Mädchen in Nepal Verkauft von den eigenen Eltern

Kinderhandel ist verboten in Nepal. Theoretisch. Trotzdem lassen viele Eltern ihre Töchter als "Kamalari" schuften: Als Sklavinnen putzen, kochen, waschen verängstigte Mädchen von früh bis spät. Urmila, 19, hat das hinter sich. Und eine Mission: das Ende der Ausbeutung.

Die Angst kommt im Januar. Wenn die Volksgruppe der Tharu im Südwesten Nepals ihr Neujahrsfest Maghi feiert, wenn die Männer trunken vom Selbstgebrauten durch die Dörfer wanken, dann tauchen sie auf - die Landlords, wie sie hier genannt werden, Vermittler und Großgrundbesitzer.

Sie haben Geld, viel Geld, und wollen nur eins: Mädchen und junge Frauen kaufen. Obwohl Kinderhandel in dem Himalaja-Staat längst verboten ist, floriert das schmutzige Geschäft - getrieben von Tradition, Armut und dem Alkoholismus der Väter.

Bis zu 120 Euro bekommen Eltern pro Kind und Jahr - viel Geld, mehr als die Hälfte aller Nepalesen muss mit weniger als 75 Cent am Tag auskommen. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass bis zu 12.000 sogenannte Kamalari-Mädchen, "schwer arbeitende Frauen", im Land verteilt sind.

Urmila Choudhari, 19, kommt aus einem kleinen Ort im Distrikt Dang, einer armseligen, flachen, von der Landwirtschaft geprägten Gegend nahe der indischen Grenze. Urmila wohnt mit ihrer 15-köpfigen Familie in einem Lehmhaus mit Wellblechdach. In ihre Welt verirren sich kaum Touristen. Was der Reiseführer "Lonely Planet" über Urmilas Gegend schreibt, lässt sich so zusammenfassen: Wenn du nicht herkommen musst, lass es.

Doch für Urmila ist ihr Dorf Manpur der wohl schönste Platz auf der Welt. Hier ist sie endlich frei.

"Ich wusste gar nicht, was Arbeiten ist"

Urmila betreibt ein winziges Fotostudio. Und sie verfolgt ein großes Ziel: die Ausrottung des Kamalari-Systems in den Distrikten Kanchanpur, Kailali, Bardiya, Banke und Dang. Dabei ist sie im Laufe der Jahre immer mutiger geworden.

Rückblende: Als Urmilas Kindheit endet, ist sie sechs. Ihre Eltern verkaufen sie 1997 per Handschlag in das weit entfernte Katmandu. "Ich wusste gar nicht, was Arbeiten ist", sagt Urmila. Man hatte ihr versprochen, sie werde zur Schule gehen. Doch in Nepals Hauptstadt wurde ihr eröffnet: "Wir haben dich als Dienerin gekauft, nicht als Schülerin."

Vier Jahre lang dient sie, versucht nachts zu lesen, in alten Zeitungen. Doch der Mann, der sie gekauft hat, dreht ihr immer wieder das Licht aus. Er sagt, er habe schließlich nicht dafür bezahlt, dass sie Strom verschwende.

Erst als Zehnjährige kommt sie zurück in ihre Heimat. Doch in Manpur darf sie nicht bleiben, muss wieder nach Katmandu, diesmal für umgerechnet 15 bis 30 Euro pro Jahr im Dienst einer einflussreichen Politikerin. "Am Anfang wurde ich nur geschlagen", sagt Urmila in einem Ton, als wäre das noch das beste von allem gewesen.

Putzen, kochen, waschen - von vier Uhr morgens bis nachts

Kerzengerade sitzt sie auf dem Lehmboden im Elternhaus und erzählt, den Blick gesenkt, ihre Hände zerpflücken eine Blüte. Die Anspannung und Angst ist immer noch da bei der Erinnerung an sieben Jahre Leibeigenschaft. Über die Rolle ihrer Eltern - früher selbst Leibeigene - will sie nicht sprechen: "Ich möchte mich nicht daran erinnern, sonst muss ich weinen."

Ihr Arbeitstag als Haushälterin beginnt morgens um vier. Putzen, kochen, waschen. Ihre Herrin, die Politikerin, ist oft lange unterwegs und Urmila eingesperrt. Erst spät abens darf sich die damals Zehnjährige ins Laken auf dem Boden einrollen, in einem winzigen Raum ohne Bett, Matratze oder Decke.

Verpflegung? "Ich bin Vegetarierin", sagt Urmila. In dem Haus interessiert das niemanden. Oft landete das Fett vom Fleisch für die Hunde auf ihrem Teller, sagt sie: "Die Hunde hatten ein besseres Essen als ich."

Urmila lebt in ständiger Angst. Oft droht die Herrin, die Polizei habe auf Mädchen wie sie ein Auge. Noch heute bekommt Urmila Panikattacken, wenn sie an jenen Tag denkt, als Maskierte das Haus überfielen und mit Bargeld und Schmuck flüchteten. Die Männer hielten ihr eine Waffe an den Kopf, weil sie vermuteten, sie sei die Tochter des Hauses. Und danach? Danach warf ihr die Herrin vor, mit den Räubern gemeinsame Sache gemacht zu haben.

Warum es Jungen selten erwischt - und die zornige Urmila etwas fast Undenkbares wagen will

Krishna Choudhari kennt solche Geschichten. Der Gründer und Präsident der Hilfsorganisation Society Welfare Action Nepal (Swan) sagt, Urmila sei noch vergleichsweise glimpflich davongekommen: "Die Mädchen werden oft vergewaltigt, kommen schwanger oder mit einem Kind heim." Üblich sei es auch, die Mädchen als Masseurinnen oder als Windzufächler einzusetzen. Sofern sie nicht gerade Feuerholz sammeln und Wasser holen müssen - oder gleich in einer der zahlreichen Ziegeleien des Landes landen.

Jungen erwischt es selten. Landlords mögen sie nicht sonderlich: Sie liefen ständig weg und seien im Haushalt auch kaum zu gebrauchen. "Die Landlords wollen Mädchen, weil sie hart arbeiten und gehorchen", so Krishna.

Krishna Choudhari ist selbst ein Tharu und trägt deshalb den gleichen Nachnamen wie Urmila. Auch er stammt aus ärmsten Verhältnissen, durfte aber eine Schule besuchen. "Damals schwor ich mir, etwas für die armen Menschen zu tun" - nun kämpft auch er gegen eine jahrhundertealte Tradition.

"Die Arbeit machte Mädchen wertvoller"

"Früher war das Kamalari-System dazu gedacht, die Mädchen im Haushalt zu trainieren", sagt Dam Bahdur Budathoki vom Kinderschutzkomitees in Gangaparaspur. Geld gab es nie, "man war stolz, die Mädchen wegzuschicken. Es machte sie wertvoller."

Mit Hilfe des Kinderhilfswerks Plan International konnten zwischen in den vergangenen vier Jahren allein im Distrikt Dang rund 1700 Kamalari-Mädchen gerettet werden. "Allein wäre das nicht zu schaffen gewesen", sagt Krishna. Denn es sei ja nicht damit getan, die Mädchen zu befreien.

Prem Pant, Chef des Kinderhilfswerks in Nepalgunj, betont, sie bräuchten danach auch eine Perspektive. Das sei nicht billig, seine Organisation gebe allein für das Kamalari-Projekt 625.000 Euro aus, vor allem für die Ausbildung der Mädchen. Und auch die Eltern würden unterstützt, damit sich ihre finanziellen Verluste in Grenzen halten, wenn sie auf den Verkauf ihrer Kinder verzichten.

Bargeld indes bekommen sie nicht. Es geht um Hilfe bei Mikrokrediten, der Gründung kleiner Firmen oder der Pacht eines kleinen Stücks Ackerland. So können sich die Familien selbst versorgen und zudem durch den Verkauf von Obst und Gemüse an Geld gelangen.

Laut Plan International profitieren davon bereits 2900 Familien, 3500 sollen es werden. Santala Choudhari gehört dazu. "Jetzt verdienen wir gutes Geld und können die Kinder in die Schule schicken. Früher war der Hunger das Problem, jetzt die Höhe des Ertrags", sagt sie strahlend, mit Blick auf ihren blühenden Schrebergarten nahe des Städtchens Lamahi.

Urmila trifft die Staatsspitze

Swan-Präsident Krishna Choudhari sagt, die Regierung müsse dennoch viel mehr Verantwortung übernehmen. Es könne nicht sein, dass sie sich auf die Hilfsorganisationen verlasse und selbst nichts unternehme. Gerade in der Hauptstadt, gerade in den Haushalten von Politikern und Wirtschaftsleuten arbeiteten viele Kamalari-Mädchen, so einer seiner Kollegen.

Vielleicht ändert sich das bald - dank Urmila. Längst ist aus dem kleinen verängstigten Mädchen eine junge Frau mit einer Mission geworden. "Ich wusste zunächst gar nicht, dass ich eine Kamalari war", sagt sie. Das lernte sie in einer Gruppe ehemaliger Leibeigener, die vom souveränen Auftreten und der Redekunst Urmilas so beeindruckt waren, dass sie die 19-Jährige zur Präsidentin aller bislang 1600 organisierten Kamalari-Mädchen machten.

Urmila zog bereits an der Spitze eines Protestzugs mit 600 Ex-Kamalaris durch Katmandu zum Regierungssitz. Und ließ nicht locker, bis sie der Staatspräsident und der Regierungschef empfingen. "Meine Vision ist, dass alle Kinder befreit werden, bei ihren Eltern leben und in die Schule gehen dürfen oder ihre Ausbildung machen können", sagt Urmila.

Und was ist mit ihrer früheren Herrin, die sich von ihr gern Exzellenz nennen ließ? Sollte die Politikerin sich weiter weigern, ihr für die Jahre der Leibeigenschaft Lohn zu bezahlen, werde sie die Frau nicht nur öffentlich mit Namen bloßstellen, sagt sie. Urmila Choudhari aus dem kleinen Dorf Manpur will dann im kastenbewussten Nepal das fast Undenkbare wagen: Sie will die Politikerin vor Gericht bringen. "Ich möchte den anderen Mädchen ein Beispiel geben, damit sie lernen, ihre Rechte wahrzunehmen."

Von Markus Klemm, dpa
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.