moment auf "Record" drücken. So kam es, dass auf frühen Mixkassetten auch immer Lieder waren, die mit der gutgelaunten, abrupt abgeschnittenen Stimme eines Radiomoderators begannen und endeten.

Auch für den Empfänger brachte die Mixkassette Arbeit mit sich. Denn jede einzelne Nummer wurde akribisch unter die Lupe genommen, um ihre tiefere Bedeutung zu ergründen. Aus komplizierten Berechnungen und Abwägungen zu Liedtexten, Gesamtstimmung der Kassette, Melodien und eventuellen geheimen Botschaften entstanden hochkomplexe Deutungsraster. Schlaflose Nächte ließen genug Zeit, um darüber zu grübeln, was Nirvanas "Rape me" auf der Mixkassette zu suchen hatte.

Nichts falsch machen konnte man mit den wohl am häufigsten auf Mixkassetten vertretenen Nummern: "Sailing" von Rod Stewart und "Eternal Flame" von den Bangles.

Wunderschön gestaltete MCs zeigt auch einestages auf SPIEGEL ONLINE : Aloha-Tränen, Disco-Explosionen und und und...

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Verlag erschienen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.