Mail aus Yale Punktesammeln contra Katerfrühstück

Als Thomas König, 19, aus den Semesterferien zurückkehrt, hat sich Yale in ein Wintermärchen verwandelt. Auf die Schneeballschlacht folgt ein strammes Programm: Das zweite Semester erwartet ihn mit einer Extraladung Denkarbeit.


Ich war zurück, und es fühlte sich großartig an. Die letzten Tage in Neuss, in der Heimat, rauschten mit unglaublicher Geschwindigkeit davon. Nun stand ich wieder auf dem Yale-Campus, meiner neuen Heimat.

Es hatte geschneit, der gesamte Campus lag in pulvrigem Schnee. Vermummte Gestalten schlitterten über den Platz oder gaben sich wilden Schneeballschlachten hin. Erst auf den zweiten Blick entdeckte ich unter all den Mützen und Schals meine Freunde. Natürlich wurde das Wiedersehen in einem orgiastischen Fest nach dem anderen zelebriert. Noch jetzt, drei Wochen später, wird der Samstagmorgen nach der Rückkehr mit pochendem Kopfschmerzen, Unwohlsein und einem riesigen hangover assoziiert.

Allzu lange durfte ich mit Kopfweh und Katerfrühstück nicht im Bett bleiben. Mein zweites Semester begann, es galt, neue classes zu belegen: Jeder Yale Student muss bis zu seinem Abschluss 36 credits (das deutsche Pendant dazu sind wohl die Scheine) erlangen. Für einen Kurs gibt es in der Regel einen Credit; manche Kurse, zum Beispiel Sprachkurse, liefern aber auch gleich mehrere Punkte pro Semester. Mit den vielen Credits liegt Yale, was das Arbeitspensum angeht, ziemlich weit oben. In Harvard zum Beispiel reichen "nur" 32.

4 + 2 + Sprache = Bestanden

Generell kann ein Yalie seine Kurse so bunt zusammenwürfeln wie einen Salat mit Schokosoße – Hauptsache, er hat zum Schluss alle Credits zusammen. Es gibt jedoch einige kleine Auflagen: So muss man bis zu seinem Abschluss eine bestimmte Anzahl der so genanten distributional requirements erfüllen. Das sind dreierlei Anforderungen: vier Kurse quantative reasoning (QR), zwei Kurse writing (WR) und mindestens eine Fremdsprache.

Die QR-Kurse sind nicht, wie man meinen möchte, nur Mathematik. Darunter passt in Yale alles, was mit Zahlen zu tun hat, also auch psychologische Statistik, Astronomie oder gar Astrologie. Unter WR fallen alle Kurse, die sich in der literarischen Welt bewegen: "African American History until the 20th Century", "Theater Studies: Contemporary Performances" oder "Intro to Narrative" – auch hier sind die Möglichkeiten unendlich.

Für mein zweites Semester muss ich mir nun den Kopf zerbrechen: Welche Kurse belege ich in Zukunft; welche Anforderungen kann ich wann erfüllen? Wie viele Kurse kann ich jetzt oder später belegen? Und macht das dann auch Sinn?

Im vergangenen Semester hatte ich mir 4,5 Credits erarbeitet und mit Chinesisch und "Intro to Narrative" auch gleich zwei distributional requirements abgedeckt. So kann ich mich im zweiten Semester auf mein Hauptfach "International Studies" konzentrieren. Ich besuche "Economics", das ist nötig für mein Hauptfach und außerdem ein QR-Kurs. Dann lerne ich weiter Chinesisch (Pluspunkt für die Fremdsprache) und will auch noch einen direkten Kurs "International Studies" besuchen. Das bringt mich auf 3,5 Credits im nächsten Semester.

Nach einem Jahr Yale müsste ich dann also schon acht Punkte gesammelt haben – fange ich dann im dritten Semester neben Chinesisch noch mit Japanisch an, wird es nur so Credits regnen. Wenn alles klappt, habe ich in meinem letzten Jahr, dem senior year, so viel Luft, dass ich nur noch Kurse besuchen kann, die mich wirklich interessieren. Mit diesem Masterplan im Hinterkopf bin ich also in mein zweites Semester gestartet.

Stress und Spaß im Diagramm

Zwischen all dem Punkteschieben bleibt einem echten Yalie nicht mehr viel Schlaf. Von 18 bis 22 Uhr probe ich jetzt intensiv für unser Theaterstück "Die Möwe". Dann arbeite ich fleißig in der "Yale Model United Nations" mit, einem Programm für eine Art Mini-UN. Ganz nebenbei muss ich auch meine readings absolvieren und mich um mein tägliches Schreibpensum für die YDN kümmern - die "Yale Daily News", älteste Studentenzeitung in ganz Amerika.

Müsste ich meinen derzeitigen Tagesablauf in eine Grafik packen (im Economy-Kurs machen wir das dauernd), gäbe es drei Linien: Stress, Spaß und Müdigkeit. Von 9.30 Uhr bis 2.30 Uhr, beides am morgen, würden die Linien immer weiter ansteigen. Die Stresskurve bleibt noch ziemlich am Boden, die Müdigkeitsskala schießt ab dem Nachmittag steil in die Höhe. Aber mit ihr hüpft die Spaßkurve nach oben. Ab dem Abendessen, jetzt beginnt nämlich das campus life, hat die Spaßkurve nur eine Aussage:

It’s good to be back!

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