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Ammersee-Gymnasium: Das Gegenteil einer Problemschule

Foto: Tobias Hase/ dpa

Luxus-Gymnasium in Bayern Lernidyll mit Seeblick

Wenn Politiker und Schulleiter über das Ammersee-Gymnasium sprechen, geraten sie ins Schwärmen - über Bayerns schönste Schule, beschaulich am Ufer. Der Nobelbau verschlang über 20 Millionen Euro. Im Dorf klagten Eltern allerdings über das frostige, unpersönliche Schulklima.

An dieser Schule ist alles etwas prächtiger, größer, schicker. Die weißen Blöcke mit den langen Fensterfronten sehen von weitem aus wie ein Raumschiff, das am Ammersee gelandet ist, eine Autostunde südwestlich von München. Der Balkon, auf dem Klaus Rechenberger gerade steht, gleicht einer Veranda. Und am Ufer gegenüber sieht der Schulleiter die Umrisse der Villen, einige hundert Meter entfernt.

Im Sommer stellen Rechenberger - Anzug, Krawatte, kurze rote Haare - und seine Kollegen sich Stühle und Tische hin. Dann genießen sie den Seeblick, schauen während der Mittagspause auf Segler und teure Boote. Wer hier in der Gegend wohnt, hat normalerweise genug Geld, um es sich gutgehen zu lassen.

Privatschule

Allwetter-Sportplatz, Imkerei, eigene Bahnstation: Das Ammersee-Gymnasium ist ein staatliches Gymnasium, keine , und es zeigt, was es hat. Hier ist zu besichtigen, was sich reiche Kommunen leisten können. 21,5 Millionen Euro kostete es, die Schule hochzuziehen, in Dießen, einem Ort mit 10.000 Einwohnern. Manche Leute fürchten, bald könnte es hier aussehen wie am Starnberger See, wo Reiche und Promis die Ufer zugebaut haben. Schon jetzt ziehen viele Münchner her, sagt Schulleiter Rechenberger.

Außen hui, innen pfui?

Wie sich das Umfeld einer Schule auf die Leistung der Schüler auswirkt, hatte zuletzt die Pisa-Studie gezeigt: Die Leistungen zweier Schüler aus ähnlichen sozialen Verhältnissen unterscheiden sich um bis zu 100 Pisa-Punkte, wenn der eine auf eine Schule in einem günstigen Umfeld geht, der andere aber eine Problemschule besucht. Das entspricht einem Vorsprung von mehr als zwei Schuljahren.

Das Ammersee-Gymnasium in einer Wohlstandsgegend entstand nach langen Diskussionen zum Schuljahresbeginn 2006 und unterrichtet jetzt rund 800 Schüler, der Ausländeranteil liegt bei nur einem Prozent. Schon während des Baus schwärmte der damalige bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) vom schönsten Gymnasium des Freistaats.

Allerdings macht so eine Prachtschule sich nicht nur Freunde. Im Frühjahr 2008 beschmierte jemand die Wände, im Ort tobte damals eine Debatte über die Schule: Im Internet klagten Eltern und Schüler, das Gymnasium sei kalt und unpersönlich, es fehle an menschlicher Wärme. Auch der Gemeinderat diskutierte darüber. Die Schmierereien kämen nicht von ungefähr, fanden manche, für viele Kinder sei es bedrückend, in diese Schule gehen zu müssen.

Ein Gemeinderat von der Unabhängigen Bürgervereinigung polterte besonders laut: "Wir haben ein architektonisch sehr schönes Gebäude bekommen, aber im Innern sieht es anders aus." Inzwischen hat er sich aus der Kommunalpolitik verabschiedet und leisere Töne angeschlagen. Sein Sohn geht aufs Ammersee-Gymnasium, steht kurz vor dem Abitur. Der Vater will seine Vorwürfe nicht wiederholen: "Man macht sich schnell Feinde."

Ein Brunnen für 100.000 Euro

Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisiert die wachsende Ungleichheit der Schulen einzelner Regionen: Die Kosten für Bau und Instandhaltung fielen auf die Kommunen zurück. Finanzschwache Städte und Gemeinden könnten sich eine so moderne Schule wie am Ammersee nie leisten. "Würden die Sachkosten auch vom Land getragen, könnten flächendeckend zumindest vergleichbare Standards an Schulen durchgesetzt werden", sagt Elke Hahn vom GEW-Landesverband Bayern. Die Bundesländer aber kommen nur für die Gehälter der Lehrer auf.

"Eine schöne Schule haben wir, aber jetzt auch nichts wahnsinnig Besonderes", sagt Daniel aus der Unterstufe, seine Klassenkameraden nicken. Die Schmierereien am Ammersee-Gymnasium sind längst wieder verschwunden. Im beschaulichen Dießen aber schwelte die Debatte weiter, in der Lokalpresse wurde über die pädagogische Kompetenz der Lehrer diskutiert. Die Schule wäre froh, wenn der Streit in Vergessenheit geraten würde. Auf der Internetseite jedenfalls präsentiert sie nur positive Texte aus der Lokalpresse, Meldungen über Technologie-Tage, Theatergruppen und Gummibärchenverkaufs-Aktionen von Sechstklässlern.

Schulleiter Rechenberger meint, dass die Schule gerade wegen der exponierten Lage enorme Erwartungen zu erfüllen hatte - denen habe man gar nicht gerecht werden können. Sein Stellvertreter Georg Büttner, 47, kam aus München nach Dießen. "Das Ammersee-Gymnasium ist keine 08/15-Schule, sondern schon etwas Einzigartiges", sagt er. Regelmäßig gebe es mehr Bewerber als Plätze, auch aus Nachbargemeinden wollten viele zur Schule am See.

"Der Ammersee ist unser Profil, das ist ganz klar", weiß auch Rechenberger. Im kommenden Jahr soll noch ein Brunnen auf dem Schulhof gebaut werden, für mehr als 100.000 Euro, bezahlt von einer Stiftung und der EU. Wasserfontänen sollen dann über einen verstellbaren Fühler in eine löffelartige Schale plätschern, nachts beleuchtet. Ein Kunstwerk - damit die Schule noch etwas prächtiger und schicker wird.

Von Michael Brehme, dpa/otr
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