Jüdischer Schüler aus Berlin Was wurde eigentlich aus Liam Rückert?

In der Schule wurde er monatelang gemobbt. Dann entschied sich ein 16-jähriger Berliner Jude zur Auswanderung nach Israel. Wie geht es Liam Rückert heute?

Liam Rückert
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Liam Rückert

Von Jérôme Lombard


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Unterricht auf Hebräisch im Intensivkurs: Liam Rückert hat an seiner neuen Schule gut zu tun. "Der Stundenplan verlangt mir einiges ab", sagt der Jugendliche mit den kurzen schwarzen Haaren. Seufzer. Und dann erst diese israelischen Lehrer: "Die sind irgendwie viel strenger als in Deutschland."

Seit Ende August ist der 16-jährige, aus Berlin-Spandau stammende Liam Rückert nun schon Schüler am "Mosenson Youth Village" in Israel. In dem Internat in Hod ha'Scharon, einer rund 60.000 Einwohner zählenden Stadt unweit von Tel Aviv, wird der Jugendliche aus Deutschland gemeinsam mit 130 weiteren internationalen Schülerinnen und Schüler auf das israelische Abitur vorbereitet.

"Ich fühle mich sehr wohl in Israel", sagt Liam, "ich habe Alija gemacht und ich möchte bleiben." Mit "Alija", dem hebräischen Wort für "Aufstieg", bezeichnet man in Israel die Zuwanderung von neuen jüdischen Einwanderern. Als solcher versteht sich der Jugendliche aus Berlin.

Zu Hause im Internat

Liam Rückert kennt das Land bereits seit seiner Kindheit. Seine Mutter stammt aus Israel. In den Schulferien waren sie häufig bei Verwandten und Freunden zu Besuch. Liams Großmutter lebt in Tel Aviv. Wenn er am Wochenende mal einen Tag frei hat, fährt er mit dem Bus häufig zu ihr.

Dabei will er eigentlich gar nicht so richtig weg aus seinem Internat, erzählt er: "Ich habe hier schon viele Freunde gefunden." Mit seinen vier Zimmergenossen versteht er sich richtig gut. Die Jungs kommen aus Italien, den Niederlanden, den USA und Deutschland. Gemeinsam machen sie Sport, hören Musik oder hängen einfach zusammen ab - wie es Jugendliche eben überall auf der Welt so tun. Liam gehört dazu. Endlich. Aus Berlin kannte er dieses Gefühl nicht.

"Als Jude hatte ich es in Deutschland nicht mehr ausgehalten", sagt er mit ernster Stimme. Er ist nicht sehr gläubig, aber stolz auf seine Herkunft. Die Mobbingerfahrungen, die er an seiner ehemaligen Schule gemacht hatte, waren für ihn traumatisierend.

Wie viele antisemitische Straftaten registriert die Polizei?
Die Polizei zählte im vergangenen Jahr bundesweit 1453 antisemitische Delikte, nicht nur an Schulen. Das sind in etwa so viele wie 2016 und etwas mehr als 2015. Die endgültige Kriminalstatistik für 2017 steht allerdings noch nicht fest. Die Zahl der Straftaten könnte deshalb noch steigen. Außerdem werden bei weitem nicht alle Fälle von Antisemitismus im Alltag gemeldet.
Wie viele dieser Straftaten begehen Muslime?
Das geht aus der Kriminalstatistik nicht eindeutig hervor. Zwar brachte die Polizei nur 25 Delikte aus dem Jahr 2017 eindeutig mit "religiös motiviertem" Antisemitismus in Verbindung. Allerdings fließen die meisten Fälle als rechtsextreme Taten in die Statistik ein, auch wenn die Täter unbekannt sind. Experten kritisieren das bereits seit Längerem.

Schule will sich nicht mehr äußern

Über Monate hinweg war Liam Rückert von mehreren Mitschülern an der "Schule an der Jungfernheide" - einer Gesamtschule in Spandau im äußersten Westen Berlins - viele Schüler haben einen Migrationshintergrund - antisemitisch beleidigt und drangsaliert worden. Irgendwann wurde es so schlimm, dass er nicht mehr in die Schule gehen wollte. Er schwänzte regelmäßig, seine Noten verschlechterten sich dramatisch.

Liams Mutter, Billy Rückert, sah keinen anderen Ausweg mehr, als ihn mitten im Schuljahr von der Schule zu nehmen. Auch wenn sie froh darüber ist, dass es ihrem Sohn inzwischen gut geht in Israel, sagt sie: "Es hätte niemals so weit kommen müssen." Hätten der zuständige Lehrer und die Schulleitung an seiner alten Schule sofort nach Bekanntwerden der ersten antisemitischen Äußerungen adäquat auf diese reagiert, hätte die Eskalationsspirale verhindert werden können.

"Das ist nicht passiert. Die Jugendlichen, die Liam damals bedrohten, wurden nicht in die Schranken gewiesen", sagt Billy Rückert. Das will Karin Stolle, Liams frühere Schulleiterin, so nicht stehen lassen. "Wir haben uns immer sehr bemüht, Liam Rückert zu unterstützen", sagt Stolle. Für Antisemitismus und diskriminierende Äußerungen jedweder Art gebe es an ihrer Schule keinen Platz. Mehr möchte sie dazu nicht sagen. Der Fall sei für sie und ihre Schule abgeschlossen.

"Das liegt alles hinter mir"

Auch für Liam ist seine Schulzeit an der Berliner Gemeinschaftsschule ein abgeschlossenes Kapitel. Der Jugendliche spricht nicht mehr gerne darüber. "Das liegt jetzt alles hinter mir", sagt der Schüler. Er sei nur froh, dass er sich nicht für einen möglichen Schulwechsel in der Bundeshauptstadt, sondern für Israel entschieden habe. "Hier kann ich als Jude frei sein und brauche keine Angst mehr vor Antisemitismus zu haben."

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  • AP
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Wenn er mit der Schule fertig ist, will Liam in die israelische Armee. Das muss er als israelischer Staatsbürger auch. Der Jugendliche hat neben dem deutschen auch den israelischen Pass.

Sein Leben in Berlin vermisst der 16-Jährige nicht. "Erst mal komme ich nicht mehr zurück", sagt er. Seine Mutter, seine Katzen und seine Freunde fehlen ihm zwar schon. Aber die können ihn ja auch mal in Israel besuchen kommen.

Im Video: Antisemitismus - "Du Jude!" als Schimpfwort

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