Klassenfoto-Projekt von Steve McQueen "Die einzigen Schwarzen, die ich in der Galerie sah, waren die Sicherheitskräfte"

Der britische Filmemacher und Künstler Steve McQueen hat 76.000 Drittklässler in London fotografieren lassen und stellt die Bilder nun im Museum aus. Die Fotos sollen sich vor allem die Kinder selbst anschauen.

Tolga Akmen/ AFP

Einer grinst, ein anderer schaut nicht in die Kamera, einer liegt vor den anderen auf dem Boden und zieht eine Grimasse. Klassenfotos sind Momentaufnahmen - und viele Jahre später wecken sie Erinnerungen an nervige Klassenlehrer oder alte Klassenkameraden.

Der britische Künstler und Filmemacher Steve McQueen ("12 Years a Slave") hat eine Ausstellung rund um solche Schulbilder entwickelt: Für das Projekt "Year 3" haben Fotografen mehr als 3000 Klassenfotos von Drittklässlern in ganz London geschossen - in über 1500 staatlichen, religiösen oder unabhängigen Schulen. Auch Schüler, die zu Hause unterrichtet werden, sind auf den Bildern zu sehen.

McQueen will damit die "ästhetische Erziehung in Schulen fördern" und dafür sorgen, dass sich Diversität in künstlerischen Institutionen stärker durchsetzt. "Ich erinnere mich, dass ich in der National Portrait Gallery war, und die einzigen Schwarzen, die ich sah, waren die Sicherheitskräfte", sagte McQueen dem "Guardian".

"Die Kunstschule war meine Befreiung, dort konnte ich meine Ziele erreichen und mich selbst verwirklichen", wird der Künstler zitiert. "Diese Möglichkeit sollte jedes Kind haben." Die Fotos sind derzeit im Londoner Kunstmuseum "Tate Britain" ausgestellt - und hängen außerdem in der ganzen Stadt verteilt an Häuserwänden oder in der U-Bahn.

In den kommenden 20 Wochen sollen nun alle fotografierten Klassen die Gelegenheit bekommen, ihre Bilder im Kunstmuseum anzuschauen - und so einen Zugang zu Kunst finden, unabhängig von ihrem familiären oder sozialen Hintergrund. Das ist der Wunsch von Steve McQueen. Wie der "Guardian" berichtet, will sich der Künstler an jede Klasse wenden - per Video.

Fotostrecke

9  Bilder
Schule: Steve McQueen porträtiert Drittklässler

Außerdem können die Kinder im Museum Steve McQueens altes Klassenfoto aus einer Schule im Londoner Westen bewundern: Es ist das Jahr 1977, er trägt Hemd und Pullover - und grinst zögerlich.

Dem "Guardian" zufolge hat es ein Jahr gedauert, um die mehr als 76.000 Schüler abzulichten. Denn: Alle Elternteile hätten ihr Einverständnis geben müssen. Außerdem seien vor dem Fototermin rund 90-minütige Workshops abgehalten worden, bei denen die Kinder über Fragen wie diese diskutierten: Wie ist es, sieben Jahre alt zu sein und in London aufzuwachsen? Wo ist die "Tate Britain"? Und was ist ein Kunstwerk?

"Es ging um Verantwortung: Wer wollen sie werden? Was wollen sie zu dieser Stadt später beitragen?", sagte Steve Moffitt von der beteiligten Bildungsinitiative "A New Direction" dem Deutschlandfunk. Viele der Kinder seien zuvor noch nie in einer Galerie gewesen.

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