Mädchen-Festival "Wir sind keine HipHop-Schlampen"

Frauen in knappen Bikinis räkeln sich auf dem Auto, Jungs stehen daneben und reden von Sex und Scheißnutten - so funktionieren viele Musikvideos im HipHop. Gegen dieses Klischee und für selbstbewusste Mädchen am Mic kämpft ein Berliner Festival.

Spiegel Online

Von Anja Herr


Stella steht vorn, direkt vor dem Spiegel. Sie ist die Trainerin. Hinter ihr zwölf Mädchen. Das Ziel: eine HipHop-Choreografie vom Typ "New Style". Es ist ein einfacher Saal in der Alten Feuerwache in der Axel-Springer-Straße, aber durch den Spiegel wirkt er größer, machtvoller. So, als wäre hier Platz für eine kleine Revolution.

Die Mädchen wollen nicht nur tanzen, sondern auch kämpfen - für eine neue Rolle der Frau. "Wir sind keine HipHop-Schlampen", sagt Ada, 18. "In Musikvideos definieren sich die Frauen oft nur über ihren Körper, das finde ich nicht gut." Eine Ausnahme sei die Rapperin Missy Elliott: "Die macht da nicht mit, die sieht nicht aus wie 'ne bitch, die ist cool."

Auch Gözde, 20, mag den Workshop sehr: "Wenn nur Mädchen da sind, ist es einfach lockerer", sagt sie. Jungs gehe es oft vor allem darum, sich zu profilieren. "Ich bin dagegen, dass die Frauen nur als Dekoration für die Männer dienen."

Der Tanzunterricht ist Teil einer Workshop-Woche von "We B Girlz". Die Initiative macht sich für feministischen HipHop stark und wurde vor einigen Jahren gegründet von der Journalistin Nika Kramer und der Fotografin Martha Cooper. "Ich will mehr Frauen im HipHop - und zwar selbstbewusste, starke Frauen", sagt Kramer, die unter anderem die internationale Breakdance-Veranstaltung Battle of the Year mitorganisiert. "We B Girlz" ist als Projekt gedacht, in dem junge Mädchen "ihren eigenen Platz in der Popkultur erobern können und nicht nur als schmückendes Beiwerk am Arm des Mannes mit der Goldkette Respekt erlangen", so Kramer.

Workshops und Battles

Vor einem Jahr hat sie in Berlin das weltweit größte HipHop-Festival für Frauen organisiert. Vier Wochen Workshops, Podiumsdiskussionen, Filme, Ausstellungen, Battles, unterstützt unter anderem durch den Hauptstadtkulturfonds und die Bundeszentrale für Politische Bildung. Der Musiksender MTV wollte nicht kooperieren: "Es hieß, das würde nicht ins Format passen", erinnert sich Kramer. Gewundert hat sie das nicht: "MTV zeigt ja eben genau diese Videos zum Beispiel von Bushido oder Sido, in denen die Frauen herabgewürdigt werden."

Für ein so großes Festival wie 2008 ist in diesem Jahr kein Geld da. Aber die etwa zehn Frauen von "We B Girlz", die sich regelmäßig treffen, wollten trotzdem was auf die Beine stellen. So gibt es in dieser Woche Workshops in den Bereichen Tanz, Graffiti, Rap, DJing und Beatboxing, am 4. September ein großes Netzwerktreffen zum Thema "Frauen im Hip Hop", am 5. September Tanzwettbewerbe und Graffiti-Sessions.

Im Workshop Beatboxing bekommt Carolin, 21, die ersten Einweisungen. "Mach einfach erstmal bzk zzzz bzk", sagt Workshopleiterin Yvonne. Carolin umklammert das Mikrofon. Sie macht: "bzk zzzz bzk" und lacht ein bisschen unsicher. Die anderen machen auch "bzk zzzz bzk". Eine summt eine Melodie dazu - "humming" heißt das im Fachjargon. "Ja, genau so", sagt Yvonne aufmunternd, "das ist beatboxing." Es klingt gut. "Total beeindruckend, was man mit der eigenen Stimme so alles machen kann", findet Carolin, auch wenn sie mit einigen Sounds noch ihre Probleme hat: "Da fehlen mir einfach noch die Muskeln", vermutet die 21-Jährige. Ihr Fazit: Mädels können genauso gut Beatboxen wie Jungs. "Zwar kriegen die besser die tiefen Bass-Sounds hin, aber wir sind dann halt bei den höheren Tönen besser", sagt sie.

Jede lernt und lehrt

Ein paar Stockwerke über den Beatboxern tanzen die Mädchen immer noch HipHop. Es sind fast 30 Grad, aber keine quengelt. HipHop ist ihr Ding. Unermüdlich bewegen sie ihre Körper zum Timbaland-Beat. Stella schlägt vor, eine kleine Pause zu machen. Aber manche machen einfach weiter, geben sich gegenseitig Tipps.

"Ich finde es gut, wenn sich die Mädchen supporten", sagt Stella. Denn das sei oft das Problem im HipHop: "Frauen sehen sich zu sehr als Konkurrentinnen, statt sich gegenseitig zu helfen." Dabei solle doch im HipHop gelten: "Each one teach one" - jeder kann von jedem was lernen.

Am Ende teilt Stella Flyer aus, sie werben für den Tanzwettbewerb am 5. September. "Die sind ja cool geworden", sagen einige und betrachten andächtig das gesprayte "We B Girlz"-Logo auf dem Flyer. Stella sagt, sie sollen sie an möglichst viele Leute verteilen. "Würde mich krass freuen, wenn viele kommen. Wir brauchen den Support."



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