Mail aus Yale "Ich gegen alle"

Er hat mit Uno-Abgeordneten gesprochen, Nackt-Partys gefeiert und Alec Baldwins Handynummer ergattert. Nach einem Jahr fühlt sich Student Thomas König, 19, ganz als Yalie. Jetzt aber steht erst einmal der Umzug nach Shanghai an.


Da stand ich nun - mit meinem frisch gekauften Yale-Sweatshirt, inmitten der nervösen Energie, die ein jeder Neuanfang mit sich bringt. Sofas wurden durch enge Türrahmen gezwängt, Eltern flankierten stolz strahlend ihre Sprößlinge und lächelten für die Kameras. Langsam, von Zweifeln und Unsicherheiten gebeutelt, spazierte ich über den Campus, nur mit einer Ahnung, was mich wohl erwarten mag.

Yale-Student Thomas König: Panisches Klammern und Gruppendenken
Thomas König

Yale-Student Thomas König: Panisches Klammern und Gruppendenken

Yale. Die Elite. "Wirst du das hinbekommen?" Eine Stimme riss mich aus meinen Gedankengängen: ob ich nicht helfen könne, den Kühlschrank in den dritten Stock zu schleppen? Und los ging's.

Das war vor knapp zehn Monaten. Mein erstes Jahr Yale ist in seinen letzten Zügen. Der Sommer, knapp vier Monate Freiheit liegen vor uns allen. Zeit darüber nachzudenken, was im letzten Jahr eigentlich passiert ist.

Es begann alles mit peinlichen Begegnungen: "Don't I know you from facebook.com?", verzweifelten Alkoholexzessen , um soziale Unsicherheiten zu überbrücken, bis hin zu "Abstürzen" mit Mädels und Jungs, deren Gesichter man schon am nächsten Tag nicht mehr wiedererkennen würde. Sollte es das gewesen sein?

Die ersten Wochen waren schwer. Wo steckten die Gleichgesinnten? Die Theaterfreaks? Die Filmfanatiker? Die Bücherwürmer? In den ersten Wochen schien es, als wären wir alle entindividualisiert worden; der furchtbar menschliche Drang, dazugehören zu wollen, machte uns zu Angepassten. Aus dem "I will never ever touch a drink of alcohol"-girl wurde alsbald die dauerbreite Partymaus. Aus dem "Work comes first"-guy wurde schnell "That test only counts for 20 percent of my grade, let's go watch a movie"-boy. Und als es dann noch immer nicht so richtig gelingen wollte, wurde schnell klar: Anpassen bringt gar nichts.

Denn "Dazugehören" heißt nicht, von anderen beeinflusst werden, sondern andere beeinflussen - und somit sein soziales Umfeld formen. Was schnell in Vergessenheit gerät, sobald man in ein neues Umfeld stolpert.

Zu viele Nackt-Partys

Dann geschah etwas, dass nur auf einem Uni-Campus geschehen kann: Nach zwei Wochen der vernebelten Freundesfindung fingen wir nach und nach an, uns durch unsere Studienrichtung zu definieren. Die american studies majors fanden plötzlich die art history majors nicht mehr so prickelnd, während die fashion design majors ob der Omnipräsenz der literature majors mit den Augen zu rollen begannen. Schneller als erwartet fanden wir Gleichgesinnte, auf Kosten der Horizonterweiterung. Die wichtigste Tatsache, die mir nach einem Jahr Ausnahmezustand klar geworden ist: Wir sind alle Gewohnheitstiere sind, und "gleich und gleich gesellt sich gern" sagt man nicht nur so dahin, es ist wahr - und ernüchternd.

Nach panischem Klammern und Gruppendenken erlebten wir bald eine weitere Veränderung: Yale, das natürlich viel mehr als nur ein Forum für Studenten bietet, ermutigte uns alle, an den verschiedensten "Aktivitäten" teilzunehmen - und Grenzüberschreitungen wurden gar nicht mehr so unüblich. Der Yale-Campus mit seinen vielen Gruppen wurde bald zu einem riesigen Kollektiv. Und als das passierte, war nichts mehr unmöglich: Jonglierende Geschichtsstudenten, Seite an Seite mit Medizinern in spe, Sportgymnastik betreibende Literaten und Physiker bis zu East Asian Majors und Theaterstudenten, die töpfern. Und das alles geschah binnen vier Wochen. Eine Mini-Evolution, die das allzu nervige Gruppendenken natürlich nicht ausgerottet, sondern nur verändert hat: Aus "Ich gegen alle" wurde "Wir gegen manche", bis hin zu "Yale gegen den Rest".

Ist Yale also die Elite? Nicht, was die Intelligenz der Studenten betrifft. Wohl aber, was ihre Leidenschaft angeht. Ich glaube, ich spreche für alle Yalies, wenn ich sage, dass dieser Geist, etwas bewegen zu wollen, unendlich motivierend ist.

Verdammt viel wunderbaren Schwachsinn angestellt

Genug philosophiert, jetzt geht's ans Skandalöse: Die Menschen sind es, die Yale so lebenswert machen und mich mit reichlich Anekdoten und Geschichten versorgt haben. Als wir vor ein paar Nächten zusammen in unserer Suite saßen und gemeinsam bis neun Uhr morgens in Erinnerungen schwelgten, wurde mir vor allem eines bewusst: Ich habe dieses Jahr verdammt viel wunderbaren Schwachsinn angestellt.

Nackt-Partys und Nackt-Schwimmen, mit Alec Baldwin Nummern ausgetauscht, auf verschiedenen Busreisen durch Amerika laut gegrölt. Neue Yalies mit dem Yale-Fieber angesteckt, Herzen gebrochen, auf den verschiedensten Yale-Dächern Gitarren spielend den Abend begrüßt. Mit Uno-Abgeordneten Scherze gemacht, Karaoke gesungen, Spontantrips nach New York unternommen. Und natürlich Harvard gebashed.

Ja, es ist schwer, Beziehungen aufrechtzuerhalten, ja, man muss verdammt viel lernen, ja, man schläft nicht viel. Ja, eine Party weniger würde vielleicht gar nicht ins Gewicht fallen, und man könnte dann auch zu Hause lernen. Natürlich. Aber: Mein Jahr in Yale war eines der aufregendsten in meinem Leben. Ich kann nicht glauben, dass ein Viertel meiner Yale-Karriere vorbei ist. Im Sommer werde ich in Shanghai zwei Monate für ein IT-Unternehmen arbeiten - Yale hat mir den Job vermittelt.

Yale ist ein Traum. Mein Traum. Und so stehe ich nun in meinem Zimmer, die Wände leer, unser Sofa schon in unserer neuen Suite in Pierson, während die Umzugskarton sich hier türmen. Und grinse blöd.

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