Lexikon der Jugendsünden Helden, auf Magnetband gebannt

Der Videorekorder war Freiheit pur: Niemand musste mehr nach Hause rennen, um seine Lieblingsserie zu verpassen, sondern konnte sie lässig aufzeichnen. Mancher hortete Hunderte Meter braunschwarzes Band. Diesmal in Lisa Seeligs und Elena Senfts Jugendsünden-Sammlung: V wie VHS-Kassette.

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Der Videorekorder war eine Offenbarung. Es brauchte allerdings einige Zeit, bis man sich von seiner Rolle als abhängiger Fernsehkonsument gelöst hatte und begriff, dass nun eine Ära der Freiheit angebrochen war - endlich musste man sich keine Ausreden mehr einfallen lassen, warum man Montagabend nicht am Vorbereitungstreffen für die Klassenfahrt teilnehmen konnte.

Die neue Freiheit führte aber auch zu Auswüchsen: Manche Videorekorder-Besitzer begannen, Schränke voll VHS-Kassetten mit allen aufgenommenen Folgen von "Kommissar Rex" oder "MacGyver" zu horten - natürlich ohne die Folgen je wieder anzuschauen. Aber allein die Tatsache, die Lieblingsserie archiviert zu haben, vermittelte ein unheimlich beruhigendes Gefühl.

Bis zur Entdeckung der DVD verschwendete man hochgerechnet mehrere Monate seiner Lebenszeit damit, Videokassetten an die richtige Stelle zu spulen - das träg-mechanische Geräusch, das entstand, wenn man auf der Fernbedienung auf "Stop" drückte oder sich die VHS-Kassette durch das Kommando "Play" in Bewegung setzte, und das Geräusch der sirenentonartig zurück- und vorspulenden Kassette wurden irgendwann zum Phantomgeräusch, das man auch dann zu hören glaubte, wenn weit und breit kein VHS-Rekorder in der Nähe war.

Das ständige Vor- und Zurückspulen strapazierte die Kassette, und nicht selten kam es vor, dass man sich das Tanzfinale von "Dirty Dancing" fünf Mal angeguckt hatte und es plötzlich zu einem stockenden Geräusch im Gehäuse der Kassette kam und man das Drama schon ahnte: "Bandsalat" - ein heute beinahe verschwundenes Wort.

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Peinlichkeiten von früher: Das Lexikon der Jugendsünden



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Robert_Rostock 21.12.2011
1.
Zitat von sysopDer Videorekorder war Freiheit pur: Niemand musste mehr nach Hause rennen, um seine Lieblingsserie zu*verpassen, sondern konnte sie*lässig aufzeichnen. Mancher hortete*Hunderte Meter braunschwarzes Band. Diesmal in Lisa Seeligs und Elena Senfts Jugendsünden-Sammlung: V wie VHS-Kassette. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,786741,00.html
Ich denke, so ziemlich jeder, der einen Viehdeo-Rekorder besaß, "hortete Hunderte Meter braunschwarzes Band". Denn bereits in einer einzigen Kasette E-240 sind ca. 350 m Band aufgewickelt: Video Home System (http://de.wikipedia.org/wiki/Video_Home_System#Longplay_und_Super-Longplay)
sas_sa 21.12.2011
2. Vhs
ist also eine Jugendsünde? Was kommt als nächstes? Das Fahrrad ist eine Jugendsünde? Oder das Skateboard? Ich habe den Artikel nicht gelesen, schon bei der Einleitung bin ich über zu viel Arroganz gepaart mit Halbwissen gestolpert.
-murof- 21.12.2011
3. Puuh
Gott sei Dank ist die unendlich schlechte Serie bald vorbei.
poetdale 21.12.2011
4. Jugendsünden
SPIEGEL ONLINE zeigt das ABC der Neunziger-Jahre-Grausamkeiten: Die folgende Liste zeigt aber wohl 80er Grausamkeiten. Satire ist nur halb so lustig wenn die Fakten verdreht werden.
chrome_koran 21.12.2011
5.
Zitat von sysopDer Videorekorder war Freiheit pur: Niemand musste mehr nach Hause rennen, um seine Lieblingsserie zu*verpassen, sondern konnte sie*lässig aufzeichnen. Mancher hortete*Hunderte Meter braunschwarzes Band. Diesmal in Lisa Seeligs und Elena Senfts Jugendsünden-Sammlung: V wie VHS-Kassette. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,786741,00.html
Das aber zum Preis einer Auflösung, die heute jedes Mobiltelefon um ein Vielfaches überbietet ;) Am gemeinsten war's immer beim Vor- bzw. Nachspann, da konnte man nun wirklich kaum etwas lesen. War schon klasse, den einen oder andern Klassiker greifbar zu haben - warm bin ich persönlich bei den Teilen nie geworden, waren mir im Handling zu umständlich - gleiches gilt für die analogen Schallplatten. Ich war recht froh, als die CD und Jahre später DVD/BD kamen.
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