Mail aus Yale Schnarchfest auf der Uniwiese

Wie tickt ein typischer Yalie? Er ist nachtaktiv, feierfest und immer bereit zur Spontanparty um vier Uhr morgens. Der Neusser Abiturient Thomas König, 19, beobachtet verblüfft, wie wenig Schlaf den Kommilitonen reicht. Und wo man sie tagsüber schlummern sieht.


Es ist langsam an der Zeit, mit dem Klischee aufzuräumen, Yalies seien unnahbare Genies, die nichts erschüttern kann. Denn das sind sie wirklich nicht. Ein Yalie ist bestimmt eine sonderbare Gestalt – es gibt sie in vielen Ausführungen. Ob männlich oder weiblich, hübsch angezogen, im Schlafanzug oder im Schottenrock: Man sieht Yalies in allen Aufmachungen. Sie arbeiten hart und schlafen selten.

Generell sind sie sehr nachtaktiv, so dass Dialoge wie dieser keine Besonderheit sind:

"Hey, ich hab jetzt Zeit, einen Kaffee mit dir trinken zu gehen."

"Es ist 4.12 Uhr morgens."

"Oh. Wirklich? Das ging schnell."

Dass Yale-Studenten nachtaktive Wesen sind, kann man ihnen nicht verübeln. Mit drei bis vier Vorlesungen pro Tag und fünf bis zehn außerschulischen Aktivitäten (von Fechten über Rugby bis zu Bungee Jumping ist alles dabei) ist es einfach schwer, vor 23 Uhr abends überhaupt den Berg von readings und homework in Angriff zu nehmen. Hinzu kommt dann jedoch Störfaktor Nummer eins auf dem Campus: der Freundeskreis.

Unglücklicherweise trifft man immer dann auf gute Bekannte, wenn man sich mal wieder fest vorgenommen hat, "diese Nacht um neun Uhr ins Bett zu gehen" oder "unbedingt die längst vernachlässigten Hausaufgaben nachzumachen". Man verquatscht sich. Und dann ist es schon wieder drei Uhr morgens.

Besonders beliebt ist das Yale'sche Schneeballphänomen. Sobald sich drei bis vier Freunde zusammenfinden, kann man mit höchster Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sich binnen kürzester Zeit eine exzessive Feierlichkeit bildet, frei nach dem Motto: "Zwischenprüfungen morgen um elf Uhr? Da bleiben mir wenigstens sieben Stunden zum Feiern!"

Sprachlos durch Schlafentzug

Yalies haben es sicher nicht leicht. Mit so viel Arbeit und sozialem Engagement müssen eben andere Orte (und vor allem Zeiten) gefunden werden, um den dringend gebrauchten Schlaf nachzuholen. So ist es schon oft genug vorgekommen, dass man im Wäscheraum schlafende Studenten vorfindet, die ihre 800-seitigen Geschichtsbücher eng, aber ungeöffnet umklammern.

Solange das Wetter noch warm genug ist, kann man auch davon ausgehen, dass über den ganzen Old Campus verteilt Dutzende von Freshmen im grünen Gras liegen und zumindest für ein Viertelstündchen wegdösen – diese Phänomen wird auch als das Snoozefest (Schnarchfest) bezeichnet. Auch wenn es viele nicht zugeben wollen, man munkelt zumindest, dass sehr gern auch die Vorlesungen genutzt werden, um verpassten Schlaf wieder reinzuholen.

Der Schlafentzug verursacht natürlich noch andere Probleme - Missverständnisse, Wortfindungsstörungen, Konzentrationsmängel. Bis vor kurzem regte sich mein Zimmergenosse darüber auf, dass seine Kleidung nie trocken sei, wenn er sie aus dem Trockner holte. Als ich dann näher nachforschte, fanden wir eine Erklärung: Während der letzten zwei Monate hatte mein Roomie schlicht vergessen, den Trockner anzuschalten. Stattdessen ließ er seine feuchte Wäsche für eine Stunde vor sich hin dümpeln.

Oder: Eine gute Freundin von mir kaufte sich tatsächlich dreimal dasselbe History Textbook, weil sie es angeblich andauernd verlor. Tatsächlich warteten ihre vorher gekauften Bücher einfach in einer Schublade neben ihrem Bett auf den Gebrauch – sie schaute nur nie hinein.

Das sind aber nur Beispiele für den speziellen chaotischen Charme, den Yalies versprühen. Eine Mischung aus Schlaflosigkeit gepaart mit absoluter Alltagsunfähigkeit, plus einer schier endlosen Kapazität an Lebensfreude, Neugier und Abenteuergeist. Was sagt uns das?

Yalies sind nicht anders als andere Studenten weltweit, und doch sind sie unglaublich anders. Was sie meiner Meinung nach von anderen Erstsemestern unterscheidet, ist ihr "sense of community". Sollte man ein Problem wälzen, unter Heimweh oder Kopfschmerzen leiden, über Beziehungsschwierigkeiten reden wollen, keinen Platz zum Schlafen finden, die letzten 1000 Seiten Readings nicht erledigt haben oder einfach nur einen Mitternachtssnack brauchen – Yalies sind immer für einen da.

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