Lob von "Pisa-Papst" Schleicher "Das sind Riesenfortschritte"

Nächsten Dienstag wird die neue Pisa-Studie vorgestellt. Für Deutschlands Kultusminister ist Andreas Schleicher eine Reizfigur. Diesmal spendiert der internationale Pisa-Koordinator schon vorab Lob - an deutschen Schulen sei "enorm viel in Bewegung".
Pisa-Koordinator Schleicher: "Vielleicht fürchten Minister um ihre Interpretationshoheit"

Pisa-Koordinator Schleicher: "Vielleicht fürchten Minister um ihre Interpretationshoheit"

Foto: Stephanie Pilick/ picture-alliance/ dpa

Pisa

Andreas Schleicher

Zehn Jahre nach dem ersten -Test ist im deutschen Schulsystem nach Auffassung der OECD "enorm viel in Bewegung gekommen". Dies sagte der OECD-Bildungsexperte , der an der Entwicklung der Pisa-Tests maßgeblich beteiligt war, der Wochenzeitung "Die Zeit".

So sei auch in Deutschland frühkindliches Lernen kein Tabu mehr. Als er vor knapp zehn Jahren für Bildungsangebote schon im Kindergarten plädierte, habe es einen Aufschrei gegeben: "Jetzt will er uns auch noch die Kinder wegnehmen!", so Schleicher. Inzwischen sieht er "Riesenfortschritte". So gebe es in den Schulen inzwischen Bildungsstandards, und "sogar Nordrhein-Westfalen" habe ein Zentralabitur eingeführt. In der Schulstruktur setze sich ein Zweisäulenmodell durch, das Gymnasium neben nur noch einer weiteren Schulform, die regional unterschiedlich heißt, mal Stadtteil-, mal Ober-, Mittel- oder Sekundarschulen.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird am kommenden Dienstag die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie veröffentlichen, deren Daten im vergangenem Jahr erhoben worden sind. Der Schwerpunkt liegt diesmal auf dem Lesen, wie schon beim ersten Pisa-Vergleich.

"Pisa hat eine höhere Prognosekraft als Schulnoten"

Die Veröffentlichung der ersten Studie im Dezember 2001 hatte in Deutschland einen Schock ausgelöst. Auffällig waren dabei nicht nur die mäßigen Schulleistungen der 15-Jährigen im internationalen Vergleich. Die Studie förderte zutage, dass fast ein Viertel nur auf Grundschulniveau lesen und rechnen konnte. Auch zeigte sich, dass in keiner vergleichbaren Industrienation die Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft so ausgeprägt ist wie in Deutschland. Weitere Pisa-Tests gab es 2003 und 2006.

Auf die Frage, was Deutschland von erfolgreicheren Ländern lernen können, antwortete Schleicher, Bildung müsse in der Politik Priorität genießen. "Das klingt trivial, aber zeigen Sie mir einen deutschen Ministerpräsidenten, der Schulpolitik zur Chefsache gemacht hat! Zweitens glaubt die Gesellschaft in Pisa-Spitzenländern wie Japan oder Finnland an den Erfolg jedes einzelnen Schülers und erschwert nicht schon Zehnjährigen den Zugang zu höherer Bildung", sagte der OECD-Experte.

Schleicher lobte die Aussagekraft der Studien: Die Pisa-Schüler des Jahres 2000 seien inzwischen Mitte zwanzig. "Untersuchungen in Australien, Dänemark und Kanada haben gezeigt, dass die Ergebnisse im Pisa-Test eine hohe Prognosekraft für den Erfolg im Berufseinstieg und an der Universität haben, die die Prognosekraft von Schulnoten weit übertrifft."

Jahrelang im Streit verkeilt mit Ministern der deutschen Bildungsprovinzen

Er kritisierte zudem die fehlende Transparenz in Deutschland: Es sei das einzige Land, das die Pisa-Daten nicht ins Netz stelle. "Vielleicht fürchten einige Kultusminister um ihre Interpretationshoheit", so Schleicher in der "Zeit".

An Erfahrungen mit hyperventilierenden Kultusministern mangelt es Schleicher nicht - es kam immer wieder zum Streit um die Deutungshoheit und die Konsequenzen aus den miserablen bis mittelprächtigen deutschen Ergebnissen. So forderten im November 2007 die Minister der unionsgeführten Länder die Absetzung des Pisa-Koordinators; auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) schloss sich an. Ihnen passte Schleichers Kritik am dreigliedrigen Schulsystem nicht, manche verdammten die Pisa-Studie insgesamt: Sie sei von vornherein als Instrument angelegt, das gegen selektive Systeme eingesetzt werden solle.

Selbst namhafte Bildungsforscher wie der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel oder der Dortmunder Wissenschaftler Wilfried Bos waren der Meinung, aus den Pisa-Daten lasse sich nicht herauslesen, dass die mittelmäßigen Leistungen von Schülern in Deutschland auf das dreigliedrige Schulsystem zurückzuführen seien.

Schleicher hatte die Kritik vehement zurückgewiesen und von einer "absurden Posse" gesprochen: "Für die Leistungsergebnisse selbst zeichnet aber die Bildungspolitik und nicht die OECD verantwortlich." Im Alltag laufe die Zusammenarbeit mit den Ministerien gut, sagt er heute. Wenn OECD-Daten zeigten, dass die Schulstruktur in Deutschland ein Problem sei, "dann sagen wir das. Das ist ja ein Diskussionsbeitrag und keine Anordnung".

bim/dpa
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