Mail aus Yale Frühlingsgefühle? Fehlanzeige!

Wie halten es Yale-Studenten mit der Liebe? Thomas König, 19, beobachtet an seiner Uni ein merkwürdiges Paarungsverhalten. Alle wollen - irgendwie. Doch keiner kriegt es hin. Dabei ist der Frühling doch die beste Zeit zum Verlieben. Oder etwa nicht?


Frühlingsanfang, auch auf Yale. Frühling steht für die ersten zaghaften Knospen, die warmen Sonnenstrahlen, die die vereisten Gelenke lockern und natürlich: die Liebe. Die Pärchen freuen sich auf den Frühling, das Händchenhalten, das Knutschen, die geheimen Liebesschwüre. Die Singles allerdings rollen ob der Omnipräsenz der jungen Liebe mit den Augen.

Eine SMS von der Freundin: Oft fühlt sich das Liebesleben in Yale an, als lebe man in einer Fernbeziehung

Eine SMS von der Freundin: Oft fühlt sich das Liebesleben in Yale an, als lebe man in einer Fernbeziehung

Soweit, so gut. Doch wandert man zu dieser Jahreszeit über Yales Campus, bietet sich ein anderes Bild: Die unzertrennlichen Pärchen lassen auf sich warten. Denn Dating und Beziehungen sind auf dem Elite-Campus gar nicht so einfach zu bewerkstelligen.

Ich war eigentlich erleichtert, als ich merkte, dass Yale-Studenten nicht unbedingt die große Zurschaustellung der wahren Liebe immer und überall nötig haben.

Damals war ich Single.

Mittlerweile hat sich die Situation geändert. Und ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass es manchmal wirklich anstrengend sein kann, eine Yale-Beziehung zu führen. Turtelnde Pärchen findet man auf dem Campus nämlich nicht oft. Das liegt nicht daran, dass die Yalies so etwas "nicht nötig haben". Nein. Meistens würden sie zwar gerne, können aber nicht.

Wie in den meisten Bereichen des Yalie-Lebens fehlt es an Zeit. Denn wie sicherlich jeder weiß, braucht eine Beziehung Zeit. Und Commitment. Unter diesen Begriff fällt eigentlich alles, was Pärchen glücklich macht: die Bereitschaft, sich für den Partner aufzuopfern, dem Partner Zeit zu schenken oder gar einfach seinem Partner treu zu bleiben.

Eine richtige Beziehung? Nein, danke.

Das alles sind eigentlich offensichtliche Bestandteile einer funktionierenden Beziehung. Mag man meinen. Doch im Mikrokosmos des College-Lebens ist das alles irgendwie anders: Bestünde das Yalie-Leben auch nur aus den Vorlesungen, wäre es ja kein Problem. Aber wenn man dann noch nach den Vorlesungen bis spät in die Nacht hinein seinen Aktivitäten frönen muss, wird es problematisch.

Yale-Studenten haben ja nicht nur drei bis vier Vorlesungen pro Tag, sondern auch bis zu zehn außerschulische Aktivitäten von Fechten über Rugby bis zu Bungee Jumping. Heißt konkret: Training von fünf Uhr morgens bis um neun, dann Vorlesungen und dann schließlich wieder Training bis elf Uhr abends. Wo bleibt da die Zeit?

Viele sehen deswegen hier auf Yale eine Beziehung eher als Last denn als Privileg. Letztlich muss man bedenken, dass die Mehrheit der hier Studierenden frisch aus behüteten - sehr amerikanisch-konservativen - Verhältnissen auf die große, weite Welt losgelassen wird. Da wollen viele erst einmal ein bisschen experimentieren und die neugewonnen Freiheit des College-Lebens genießen. Warum sich auch gleich binden?

Vielleicht bin ich wegen meiner europäischen Sichtweise ein wenig schockiert über die Einstellung zu Beziehungen hier auf dem Campus. Bedeutungslose Fremdgehereien, teilnahmslose Liebesschwüre in alkoholisierten Nächten und inkonsequente Dramen gibt natürlich auch in Deutschland. Aber nicht so massiv wie hier auf dem Campus, da bin ich sicher.

Wollen wir es mal miteinander probieren?

Verstehen kann in ein solches Verhalten nicht. Ich gehöre ja zu den Leuten, die gerne comitted sind. Natürlich ist es nicht so, dass ich ohne eine Freundin nicht lebensfähig wäre. Aber wenn ich eine Beziehung habe, investiere ich auch in sie.

Der Tenor in Sachen Beziehungen ist hier eher, nun ja, liberal - um es mal vorsichtig auszudrücken. Irgendwann mal wollen die meisten schon eine feste Partnerschaft haben. Aber muss das unbedingt jetzt gleich sein? Beziehungsliebende sollten jedoch nicht verzagen: Der Trick an der Sache ist nämlich, es einfach mal zu probieren. Auch wenn man eigentlich keine Zeit hat, kann man doch mal versuchen, jeden Moment "against all odds" zu genießen. Das heißt: die Wochenenden freihalten und viel Verständnis aufbringen.

Auch wenn einen nur ein paar hundert Meter von der Liebsten trennen, so fühlt es sich doch oft so an, als lebte man in einer Fernbeziehung. Wenn sie dann mal schnell nach Chicago jetten muss, um einer Konferenz beizuwohnen oder ihre Abendessenszeit damit verbringt, Viertklässlern Mathe beizubringen, während man selbst gerade in New York herumwuselt, kommt schnell Frust auf. Die niemals enden wollenden Ressourcen von Yale machen es einem einfach nicht leicht.

Doch wie ein sehr guter Freund hier auf Yale zu diesem Thema einmal sagte: „Wir sind alle aus ganz bestimmten Gründen hier. Das Mindeste, was man von uns erwarten sollte, ist dass wir fähig sind, unser Privatleben unter Kontrolle zu haben.“

Das denke ich auch.

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