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03. Januar 2012, 08:38 Uhr

Lexikon der Jugendsünden

Im Zelt-Pullover zur Stehblues-Party

Alles etwas groß und prollig - das war in den Neunzigern angesagt. Während die Eltern noch gegen den Modetick Übergröße anargumentierten, entwickelte sich schon ein neuer Trend: bauchfrei. Lisa Seelig und Elena Senft sammeln diese und andere Jugendsünden, diesmal: X wie XXXL-Klamotten.

Halbwüchsige liebten die Extreme: Entweder Kleidung war zu kurz und zu eng oder sie besaß die Ausmaße eines Zeltes. Dazwischen lag nichts, außer vielleicht die hoffnungsfrohe Anregung der Mutter, doch mal einen Blazer zu tragen.

Besonders für T- und Sweatshirts galt absolutes XXXL-Gebot. Egal ob mit riesigem Markenaufdruck oder uni mit Kapuze - die Oberbekleidung durfte frühestens kurz über den Knien enden. Die knielangen Oberteile wurden trotz ihrer Länge mit kurzen Jacken wie dem College-Blouson oder einer Marmor-Jeansjacke kombiniert, was dazu führte, dass unter der Jacke immer mindestens zwanzig Zentimeter Pullover herausschauten.

Nicht nur das Volumen der Kleidung war XXXL, sondern auch ihre aufdringliche Zurschaustellung von Markenlogos. Es wäre Verschwendung gewesen, ein T-Shirt zu tragen, auf dessen linker Seite in Brusthöhe nicht ein winziges Logo zu sehen war. Wer nicht wenigstens ein vierzig mal vierzig Zentimeter großes Levi's-Logo in Schreibschrift auf dem Busenansatz aufweisen konnte, musste gar nicht erst auf der nächsten Stehblues-Party erscheinen.

Und wem das knielange XXXL-Shirt dann doch etwas zu wenig figurbetont war, für den gab es immer noch die Möglichkeit, es vor dem Busen zu knoten und so ganz ohne Kleiderwechsel zur Bauchfreimode überzugehen. Die luftige Situation am Oberkörper wurde durch hautenge Radlerhosen neutralisiert.

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