Männermangel an Schulen Lehrerinnen schaden Schülern nicht

Kitas und Grundschulen sind fest in weiblicher Hand, Schülerinnen auf der Überholspur. Hängen Mädchen die Jungs ab, weil männliche Lehrer fehlen? Zwei neue Studien ergeben: Eine Männerquote würde nichts nützen, denn die "Feminisierung" der Schulen schadet Jungen keineswegs - eher im Gegenteil.
Grundschüler: Warum hängen Schülerinnen so oft die Schüler ab?

Grundschüler: Warum hängen Schülerinnen so oft die Schüler ab?

Foto: ddp

Der Befund in einer Reihe von Bildungsstudien ist eindeutig: In der Schule haben Mädchen in vielen Belangen die Nase vorn. Häufiger als Jungen schaffen sie es aufs Gymnasium, sammeln die besseren Noten ein, reüssieren mehr bei Prüfungen und brechen deutlich seltener die Schule ab. Auch im Studium sind sie auf der Überholspur - erst wenn es um die akademische Karriere geht, gewinnen Männer wieder die Oberhand.

Ein anderer Befund ist ebenso klar: Der Bildungsbereich ist mindestens bis zum Ende der Grundschule fest in weiblicher Hand. In Kindergärten ist der Anteil männlicher Erzieher mit bloßem Auge kaum erkennbar. Und an den Grundschulen unterrichten im bundesweiten Durchschnitt zu über 85 Prozent Frauen, an männlichen Vorbildern hapert es. Kein Wunder, dass Jungen weniger gefördert werden, schlechter benotet werden, seltener fürs Gymnasium empfohlen werden - von dieser weiblichen Übermacht werden sie eben erdrückt.

Oder?

Die These ist inzwischen gängig, dass die "Feminisierung" der Bildung Jungen in eine veritable Krise geführt habe. Nach Jahrzehnten der Gleichstellungspolitik, nach all den Debatten über die Benachteiligung von Frauen in Gesellschaft und Beruf sei es höchste Zeit, männliche Schüler gezielt zu fördern. Das forderte beispielsweise der Aktionsrat Bildung in seinem Jahresgutachten 2009 mit dem Titel "Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem". Die einstige "Bildungsbenachteiligung des katholischen Arbeitermädchens vom Lande wurde durch neue Bildungsverlierer abgelöst: die Jungen", sagte etwa der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen, Vorsitzender des Aktionsrates. Und Randolf Rodenstock vom Verein der Bayerischen Wirtschaft: "Die Bildungsungleichheit zwischen Mädchen und Jungen überschreitet die Grenzen des rechtlich und moralisch Hinnehmbaren." Auch Annette Schavan (CDU), damals noch Kultusministerin in Baden-Württemberg, forderte einst eine Quote von mindestens 30 Prozent.

Der Forscher suchte einen Beleg - und fand keinen

Zwei noch unveröffentlichte Studien nähren jetzt erhebliche Zweifel an der Annahme, dass Frauen männlichen Schülern schaden. Marcel Helbig vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung knöpfte sich die Daten aus der Element-Studie vor, für die von 2003 bis 2005 unter anderem die Lese- und Rechenkompetenz von Schülern der vierten bis sechsten Klasse in Berlin erfasst wurde. Er besorgte sich dazu die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen - und verglich: Waren die Leistungen der Jungen an Schulen mit vielen Frauen im Kollegium schlechter?

"Ich konnte einen ganz kleinen Effekt feststellen", sagt Helbig SPIEGEL ONLINE. "An Schulen mit vielen männlichen Lehrern waren Schüler in Mathe minimal besser." Der Effekt sei allerdings so gering, dass man ihn vernachlässigen könne. In Deutsch unterschieden sich die Leistungen nicht. Sprich: Jungen profitierten weder beim Rechnen noch beim Lesen nennenswert von einem höheren Anteil männlicher Lehrer.

Dass Mädchen besser in der Schule sind, ist Fakt - und nicht neu. Helbig schreibt in seiner Studie, dass die Abiturientenquote bei Mädchen 1981 erstmals höher war als bei Jungen. Bis 1989 blieb dieser Vorsprung nahezu konstant, danach vergrößerte er sich stetig. 2007 machten etwa 30 Prozent aller Mädchen eines Altersjahrgangs das Abitur, bei den Jungen waren es nur rund 21 Prozent.

Parallel dazu nahm der Anteil der Lehrinnen an deutschen Schulen zu: Von 1965 bis 2007 stieg er von etwa 46 auf rund 69 Prozent. An Grundschulen unterrichten heute zu rund 90 Prozent Frauen. Da lag der Schluss nahe, dass die von den Mädchen abgehängten Jungen unter dem Männermangel an Schulen leiden. Zumal auch ein Vergleich der Bundesländer und OECD-Staaten zeigt: Wo mehr Lehrerinnen unterrichten, sind Mädchen erfolgreicher.

Für Verfechter einer Männerquote enthält die Studie einen Dämpfer

"Die Theorie kommt aus der Psychologie: Es stand schon bei Freud, dass Jungen männliche Vorbilder brauchen", sagt Helbig. Die These sei einfach auf die Situation der Schüler übertragen worden, die vor allem von Frauen unterrichtet werden. Nur: Ein empirischer Beleg fehlte, dass die Leistungen der Schüler damit zusammenhängen. Helbig suchte ihn - und fand ihn auch in der zweiten Studie nicht.

Gemeinsam mit Andreas Landmann und Martin Neugebauer von der Universität Mannheim untersuchte er Daten aus der Iglu-Studie 2001, bei der das Leseverständnis von Viertklässlern überprüft wurde. Dabei wurde auch vermerkt, ob und wie lange die Schüler von einem Lehrer oder einer Lehrerin unterrichtet wurden.

Ergebnis: Weder Mädchen noch Jungen profitieren bei der Kompetenzentwicklung oder den Noten in Mathe, Deutsch oder Sachkunde entscheidend von einem Lehrer des jeweils gleichen Geschlechts. Es gab keinen Zusammenhang - oder besser fast keinen. Denn für alle Verfechter einer Männerquote enthält die Studie gar einen Dämpfer: Wurden Mädchen und Jungen von einem männlichen Deutschlehrer vier Jahre lang unterrichtet, litt die Leseleistung - und zwar bei Schülerinnen wie Schülern gleichermaßen.

Helbig will nicht spekulieren, warum das so ist: "Da stehen wir auf dem Schlauch." Er interpretiert die Forschungsergebnisse generell vorsichtig und sieht noch allerhand Forschungsbedarf, um die Mechanismen hinter den Ergebnissen offenzulegen. "Solange dies nicht geschieht, ist der Ruf nach mehr männlichen Lehrern in der (Grund-)Schule nicht die richtige Antwort, damit Jungen besser in der Schule werden", schreibt er.

Nach seiner Analyse der Element-Daten bestätigte Helbig zudem Ergebnisse vorangegangener Untersuchungen: Jungen werden bei gleicher Kompetenz schlechter benotet als Mädchen. Auch dies sei aber nicht zwangsläufig auf die "Feminisierung der Schulen" zurückzuführen. Eher seien die geringere Selbstdisziplin, der Hang zur "Arbeitsvermeidung" und fehlender Fleiß dafür verantwortlich - was dann "mit einer Benachteiligung der Jungen nichts zu tun hätte".

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