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15. August 2007, 15:34 Uhr

Magersucht 2.0

Thinderella aus dem Netz

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Sie huldigen dem Hunger, tauschen Tipps zur Selbstkasteiung und empfinden sich nicht als krank. Internet-Foren sind der Treffpunkt der "Pro Ana"-Bewegung, die sich nach außen abschottet. Magersucht für Fortgeschrittene - ein Streifzug durch die bizarre Welt essgestörter Mädchen.

Fallen Angel hat braune Augen, dunkle Haare, mag Ska und ihren Computer. Sie möchte mal nach Japan reisen und studieren, trifft sich gern mit Freunden, hat aber gerade keinen Freund. Dafür eine besonders gute Freundin: Ana.

Thinspiration: "Das Essen ist die Sucht, die wir aufgeben müssen"

Thinspiration: "Das Essen ist die Sucht, die wir aufgeben müssen"

Ana ist immer da, verspricht viel - und macht abhängig. Ana tummelt sich im Web. Wer sich zu ihr bekennt, ist "Pro Ana" - und essgestört. Denn Ana ist ein schönes Wort für eine schlimme Krankheit: Anorexia Nervosa, Magersucht. Ana begleitet Fallen Angel schon seit mehr als zwölf Monaten, redet ihr ins Gewissen, will beachtet werden.

Ana hat im Internet ihre eigene Welt. Die ist meist rosa und etwas kitschig, in ihr gibt es Elfen, Engel, Feen, Libellen - märchenhafte Flügelwesen aller Art. Sie symbolisieren die Leichtigkeit, mit der Ana lockt. Ein Versprechen für die Zukunft, in der die Beckenknochen hervorstehen und sich zwischen den Oberschenkeln eine ansehnliche Lücke gebildet hat, in der die Kilos verschwunden sind. Und mit ihnen die Probleme.

Bis dahin aber ist der Weg hart, schwer, gnadenlos. Er zwingt Anas Freundinnen auf die Knie und vor die Kloschüssel. Animiert sie, Kalorien zu zählen, den Hunger zu ignorieren und Essen als Charakterschwäche anzusehen: "Das Essen ist die Sucht, die wir aufgeben müssen." Deshalb gibt es auf den Pro-Ana-Seiten im Internet Listen mit Lebensmitteln, die man als Anas Freundin noch essen darf. Und Tipps, wie keiner merkt, dass man es völlig okay findet, in Unterwäsche auf- und abgehend vor einem Spiegel zu essen.

Feen regnen vom rosafarbenen Seitenhimmel

Die Pro-Ana-Bewegung ist in den neunziger Jahren in den USA entstanden und auch in Deutschland heimisch geworden. Die Zahl der deutschen Pro-Ana-Seiten ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Wie viele Seiten und Aktive es gibt, ist aber unklar. Immer wieder werden Foren von Betreibern geschlossen, immer wieder werden Homepages unter neuem Namen und an anderer Stelle wieder eröffnet. In den Foren und Blogs tauschen sich vor allem Mädchen und junge Frauen aus, meist zwischen 12 und 20 Jahren. Sie nennen sich selbst Anas, in Anlehnung an den Namen der Bewegung.

Damit Anas Freundinnen die Botschaft begreifen, gibt es auf allen Seiten die gleichen Standards: einen Brief, in dem Ana sich vorstellt, ein Motivationsschreiben für alle, die zweifeln, einen Steckbrief mit Angaben zu Größe, Höchst-, Tiefst-, derzeitigem und angestrebtem Gewicht der Betreiberin. In ihrer virtuellen Welt wird Ana zur Religion: mit Psalmen, einem Glaubensbekenntnis, zehn Geboten und Gesetzen.

Paragraf drei zum Beispiel regelt das Essverhalten und legt fest, dass "Wasser stets nur in Dreier-, Fünfer- und Zehner- Schlucken getrunken werden darf und jeder Bissen mindestens zehn Mal gekaut werden muss". Außerdem gibt das Ana-Gesetz Tipps - je kleiner der Teller, desto größer wirken die Mahlzeiten. Paragraf fünf verdeutlicht, was Ana wirklich will: Abschottung. "Dieser Name/Begriff wird nicht in Gegenwart anderer Nicht-Anas erwähnt oder geschrieben", heißt es da.

Ab- und Ausgrenzung sind Anas Prinzipien. Ana hat eine eigene Symbolik mit eigenen Farben und eigenem Schmuck: Insider erkennen auf den ersten Blick, ob man hungert oder das Essen wieder erbricht, ob man sich selbst verletzt, depressiv ist oder in Therapie.

"Ana ist weniger ein Lebensstil als ein Lebensweg"

Auf Pro-Ana-Seiten häufen sich Gewichtstagebücher, -wettbewerbe und -ideale. Obendrein gibt es Abnehmtipps, Durchhaltetipps, Geheimhaltungstipps, Slogans. Und "Thinspirations"-Fotos von Models oder anderen Frauen, die das haben, wovon Anas träumen: sich abzeichnende Schlüsselbeine und Rippen. Zur Abschreckung dienen "Fatspirations", Bilder von krankhaften Fettmassen. Im Hintergrund regnen kleine Feen vom Seitenhimmel und streuen ihren Staub auf die rosafarbenen Gewichtsfantastereien.

Es ist eine fremde, verquere Welt. Viele Foren sind mit einem Passwort gesperrt. Die hinein wollen, müssen in der "Wartehalle" den Moderatoren ausführlich und glaubwürdig genug darlegen, dass sie Ana genug sind, um mitzumachen - und nicht nur eine der zahlreichen "Wanarexics", der Möchtegern-Essgestörten. Bei Pro Ana geht es, wie auch in der Realität der Essgestörten, vor allem um eins: strikte Kontrolle.

Anas Freundinnen sprechen nicht gern darüber, was sich im Netz abspielt. Aus der Welt der poetischen Namen auftauchen wollen sie schon gar nicht. Fallen Angel ist bereit, Fragen per E-Mail zu beantworten. Sie hofft, dass die Leute dann etwas besser verstehen, was die Bewegung für die Beteiligten ausmacht.

Pro-Ana zu sein bedeute, sich "für die Krankheit entschieden zu haben", schreibt Fallen Angel. Wichtig für die Seiten seien weniger die Gebote und Gesetze ("das ist Quatsch") und die anderen "Standards" als der Austausch und gegenseitiges Verständnis. Ana sei weniger ein Lebensstil als ein "Lebensweg": "Wir Magersüchtigen sind uns sehr wohl darüber im Klaren, dass wir krank sind, und wir wissen auch, dass man an Magersucht sterben kann, aber wir versuchen, damit zu leben." Man rede in den Foren zwar über das Abnehmen, animiere sich aber nicht, sich "zu Tode zu hungern".

"Wir wollen irgendwie magersüchtig sein" - warum die Anas sich nicht als krank empfinden und Hilfe ausschlagen

Fallen Angel möchte mit ihrer Homepage "andere informieren" und "aus ihrem Leben erzählen". Dass das Informieren auf vielen Pro-Ana-Seiten im Wettkampf um das niedrigste Gewicht endet, ist typisch für die Krankheit. Magersüchtige leiden unter extremem Erfolgsdruck: Nur wer diszipliniert hungert, ist etwas wert. Fallen Angel möchte 43 Kilo wiegen, vielleicht 40 - wenn es ihr "dann noch gut geht".

Die Foren der Thinderellas, Elfen- und Feenkinder zu finden, ist nicht leicht - viele Betreiber sperren die Seiten. Es sei übertrieben negativ über die Bewegung berichtet worden, kritisieren Fallen Angel und Spiegelkind, deren inzwischen geschlossenes Forum zu einem der größten der Szene gehörte. "Ich denke nicht, dass Pro-Ana-Seiten wirklich gefährlich sind", schreibt Spiegelkind - auch wenn sie für Außenstehende "so wirken mögen". Sie sieht eher einen positiven Effekt: "Es hilft den meisten, dass sie sich austauschen können - und meist nimmt der Austausch über die Gefühle und die Stimmung überhand und wird wichtiger als das Abnehmen."

"Wir wollen irgendwie magersüchtig sein"

Das sieht Wolfgang Gawlik, Mitgründer des Internetportals "Hungrig Online", ganz anders. "Die Betroffenen suchen Kontakt zu Gleichgesinnten, das ist prinzipiell gut. Die Art und Weise, in der das geschieht, ist alles andere als gut, denn Ziel der Seiten ist es, jegliche Impulse von außen abzuschotten." Die Foren entfachten eine negative Dynamik, mit der Betroffene sich gegenseitig bestärken, sagt Gawlik: "Die jungen Frauen lernen Dinge, auf die sie allein vielleicht gar nicht gekommen wären."

"Hungrig Online" hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem Bedürfnis der Essgestörten nach anonymer Kommunikation eine Plattform zu geben. Auf den Seiten können sie sich austauschen und Hilfe erhalten - "allerdings ohne den typischen Konkurrenzdruck", so Gawlik. Zahlen sind deshalb tabu: keine Kalorienangaben, keine Angaben zu Größe und Gewicht.

Die Pro-Anas sind meist nicht bereit, sich therapeutische Hilfe zu suchen - das macht die Bewegung aus. Sie wollen Ana nicht loswerden, sondern "mit ihr leben", so Fallen Angel: "Sich als krank zu empfinden und zu wissen, dass man krank ist, ist für mich ein Unterschied. Ich weiß, dass es nicht gesund ist, was ich mache, und dass Magersucht eine Krankheit ist, aber ich empfinde mich nicht als krank." Auf die Frage, ob man eine Krankheit nicht loswerden will, schreibt sie: "In den meisten Fällen ja, beziehungsweise in allen Fällen. Deswegen ist es auch so schwer zu erklären, wieso es Pro Ana gibt. Wir wollen irgendwie magersüchtig sein. Für uns ist es ein Schönheitsideal, untergewichtig zu sein, und man kann Untergewicht nun mal nur so erreichen."

"Ana ist etwas, das mir gehört"

Das Bild, dass sich in Pro-Ana-Foren nur extrem untergewichtige Mädchen tummeln, ist indes falsch. Viele wären gern magersüchtig: Die Anorexie gilt ihnen als reinste Form der Essstörung, als Inbegriff der Disziplin - weil Magersüchtige das Nicht-Essen quasi in Perfektion praktizieren und nicht so halbherzig wie die Ess-Brech-Süchtigen.

Nach der medizinischen Definition, die sich vor allem am Body-Mass-Index (BMI) orientiert, sind viele der jungen Frauen in den Foren indes nicht magersüchtig. Essgestört sind sie allemal. "Die Betroffenen haben eine Tendenz zur Anorexie, der Begriff wird aber umgangssprachlich verwendet, weil die jungen Frauen ein besonders schlankes Körperideal haben", so Gawlik.

"Ana ist etwas, das mir gehört, etwas, das ich bestimmen kann und das ich mir ausgesucht habe und ich möchte nicht, dass mir das jemand wegnimmt", schreibt Fallen Angel. Die Essstörung verdeckt meist etwas anderes: Wer das Nicht-Essen zu seinem Lebensinhalt werden lässt, hat wenig Zeit, sich mit anderen Problemen zu beschäftigen. Und Spiegelkind schreibt: "Die meisten hungern aus Angst, Einsamkeit, sie wollen Aufmerksamkeit und geliebt werden. Viele haben den Gedanken 'Wenn ich dünn bin, bin ich schön und dann wird alles gut'."

Angst, so Fallen Angel, habe sie vor allem vor einer Sache: "dass jemand aus meiner Familie mitbekommen könnte, dass ich Pro Ana bin". Ihre Eltern hätten so schon genug Probleme.

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