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23. November 2015, 09:34 Uhr

Mythos und Wahrheit

Mädchen können nicht rechnen?

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Es ist ein altes Vorurteil: Mädchen sind einfach schlechter im Rechnen. Was ist dran? Der Faktencheck.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätten Mädchen tatsächlich weniger mathematisches Talent als Jungen. In der Pisa-Studie 2012 hatten 15-jährige deutsche Jungs in Mathe durchschnittlich 520 Punkte. Gleichaltrige Mädchen schafften nur 507 Punkte. Deutschland liegt damit unter dem internationalen Schnitt: Über alle OECD-Staaten hinweg erzielten Mädchen durchschnittlich nur elf Punkte weniger als Jungen.

Ein Jahr zuvor hatte die Timss-Studie, die das mathematische und naturwissenschaftliche Können von Grundschülern vergleicht, ähnliche Ergebnisse präsentiert. Demnach bekamen Jungen in der vierten Klasse im Schnitt 532 Punkte, Mädchen aber nur 523 Punkte.

Das heißt jedoch nicht, dass Jungen von Natur aus einen besseren Zugang zu Zahlen haben. Denn es gibt Länder, in denen das Ergebnis ganz anders aussieht. So übertrafen laut Timss in vier Ländern die Mädchen die Jungen, und zwar in Russland, Taiwan, Singapur und in der Türkei. In Neuseeland lagen beide Geschlechter gleichauf.

Laut der Pisa-Studie schnitten die isländischen Mädchen eindeutig besser in Mathe ab als ihre gleichaltrigen Mitschüler. In zehn Ländern war der Unterschied in der mathematischen Kompetenz von Jungen und Mädchen nicht signifikant, darunter Finnland, Schweden, Norwegen und Slowenien.

Woher kommt es also, dass deutsche Schülerinnen schwächere Leistungen in Mathe zeigen? Forscher sind sich weitgehend einig, dass sich Mädchen bei uns weniger zutrauen - und deshalb oft schlechtere Noten haben. Mädchen sagten häufiger von sich, dass sie "einfach nicht gut in Mathe" seien, heißt es in einem Bericht der OECD vom März. Sie sagten das selbst dann, wenn sie bei Pisa genauso gut abschnitten wie ihre männlichen Altersgenossen.

"In vielen Gesellschaften herrscht ein Klima, in dem es als normal erscheint, dass Mädchen Mathe nicht so gut können", sagt OECD-Sprecherin Antonie Kerwien. Das könne sich auch auf die Leistungen auswirken.

Mädchen können besser statische Strukturen analysieren

Wie genau gesellschaftliche Rollenklischees die Leistung beeinflussen, ist noch nicht abschließend geklärt. So seien Vorbilder zwar wichtig, heißt es in dem OECD-Bericht. Jedoch seien Mädchen, deren Mütter oder Väter in naturwissenschaftlichen oder mathematischen Berufen arbeiteten, oft schlechter in Mathe als Jungen aus einem ähnlichen Elternhaus. Das könne daran liegen, dass allzu hohe Erwartungen die Mädchen unter Druck setzen würden, schreiben die Forscher.

In den Neunzigerjahren fanden kanadische und amerikanische Forscher heraus, dass Studentinnen in einem Mathetest deutlich weniger Punkte erreichten, wenn sie vorher gesagt bekamen, dass Frauen in diesem Test üblicherweise schlechtere Leistungen erbringen als Männer. Ohne diese Ansage schnitten die Studentinnen ähnlich gut ab wie ihre männlichen Kommilitonen.

Gerade die Eltern tragen laut OECD oft bewusst oder unbewusst dazu bei, dass sich Jungen mehr für Mathe und Naturwissenschaften interessieren: So können sich in Chile, Ungarn und Portugal etwa die Hälfte der Eltern vorstellen, dass ihr Sohn später einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf ergreifen wird. Für ihre genauso leistungsstarken Töchter können sich das höchstens 20 Prozent der Eltern ausmalen.

Ein Aspekt, der Mädchen bei uns in ihrer Begeisterung für Mathe bremst, könnte auch der Unterricht an deutschen Schulen sein. Die Kölner Professorin für Kognitive Mathematik, Inge Schwank, erforscht seit vielen Jahren, wie Kinder an mathematische Aufgaben herangehen. Sie fand heraus, dass viele Mädchen gut statische Strukturen analysieren, sich aber schlechter dynamische Prozesse vorstellen können - was wiederum Jungs oft leicht fällt.

Es gibt also offenbar Unterschiede im Gehirn, doch die bedeuten nicht, dass Mädchen automatisch schlechter in Mathe sind. Man müsste sie lediglich anders auf die Aufgaben vorbereiten, damit sie genauso gut abschneiden wie Jungs. "Der Unterricht muss neu gedacht werden, um Mädchen besser fördern zu können", sagt Schwank.

Zumindest demotivieren die gängigen Unterrichtskonzepte und Rollenbilder nicht alle Mädchen gleich fürs Leben: Im vergangenen Wintersemester war an deutschen Hochschulen knapp jeder zweite Studierende im Fachbereich Mathematik eine Frau.

Fazit: Mädchen könnten Mathe besser können, wenn sie sich mehr zutrauen würden. Festgefahrene Rollenklischees und ein Unterricht, der Schülerinnen nicht besonders gut fördert, führen jedoch dazu, dass Mädchen bei uns in Mathematik oft schlechter abschneiden als Jungen.

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