Lexikon der Jugendsünden Wir sammelten Schnuller und liebten Diddl-Mäuse

Babynahrung, Diddl-Mäuse, Tigerenten: Eine zeitlang wollten Mädchen unbedingt niedlich aussehen. Erst ein schauriges Gerücht dämmte den Infantilismus etwas ein. Lisa Seelig und Elena Senft sammelten diese und andere Jugendsünden. Diesmal: G wie Glasschnuller.

War kein Glasschnuller zur Hand tat es auch ein Plastikschnuller, Hauptsache niedlich
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War kein Glasschnuller zur Hand tat es auch ein Plastikschnuller, Hauptsache niedlich


Es gab diese Mädchen, die auf eine kokette, lolitahafte Art und Weise niedlich und kindlich gefunden werden wollten. So war es eine Zeitlang modern, Babygläschen der Geschmacksrichtung Birne-Pfirsich als Schulverpflegung aus dem Ranzen zu ziehen, die völlig debile und aufdringliche Diddl-Maus süß zu finden oder sich Tigerenten an den Rucksack zu hängen.

Dieser mädchenhafte Hang zum Infantilismus fand seinen traurigen Höhepunkt in Glasschnullern verschiedener Größe, die plötzlich - manchmal einzeln, manchmal aber auch neben fünfzig anderen Schnullern - an Ketten um jeden Mädchenhals hingen und dort süß aussehen sollten. Diese Schnuller waren aus gefärbtem Glas, es gab sie in allen erdenklichen Farben, und sie wurden bei jenen Händlern in den Innenstädten gekauft, von deren Bauchläden man schon ein Sortiment an "Peace"-Ohrringen sowie einen farbvariierenden "Stimmungsring" erstanden hatte und später sein "Pali-Tuch" kaufen würde.

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Peinlichkeiten von früher: Das Lexikon der Jugendsünden
Irgendwann machte die Schreckensnachricht die Runde, die Glasschnuller enthielten giftige, ja tödliche Inhaltsstoffe, und dürften keinesfalls mehr getragen, geschweige denn in den Mund genommen werden. Eltern verboten daher die Schnuller, welche die Ankunft ihres Kindes durch anhaltendes, nervtötendes Klimpern bereits lange vor dem tatsächlichen Erscheinen ankündigten. Vielleicht haben sich Eltern das Gerücht über die giftigen Inhaltsstoffe ausgedacht, um die Schnuller loszuwerden. Es wäre ihnen nicht übelzunehmen.

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Verlag erschienen.

insgesamt 4 Beiträge
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Vision6, 01.08.2011
1. Oh Spiegel
Ich weiß nicht, wo sich Spiegel-Autoren in ihrer kindheit, Jugend oder auch jetzt rumtreiben bzw. getrieben haben, aber allzu viele anbdere Menschen können dort nicht gewesen sein... Immer noch Sommerloch
Rockaxe 01.08.2011
2. Dieser
Buchauszug - ist wohl das allerletzte - bzw. hoffentlich der letzte Auszug aus diesem Machwerk. Anscheinend waren in den Glasschnullern wirklich giftige oder zumindest schädliche Inhaltsstoffe die ihre Wirkung, bei dem Verfassen diesen Kapitels, abgesondert haben müssen. Denn - wenn auch die anderen Buchauszüge nicht sonders viel hergaben - ist dieser hier doch an *Nichtaussage* kaum zu übertreffen.
citycity 01.08.2011
3. doch, doch..
Also ich (Jahrgang 1986) erinnere mich an diese Schnuller, auch wenn ich nie gesehen habe das die jemand in den Mund genommen hat, aber so Schlüsselanhänger mit 20 so kleiner Dinger dran waren so in den Klassen 5-7 keine Seltenheit bei Mädchen. Auch das mit der Tigerente und Diddl kann ich bestätigen.. gott sei dank hatte ich damit nie was zu tun :)
Nostromo72 01.08.2011
4. ...
Was in Florian Illies Werken noch halbwegs kurzweilig ist, führt hier unweigerlich zu Gähn-Krämpfen!
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