Soziale Netzwerke Die gefährliche Reise eines Strichmännchens

Schüler haben die Zeichnung eines Männchens auf virtuelle Weltreise geschickt. Jetzt sind sie erschrocken, wie weit "Nico" gekommen ist.

Das erste Bild vom Strichmännchen "Nico"
DPA

Das erste Bild vom Strichmännchen "Nico"


Mit Mütze, Fliege und einem Köfferchen verließ Nico vergangene Woche eine Schule in Madrid. Innerhalb weniger Tage ist das mit Filzstift gezeichnete Strichmännchen über die sozialen Netzwerke virtuell in 144 Länder gereist.

Mit dem Experiment wollte Lehrerin Esmeralda Reviriego ihre 14 und 15 Jahre alten Schüler auf die Risiken aufmerksam machen, die entstehen, wenn man Bilder im Internet veröffentlicht. "Die Idee war, ein Bild zu verbreiten, um zu sehen, wie weit es kommt", erklärt Reviriego. "Wir hätten niemals gedacht - nicht einmal ich selbst - dass es Grenzen überschreiten und zu einem viralen Phänomen werden würde."

Über ihre Zeichnung des Strichmännchens schrieben die Jugendlichen: "Hilf mir, die Welt zu bereisen!" Und daneben: "Ich bin Nico." Die Zeichnung wanderte von Handy zu Handy und von einem sozialen Netzwerk ins andere.

Schon binnen weniger Stunden war Nico auf allen Erdteilen gelandet. Die spanische Polizei teilte das Bild auf Twitter und fragte: "Wird er weit kommen?" Die Polizei in Kolumbien antwortete, das Männchen habe bereits den Atlantik überquert. "Hallo Freunde, das Bild ist bei uns in Kolumbien angekommen. Bitte grüßt Nico von uns", schrieben die Polizisten.

Einige Internetnutzer machten Scherze mit dem Strichmännchen. Einer postete eine ähnliche Zeichnung mit einem verärgerten Vater, samt Bart und wütendem Gesicht, der sagt: "Nico, lass den Blödsinn und komm nach Hause!" Eine weitere Witz-Version zeigt Nico in den Händen des US-Präsidenten Donald Trump.

"Für meine Schüler war es eine echte Erfahrung dessen, was passieren kann, wenn sie etwas veröffentlichen", erzählt die 37-jährige Reviriego. "Das Bild von Nico ist unschuldig; wir haben aber bewiesen, dass man es auf den Kopf stellen, aus dem Kontext reißen und auf negative Weise manipulieren kann." Es gebe zum Beispiel Memes - im Internet in Form eines Bildes verbreitete Witze - von Nico mit Genitalien.

Bislang hätten sich viele ihrer Schüler kaum Gedanken über das Thema Datenschutz und über die Bilder gemacht, die sie online teilen, sagt die Lehrerin. Die Erfahrung mit Nico habe die Kinder aber darüber nachdenken lassen. "Sie sind glücklich und aufgeregt, aber auch erschrocken über die Reichweite."

Einige spanische Medien vermuteten hinter dem Experiment zunächst eine heimliche Werbeaktion. Darauf schien hinzuweisen, dass auf dem Koffer des Strichmännchens der Name eines großen Sportartikelherstellers steht. "Das ist totaler Zufall", erklärt Reviriego. "Die Jungen tragen Klamotten dieser Marken und haben Nico als ihr Ebenbild gezeichnet."

Die Schule, von der aus Nico vergangene Woche in die Welt zog, will nun eine Reihe von Seminaren zum richtigen Umgang mit den sozialen Netzwerken anbieten. Dazu meint Reviriego: "Sie sind ein nützliches Werkzeug, man muss sie aber zu nutzen wissen."

Von Ana Lázaro Verde, dpa/koe



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
betweenthelines 09.03.2017
1. :)
Eine wirklich geniale Idee. So stellt man sich lebendigen Unterricht vor. Didaktisch gesehen ein Meisterleistung wie ich finde. und danke für den Beitrag. Hätte sonst nie davon erfahren.
lord.speedy 09.03.2017
2. Muß mich mal anschließen!
Viele Computer-"Neulinge" wissen es halt nicht. Daher ist es ein gutes, aufweckendes Experiment, nicht nur für Schüler! Vielen Dank an die SpOn Redakteure für diesen tollen Beitrag! Gerade bei Facebook und Twitter wird gar nicht mehr nachgedacht, nur noch geteilt, geteilt und geteilt! Bei einer deutschen Autobahn ist es das Gaspedal, hier der "Teilen"-Knopf! Nachdenken macht kaum jemand noch ...
Nania 09.03.2017
3.
Zitat von lord.speedyViele Computer-"Neulinge" wissen es halt nicht. Daher ist es ein gutes, aufweckendes Experiment, nicht nur für Schüler! Vielen Dank an die SpOn Redakteure für diesen tollen Beitrag! Gerade bei Facebook und Twitter wird gar nicht mehr nachgedacht, nur noch geteilt, geteilt und geteilt! Bei einer deutschen Autobahn ist es das Gaspedal, hier der "Teilen"-Knopf! Nachdenken macht kaum jemand noch ...
Ganz so einfach würde ich es nicht machen, die Frage ist doch etwas komplexer. Mit dem Bild ist der Aufruf zum Teilen ja verbunden gewesen, da machen so Sachen natürlich schnell die Runde. Ja, Schüler müssen lernen, dass es im Internet schnell gehen kann mit der Verbreitung eines Bildes oder einer Information, dazu kommt aber auch der "gesunde Menschenverstand". Ein unauffälliges, aber für mich vielleicht wichtiges Bild aus dem Urlaub wird nicht so viral gehen, wie ein peinliches Bild von einem hohen Politiker. Ich halte solche Konzepte für wichtig und richtig, man muss aber zugleich eben auch beachten, dass nicht jedes Foto und nicht jedes Bild "teilungsrelevant" ist. Wichtig ist der Hinweis, dass man selbst überlegen sollte, was man online stellt und bei was davon man keine Sorge um negative Folgen haben muss, und bei welchen Sachen man davon vielleicht Abstand nehmen sollte. Nacktbilder wären da ein klassischer Fall, aber ein mittelmäßiges Foto vom Kölner Dom wohl eher nicht.
sojetztja 09.03.2017
4.
Zitat von NaniaGanz so einfach würde ich es nicht machen, die Frage ist doch etwas komplexer. Mit dem Bild ist der Aufruf zum Teilen ja verbunden gewesen, da machen so Sachen natürlich schnell die Runde. Ja, Schüler müssen lernen, dass es im Internet schnell gehen kann mit der Verbreitung eines Bildes oder einer Information, dazu kommt aber auch der "gesunde Menschenverstand". Ein unauffälliges, aber für mich vielleicht wichtiges Bild aus dem Urlaub wird nicht so viral gehen, wie ein peinliches Bild von einem hohen Politiker. Ich halte solche Konzepte für wichtig und richtig, man muss aber zugleich eben auch beachten, dass nicht jedes Foto und nicht jedes Bild "teilungsrelevant" ist. Wichtig ist der Hinweis, dass man selbst überlegen sollte, was man online stellt und bei was davon man keine Sorge um negative Folgen haben muss, und bei welchen Sachen man davon vielleicht Abstand nehmen sollte. Nacktbilder wären da ein klassischer Fall, aber ein mittelmäßiges Foto vom Kölner Dom wohl eher nicht.
Das habe ich beim Lesen auch gedacht. Andererseits kann es schon schlimm genug sein, wenn ein peinliches Bild nur wenige Dutzend Mal geteilt wird. Viel interessanter finde ich persönlich ja die Sache mit dem adidas-Logo. Wer mit Schülern über Medien spricht, sollte das Thema "Werbung" in seinen verschiedenen Aspekten nicht ausklammern.
627235 09.03.2017
5. Interessanter Unterricht
Leider nicht unbedingt massentauglich - mit solchem Erfolg ist das Experiment nicht beliebig wiederholbar. Andererseits wäre es natürlich auch beruhigend, wenn sich der millionste "Nico" eben nicht mehr international verbreitet (oder so - das müssten jetzt halt Millionen Schüler herausfinden).
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