Lexikon der Jugendsünden Halbwüchsige in peinlichem Kosmopoliten-Outfit

Diese Cafés sind was für Poser, nicht für Rocker: Schließlich kauften junge Gäste dort bedruckte Hemdchen vor allem, um damit in der Schule anzugeben. Lisa Seelig und Elena Senft zeigen das Alphabet der Jugendsünden, diesmal: H wie Hard-Rock-Cafe-T-Shirts.

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Die Restaurant-Kette brachte es in den achtziger und neunziger Jahren zu enormem Erfolg. Das Logo des Cafés zeigte den braunen Schriftzug "Hard Rock Cafe" auf einem senfgelben Kreis. Eigentlich also sehr ungewöhnliche Farben, um bei Jugendlichen zu dieser Zeit irgendetwas zu reißen. Trotzdem war ein Besuch des Hard Rock Cafes, in dem man zwischen von Musikern zur Verfügung gestellten Exponaten saß und Burger, Steaks oder Caesar Salad essen konnte, ein absoluter Höhepunkt.

Bei der Klassenfahrt nach Berlin wurde noch vor dem Brandenburger Tor umgehend das Hard Rock Cafe aufgesucht. Dabei ging es nicht ums Essen oder die krampfhaft zur Schau gestellte "American Way of Life"-Atmosphäre, sondern einzig und allein um die im angeschlossenen Souvenirshop zu erwerbenden weißen T-Shirts, auf denen das Hard- Rock-Cafe-Logo und der Name der dazugehörigen Stadt prangten. Viele gingen einfach schnurstracks in den Souvenirshop und ließen die ohnehin überteuerten Steaks und Burger aus.

Das Hard-Rock-Cafe-Shirt war ein Indikator dafür, wer es auf der Welt schon wohin geschafft hatte und dabei vor allem: Wer schon mal mit den Eltern in Amerika war, denn bereits eine Reise "in die Staaten" unternommen zu haben galt als große Auszeichnung. Diejenigen, die nach den großen Ferien in einem Hard-Rock-Cafe-Shirt mit dem Hinweis "San Francisco" in der Schule einliefen, wurden neidisch beäugt.

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Peinlichkeiten von früher: Das Lexikon der Jugendsünden
Allerdings war es unsinnigerweise möglich, in jeder Stadt zumindest gefälschte T-Shirts mit jedem beliebigen Stadtaufdruck zu kaufen - und einigen war es nicht zu blöd, in München ein T-Shirt mit der Aufschrift "Tokio" zu kaufen. Aufgrund dieser Verwässerung wurde es für die weitgereisten Kosmopoliten zunehmend schwer, anzugeben.

Die engagiertesten Hard-Rock-Cafe-Shirtsammler entwickelten sich irgendwann zu einer anachronistischen Gruppe, die vor lauter Sammelwut nicht erkannt hatte, dass die T-Shirts nicht mehr in Mode waren und die - um das Spiel ins Absurde ausarten zu lassen - irgendwann auch im Hard-Rock-Cafe-Shirt mit dem Städtezusatz "Entenhausen" herumliefen.

Diese Leute schwenkten dann später übrigens auch auf andere "witzige" Tourismus-T-Shirts um und waren nicht selten mit XXXL-T-Shirts anzutreffen, auf denen "My brother went to London and all I got was this lousy T-shirt" stand. Heute sind diese Leute an ihrem "Ich bin über 30, bitte helfen Sie mir über die Straße"-Shirt zu erkennen.

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DeeDeeBee 10.08.2011
1. !
Zitat von sysopDiese*Cafés sind was für Poser, nicht für Rocker: Schließlich*kauften junge Gäste dort bedruckte Hemdchen vor allem, um damit in der Schule anzugeben. Lisa Seelig und Elena Senft zeigen das Alphabet der Jungendsünden, diesmal: H wie Hard-Rock-Cafe-T-Shirts. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,763971,00.html
Zugegeben: Seelig und Senft graben was aus. Arm: Kein bisschen von dem Gefühl transportiert, was wir Ende der 1970er, Anfang der 1980er hatten, wenn wir in London den Tempel des Rock betraten, dort, wohin unsere großen Vorbilder noch zum Essen gingen, Clapton und Townshend ihre Guitarren als Deko zur Verfügung stellten. Nichts von dem, dass Eddie van Halen im New Yorker HRC spontan zu einer Jam - Session lud, Gott waren wir stolz auf unsere Shirts, wir trugen Sie gar auf der Bühne... Gut, was heute aus HRC geworden ist, geschenkt. Aber das Tragen von HRC - Shirts war alles andere, als eine Jugendsünde, das war und ist Kult. Wie Harley - Davidson: Wir waren die Outlaws, die sie fuhren, die echten, kaum gedämpft und außen ölig. Dass heute Zahnärzte und Rechtsanwälte damit rumgondeln, um sich das Image, das wir geschaffen haben, aufzupappen, ändert nichts an der Tatsache, dass Harley - cruisen geil war und fast alles, was damit zu tun hatte... Am T-shirt und der Harley von damals hing noch `was dran, soviel, dass heutige Redakteure auch nicht die leiseste Ahnung davon haben, selbst wenn sie Spielfilme über diese Themen gesehen haben...
blackcyclist2010 10.08.2011
2. Ich fall nie auf Werbung rein
Zitat von DeeDeeBeeZugegeben: Seelig und Senft graben was aus. Arm: Kein bisschen von dem Gefühl transportiert, was wir Ende der 1970er, Anfang der 1980er hatten, wenn wir in London den Tempel des Rock betraten, dort, wohin unsere großen Vorbilder noch zum Essen gingen, Clapton und Townshend ihre Guitarren als Deko zur Verfügung stellten. Nichts von dem, dass Eddie van Halen im New Yorker HRC spontan zu einer Jam - Session lud, Gott waren wir stolz auf unsere Shirts, wir trugen Sie gar auf der Bühne... Gut, was heute aus HRC geworden ist, geschenkt. Aber das Tragen von HRC - Shirts war alles andere, als eine Jugendsünde, das war und ist Kult. Wie Harley - Davidson: Wir waren die Outlaws, die sie fuhren, die echten, kaum gedämpft und außen ölig. Dass heute Zahnärzte und Rechtsanwälte damit rumgondeln, um sich das Image, das wir geschaffen haben, aufzupappen, ändert nichts an der Tatsache, dass Harley - cruisen geil war und fast alles, was damit zu tun hatte... Am T-shirt und der Harley von damals hing noch `was dran, soviel, dass heutige Redakteure auch nicht die leiseste Ahnung davon haben, selbst wenn sie Spielfilme über diese Themen gesehen haben...
Da hing überhaupts nichts dran, sie sind nur auf geschickte Marketingstrategien reingefallen. Ja klar, Harleys sind was für Outlaws und woher nehmen Outlaws das Geld für so eine Maschine? Die Masche ist natürlich genial, man verkauft technisch überalterte Machinen zum überhöhten Preis an alternde Freizeitrebellen, die dem Establishment mal so richtig zeigen wollen, wo der Hase hängt. Das ist genauso idiotisch wie ein Taliban mit Nike-Turnschuhen. Die Hardrockcafes wollten auch nur Kunden anlocken und setzten auf Musik als Methode. Das war damals so abgeschmackt wie heute, nur hat es damals keiner bemerkt. Nichts ist peinlicher als ein alter fetter Mann mit HRC Shirt auf einer Harley, der sich für einen Rebellen hält, am besten noch irgendwo eine Südstaaatenfahne augepappt, die für die Verteidigung der Sklaverei steht und absolut überhaupt nichts mit Outlawmentalität zu tun hat. Sie haben bestimmt auch Marlboro geraucht, weil das der Geschmack der Freiheit war.
tanzschule 10.08.2011
3. .
die mode der vergangenheit ist meist peinlich , aber was du heute trägst ist in 30 jahren auch mode der vergangenheit. also sei dir der peinlichkeit bewusst oder sag : mir doch egal was die anderen über meine jeans/shirts denken.
einniederbayer 10.08.2011
4.
Mein HRC T-Shirt von 1995 ist längst ausgebleicht und ausgeleiert, aber das Sweatshirt von damals gehört zu meinen Lieblingskleiderstücken. Sieht immer noch einigermaßen gut aus, sitzt, passt, wackelt und hat Luft. Gut, ich trag's nur noch zu Hause, aber da oft und gern.
gracie 10.08.2011
5. ....
Peinlich, Jugendsünde ? Nein, peinlich ist nur das Gekrizel über etwas, dass man gar nicht gekannt hat. Ende 70er Anfang 80er, war eine echte coole Zeit, mit lauter Freiheiten die man hatte oder die man sich einfach nahm und die es heute zum Teil gar nicht mehr gibt, weil der Planet von lauter uniformierten "Gutmenschen" besiedelt ist. Und das Schlimmste daran ? Die "Gutmenschen" fangen schon mit 18 an sich über die Rente sorgen zu machen, mit 25 kaufen sie sich Wohungen oder Häuser auf Kredit und erklären mir was damals cool oder uncool war. Ich fass es nicht !
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