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10. Oktober 2011, 08:35 Uhr

Lexikon der Jugendsünden

Kleine Folter unter Freunden

Zu den beliebtesten Foltermethoden in den Neunzigern gehörten: Pferdekuss, Fingerkloppe und Folter-Mau-Mau. Der Grund für die grenzwertige Quälerei? Der Diebstahl eines Tintenkillers genügte. Elena Senft und Lisa Seelig sammelten Jugendsünden wie diese. Diesmal: Q wie Quälen.

Das damalige Hobby "Quälen" hatte wenig mit dem heute gefürchteten sogenannten Bullying zu tun: Man quälte in der Regel in gegenseitigem Einverständnis innerhalb des eigenen Freundeskreises. Gewalt war für Jungs eine ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen. Es ging in erster Linie nicht darum, unliebsame Nerds oder Streber fertigzumachen (nur in zweiter), sondern seine sadistische Seite ein bisschen ausleben zu können.

Man setzte sich zum Beispiel auf den Oberkörper eines ergeben am Boden liegenden Kumpels, um die Innenseite seiner Oberarme mit den Knien zu massieren, oder man "niggerte". Unter einem "Nigger", damals noch durch aus im alltäglichen Sprachgebrauch verankert, verstand man schmerzhafte Knuffs auf die Oberarme. Hier galt es, die richtige Technik anzuwenden, um die Demütigung zu vermeiden, sich versehentlich am knochigen Gerüst des zu Quälenden die Mittelhand zu brechen.

Ein "Pferdekuss" wiederum bestand aus einem beherzten Tritt gegen die Außenseite des Oberschenkels. Oder man stopfte seinem Opfer einen Socken in den Mund, der davor in einem Reebok "Pump" ein wenig Feuchtigkeit gezogen hatte und daher formbarer war. Oder man machte die "Brennnessel", indem man den Oberarm seines Opfers mit beiden Händen umschloss und die Haut jeweils in entgegengesetzte Richtungen schob, den Arm sozusagen auswrang.

Beliebt auch: Auf den am Boden liegenden Gegner setzen und einen hauchdünnen Spuckefaden immer länger werden lassen, um den Faden dann wie ein Chamäleon seine Zunge im letzten Moment blitzschnell mit einem triefenden Geräusch wieder einzuziehen. Das gelang leider nicht immer.

Wer heute rückblickend erklären soll, was ihn zu diesen aus heutiger Sicht durchaus subversiven Beschäftigungen trieb, murmelt etwas in der Richtung von "der hatte mich halt geärgert". Den Tintenkiller aus dem Federmäppchen entwendet zu bekommen genügte für eine gepflegte kleine Gewaltorgie.

Beliebt war außerdem "Fingerkloppe", auch "Folter-Mau-Mau" genannt: Wer das Kartenspiel verlor, bekam nach einem feststehenden Katalog Schmerzen zugefügt: Fingerknöchel planierten den Verlierer-Handrücken, es wurde gekniffen, gebohrt, gepiekst. Leidenschaftliche Fingerkloppe-Spieler erkannte man an ihren rot- und wundgeschundenen Händen.

Eine andere beliebte Tätigkeit, die durchaus im Bereich "Quälen" angesiedelt werden kann: Jungs liebten es, in leere Gefäße zu pinkeln (Jägermeister-Fläschchen, Biergläser) und ihren Urin einem ihrer Kumpels anzudrehen. Jedes Mal wieder ein herrlicher Spaß, wenn der Urin in Form eines imposanten Kotzestrahls wieder freigesetzt wurde.

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Verlag erschienen.

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